Auf Stelzen am See
Haus bei Potsdam von Carlos Zwick
Ein paar Jahre schon war der Architekt Carlos Zwick (Kleinmachnow) auf der Suche nach einem Wassergrundstück in der Umgebung von Potsdam. Es sollte nicht allzu abgelegen sein und dabei groß genug, um ein Haus für die achtköpfige Familie unterzubringen. 2011 stieß er auf ein über 4.000 Quadratmeter großes Grundstück am Jungfernsee, nur zehn Minuten nördlich von Potsdam. An der vielbefahrenen Bundesstraße B2 standen zwei Fachwerkhäuser aus dem 19. Jahrhundert, klein, marode und denkmalgeschützt: das ehemalige „Parkrestaurant Nedlitz“. Einst ein beliebtes Ausflugslokal mit Tanzsaal, verfügte es nicht nur über einen Bootsanleger, sondern auch über einen Biergarten auf mehreren Terrassen am Seeufer. Weil selbst der Kaiser hier einmal gesessen haben soll, hießen die Terrassen fortan „Kaiserterrassen“. Den Namen behielten sie auch in der DDR, aber nach der Wende war rasch Schluss mit Ringelpiez in Nedlitz.
Als Zwick das Gelände besichtigt, sind die Gebäude seit über 20 Jahren ungenutzt. Vorherige Interessenten hatten die denkmalgeschützten Häuser abgeschreckt. Zwick sagt, die Häuser hätten damals unmittelbar vor dem Einsturz gestanden. Das Denkmalamt hatte außerdem eine Baugrenze von 50 Metern bis zur Uferkante festgelegt, und auch die erhaltenen Mauern der Kaiserterrassen durften nicht verändert werden. Das Ganze galt als unverkäuflich. Zwick kaufte es 2014.
Parkcafé und Tanzsaal an der Straße will Zwick denkmalgerecht sanieren und wieder in Betrieb nehmen, was derzeit allerdings aufgrund einer bedauernswerten Auseinandersetzung mit den Behörden noch nicht möglich ist. Schneller ließ sich dagegen die Idee mit dem Wohnhaus verfolgen. Das plante er an der Seeseite über einem Teil der sanierten Kaiserterrassen zu errichten. Vier Bauanträge werden abgelehnt. Erst als er im fünften das Haus auf Stelzen stellt, drei Meter über den Terrassen, wird der Antrag genehmigt. So bleibt nämlich der Seeblick von der Straße aus erhalten.
Das Stelzenhaus besteht nun aus zwei großen Volumen, rechteckig und eingeschossig, die zusammen ein L formen. Eines liegt ungefähr parallel zum Wasser, das andere an der südlichen Grundstückskante. Beide werden von insgesamt 40 diagonalen Stahlstützen auf zehn Einzelfundamenten in die Höhe gestemmt. Es ist eine gemischte Skelettkonstruktion aus Stahl und Holz, die Fassaden sind mit Lärche verkleidet. Die Loggia zum Wasser misst satte 22 Meter, durch die verglaste Brüstung ist die Wasseroberfläche des Jungfernsees bis weit in die Wohnräume hinein sichtbar.
Zwischen beiden Häusern steht ein kleiner verputzter Pavillon als gemeinsamer Eingang mit Treppe und Fahrstuhl. Auf den Baumbestand nehmen die drei Kuben Rücksicht: Keiner der hohen, alten Bäume musste gefällt werden. Ein alter Ahorn wird nun vom Wohnzimmer umschlossen. Wer will, kann an Lina Bo Bardis Casa de Vidro denken, an das Haus in Cap Ferret von Lacaton & Vassal oder an Peter Grundmanns Haus in Mellensee, die alle auf ihre Art jeweils um Bäume herum gebaut wurden.
Insgesamt verfügt das Haus über eine gewaltige Nutzfläche: Die größere Einheit zum Wasser misst 23,6 x 18,5 Meter, die kleinere 19,6 x 10,1 Meter. Insgesamt kommen so 580 Quadratmeter Nutzfläche zusammen, die Innenräume sind über drei Meter hoch. Im Augenblick nutzt die Familie die beiden Gebäudeteile als Eltern- bzw. Kinderhaus. Falls sich die Lebensumstände einmal ändern sollten, ließe sich das Haus leicht in bis zu drei Einheiten aufteilen. Durch den Fahrstuhl ist es zudem bereits altersgerecht ausgestattet. Einen Käufer dafür zu finden, wäre jetzt vermutlich nicht mehr ganz so schwer. (fh)
Fotos: José Campos
Vermutlich ist es da wärmer ? Vermutlich ist da durchschnittlich viel relevanter als hier, da sind die großen Häuser viel größer und die kleinen viel kleiner. Das Projekt ist einfach Spitzenklasse. Das Einfache, was so schwer so machen ist. Hut ab ! Alles Gute !
Das finde ich beim baunetz übrigens. Daher ist meine Bitte an die Redaktion, so weiterzumachen. Und übrigens finde ich auch die Publikation von Herrn Zwicks Haus hier ganz richtig, auch wenn ich dem Bau in einigen Punkten nicht zustimme.
mir ist schon klar, dass sehr viele leute soviel und auch noch mehr fläche bewohnen, aber ich habe auch bekannte, die auf 69 m2 zu viert oder zu fünft wohnen. in deutschland. auch das muss nicht sein. nigeria taugt übrigens auch nicht als vergleich, denn dort ist es ganzjährig warm, die menschen können auch deshalb mehr zeit im freien verbringen. aber wenn sie es zuende denken, merken sie es vielleicht - die rechnung geht nicht auf. wenn man allen menschen gleiche rechte zugesteht, müssten wir auch z.b. nigerianern, indern und chinesen einen aus unserer sicht noch erträglichen wert von 20 oder 30 m2 pro kopf gönnen - allein diese zusätzliche wohnfläche zu errichten und im anschluss zu betreiben würde schon einen gigantischen ressourcenverbrauch auslösen. dann bitte noch jedem erwachsenen dieses planeten ein auto vor die tür stellen, wie wir es beinahe selbstverständlich für uns in anspruch nehmen, und fertig ist die apokalypse. es kann und wird so nicht weitergehen, deshalb ist es nicht anständig, diese architektur hier immer wieder als ideal zu feiern oder zumindest neidisch zu bestaunen.
PS: Wohnfläche in Nigeria pro Kopf 6 m2. Um uns keinen nationalstaatlichen Egoismus vorwerfen zu lassen schlage ich vor, von jetzt ab bei Baunetz nur noch Projekte mit max. 9 m2 / Nase zu zeigen.
die gezeigten bauten sind ja meistens anständig gemacht, detailliert, entworfen. aber reicht das heute noch? daher würde ich mir wünschen, dass ein portal wie baunetz, das ein journalistisches medium ist und keine selbstdarsteller-architekten-bildergalerie, relevante und wegweisende projekte zur veröffentlichung auswählen sollte. wir leben in einer zeit, in der die schere zwischen arm und reich auseinandergeht, in der der klima- und umweltschutz bereits die größte aufgabe der menschheit ist, wo wir alle also einen umang mit architektur (er)finden sollten, der antworten auf die technisch-ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen fragen unserer zeit liefert. wir brauchen projekte und bauten, die dazu beitragen, dass irgendwann ein qualitätvolles leben ohne ausbeutung unseres planeten und unserer mitmenschen möglich wird. ein bau wie der hier gezeigte erfüllt diese kriterien nicht. dieses haus ist streng genommen ausbeuterisch, da es nicht nur natur und rohstoffe verbraucht, sondern auch sozial nur funktioniert, weil andere menschen in einfacheren verhältnissen leben. also vielleicht ganz nett für familie zwick, aber eben überdimensioniert, protzig, neureich und egoistisch. intelligente architektur geht völlig anders. bitte, liebe baunetz-redaktion, zeigt uns doch gute innovative, kleine, soziale, qualitätvolle projekte aus deutschland, die uns weiterbringen, und nicht immer wieder diese halbguten protzvillen oder schicken teile aus übersee, die hierzulande oft irrelevant, da unter völlig anderen rahmenbedingungen entstanden sind.