Schrei nach IBA
Hans Kollhoff und das Berliner Wohnungsmarktforum
Tausende Menschen in Turnhallen, steigende Mietspiegel und explodierende Kaufpreise – so der Status Quo am Berliner Wohnungsmarkt kurz vor den Wahlen. Um die „Berliner Mischung“, Luxuswohnen im Hochhaus und eine „bürgerliche Haltung“ zur Baukultur ging es im „Ersten Berliner Wohnungsmarktforum“ mit Hans Kollhoff.
Von Dina Dorothea Falbe
Die Bebauung des Tempelhofer Feldes ist am Volksentscheid gescheitert und die Bevölkerung wächst weiter. Zukunftsvisionen für Berlin präsentierten deshalb neben Bausenator Andreas Geisel (SPD) auch Vertreter von CDU und Grünen im Gespräch mit Kollhoff und dem Gastgeber Karl Jürgen Zeller von der Bewocon. Die 2014 gegründete Immobiliengesellschaft hatte am Mittwoch in die Lounge des Fernsehturms geladen.
Mit den Hochhausplänen am Berliner Alexanderplatz, die Kollhoff bereits im Masterplan 1993 formuliert hatte, wird es nun ernst: Gemeinsam mit dem russischen Investor MonArch gab die Bewocon bekannt, den Bauantrag zum Alexander Tower eingereicht zu haben. Noch in diesem Jahr will man mit dem Bau beginnen. O&O Baukunst entwarfen das höchste Wohngebäude der Stadt mit Referenzen an die „klassische Moderne“ in Russland und Deutschland. Mit dem Neubau will Karl Jürgen Zeller die Nachfrage aus dem Ausland nach zentralen Luxuswohnungen bedienen. Er glaubt, dass die Stadt von der Kaufkraft profitieren wird und wünscht sich eine stärkere Zusammenarbeit der Politik mit den privaten Wohnungsbauakteuren. Einen Konflikt mit dem Wohnbedarf im Niedrigpreissegment sieht er nicht, denn das finanzkräftige Klientel sei an Wohnungen in „sehr zentraler Lage“ und „nicht in Spandau“ interessiert.
In der Stadt der Mieter gibt sich Andreas Otto von den Grünen volksnah und tritt mit berlinerischen Anekdoten für die Rechte der mietenden 85 Prozent ein. Matthias Brauner von der CDU will die Eigentumsbildung fördern, Familien sollen Eigenheime in der Stadt kaufen. Um den Preisanstieg zu stoppen, habe der Senat erst die Voraussetzungen für den Bau neuer Wohnungen schaffen müssen, erklärt Senator Geisel: die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sei eine „B-Plan-Fabrik“. Wurden 2011 nur 1.500 Wohnungen geschaffen, waren es 2015 bereits 11.000 – Tendenz steigend. Eine Novellierung der Bauordnung soll in definierten „urbanen Gebieten“ Wohnen und Gewerbe mischen und stärkere Dichte erzeugen. Matthias Brauner würde langwierige B-Plan-Verfahren lieber vermeiden und direkt nach §34 genehmigen.
Über einige Punkte ist man sich offenbar einig: die EnEV muss überarbeitet, muss technologieoffen werden, um nicht nur der Dämmstoffindustrie zu nützen, die „Berliner Mischung“ soll erhalten werden, so dass für alle Einkommensklassen Raum bleibt – davon hängt schließlich auch die Attraktivität eines Stadtteils für die internationalen Finanzkräftigen ab. Wie man nun aber bei Neubau und Verdichtung konkret dafür sorgt, dass immer auch die Infrastruktur und die städtische Lebensqualität stimmt – dazu bräuchte es wohl eine neue IBA in Berlin. Laut Senator Geisel ist diese allerdings nicht vor 2021/22 realisierbar.
Für die IBA plädiert auch Hans Kollhoff, der zuvor das Wettbewerbswesen im Wohnungsbau für idiotisch erklärt hatte, da es auf städtebauliche Innovation abziele. Man wisse schließlich seit Jahrhunderten, wie Stadt gebaut werden müsse, um zu funktionieren, nämlich als Blockrandstruktur mit öffentlicher Front und privatem Hof. Um größere Planungen umzusetzen, müsse man den Bürgern allerdings ein Bild mit Sogwirkung präsentieren – daran sei die Entwicklung des Tempelhofer Feldes gescheitert.
Mit Blick auf das selbsternannte Leuchtturmprojekt Alexander Tower kommt dann doch die Frage auf: Wo bleibt der Mut in der architektonischen Gestaltung? Der Investor beschuldigt das Baukollegium einen mutigen, farbenfrohen Entwurf zum Alexander Tower weichgespült zu haben. Kollhoff hingegen ist froh über die hier durchgesetzte „bürgerliche Haltung“, sie „tut der Stadt gut!“. Mit dem „rosa Monster“ Alexa stehe das Gegenbeispiel direkt nebenan.
Kollhoff sitzt vor dem Stadtpanorama unter dem goldenen Fernglas während er in die Zukunft blickt: Brandlhubers Brunnenstraße wird in zehn Jahren „alle anöden“. Heute sei niemand in der Lage dauerhafte Architektur zu errichten, die an die Qualitäten des Stadtschlosses mit 300 Jahren Bauzeit heranreiche. Das Stichwort Stadtschloss fordert schließlich auch ARD-Moderator Joachim Lorenz zu einer Meinungsäußerung heraus: Der Palast der Republik wäre keine gute Architektur gewesen.
Vergessen wird offenbar, dass man sich gerade in einem ebenfalls umstrittenen Gebäude der DDR befindet, dem anhaltende Beliebtheit bei in- und ausländischen Touristen inzwischen einen unstrittigen Platz im Stadtbild gesichert hat. Im Vordergrund der aktuellen Visualisierung des Alexander Towers wird das Haus des Lehrers, das nach dem ursprünglichen Kollhoff’schen Masterplan verschwunden wäre, als gleichwertiger Partner gezeigt. Ist dies ein Versöhnungsangebot an die städtische Denkmalpflege oder hat man inzwischen ein wundersames touristisches oder gar kulturelles Interesse an der DDR-Moderne akzeptiert?
Eine Häufung von Ideenwettbewerben zum Thema sozialer, nachhaltiger und kostengünstiger Wohnungsbau zeigt die Dringlichkeit des Problems auf gesamtdeutscher Ebene. Für Berlin wird ein Bevölkerungsanstieg auf vier Millionen in den nächsten 10-15 Jahren erwartet. Wird Berlin in der Lage sein, die Bewegung des Marktes zu nutzen, um zukunftsweisenden Wohnungsbau und damit nachhaltige Stadtentwicklung umzusetzen? Ist Bürgerbeteiligung wirklich die Bremse entsprechender Politik? Nicht nur Hans Kollhoff fragt: „Warum gibt es diese IBA nicht? Alles schreit nach einer IBA!“
Man hätte im Vorfeld dieser Veranstaltung mal den aktuellen Film "Die Stadt als Beute" zeigen sollen. Die Meinung der alten Männer dazu hätte mich doch mal brennend interessiert. Ansonsten viel Gerede, keine Ergebnisse. Und am Sonntag wird die Geisel der Stadtentwicklung im Amt bestätigt! Weiter so!
Die SFB-RBB Reporterin Britta Elm hat vor langer Zeit bemerkt, dass der Palast der Republik abgerissen werden muss, weil er hässlich ist. Britta Elm ist aber immer noch da, obwohl sie auch keine Schönheit ist. Der ARD-Moderator Joachim Lorenz meint: Der Palast der Republik wäre keine gute Architektur gewesen. Nun muss an dieser Stelle festgestellt werden, dass die Qualität von Architektur nicht durch persönlichen Geschmack gekennzeichnet ist, sondern durch die Erfüllung vorher festgelegter Kriterien. Fest steht aber, die öffentlichen Einrichtungen Im PdR waren immer gut besucht. 2. Luxuswohnungen gibt es in allen großen Städten dieser Welt, die Nachfrage steigt und wird gut bedient. Dagegen ist nichts zu sagen. Ob die Stadt von der Kaufkraft der Luxusimmobilienbewohner profitieren wird und in welchem Umfang, wird sich zeigen. Aber der Anteil der Bewohner mit diesen Möglichkeiten ist eher gering. Ein großer Teil der Nachfragenden in Berlin sind Geringverdiener oder Transfer-Empfänger, deren Unterkunft die Hälfte ihres Einkommens kostet, bzw. wo ein großer Teil von den "Ämtern" bezahlt wird. 3. Die Reduzierung der Standards aus der Bauphysik beim Geschosswohnungsbau wird hier umschrieben: Die EnEV muss überarbeitet und technologieoffen werden. Die Ineffizienz der Prozesse in der gegenwärtigen Bauindustrie soll hierdurch kompensiert werden. Augen zu und mit Subventionen durch. Wenn die produzierende und die verarbeitende Industrie in Deutschland so arbeiten würden, wären wir bald wieder ein Agrarland. 4. Fest steht, dass sozialer, nachhaltiger und kostengünstiger Wohnungsbau nicht allein durch Ideenwettbewerbe, Bündnisse, Kostensenkungskommissionen, sowie der Änderungen der rechtlichen Rahmen oder BIM geschaffen werden kann. Es ist ein effizientes detailliert strukturiertes Paket aus Konstruktion und Technologie. Neudeutsch heißt das Lean Construction – Lean Manufactoring. Die technisch-technologischen Voraussetzungen sind gegeben, für <1.000€/m² im Geschossbau als KfW-Effizenzhaus40 mit Fußbodenheizung über Wärmepumpe und Zentralbelüftung mit Wärmerückgewinnung komfortabel zu bauen. Selbst die Bedingungen der kommenden EnEV 2017 und das langfristige Ziel der EU zu Fast-Nullenergie-Neubau ab 2020 sind schon berücksichtigt. Man muss es nur wollen. Zweieck-Haus hat, ähnlich wie in der effizienten handwerklichen Automobilfertigung oder im Flugzeugbau, ein völlig durchkonstruiertes Haus entwickelt, dass in prozessorientierter Montage von eigenen Montageteams kurzfristig und trocken zusammen geschraubt werden kann. Das ist die Antwort auf die praktizierten Methoden des Lohndumpings und der Sub,-Sub,-Subunternehmer-Kultur in der gewerkeorientierten Bauweise mit all seinen Folgen aus Planungs-, Vergabe- und Ausführungsmängeln, sowie Preisnachträgen. Das ist die Antwort von Zweieck-Haus auf Verschwendung, Schludrigkeit und Kostenexplosionen im Bauwesen.
Karl Scheffler (1910!) übernehmen Sie!