Metallmaschen und Satteldach
Halle von Manuelle Gautrand im Elsass
Wer schon einmal ein Bild von Cluny gesehen hat – nicht die Ruine, sondern die Höchstform der burgundischen Abtei in ihrer dritten Bauphase, der in der Kunstgeschichte immer mit der römischen Ziffer Drei ein zusätzliches Gewicht gegeben wird –, der versteht das additive Prinzip der Romanik: Einzelne Baukörper, aneinandergesteckt und abgetreppt, formen schließlich die gigantomane Sakralarchitektur. Im elsässischen Saint-Louis hat Manuelle Gautrand (Paris) etwas wirklich sehr viel Profaneres gebaut: eine Mehrzweckhalle für Sport und Kulturveranstaltungen. Es wäre reichlich vermessen, diese Halle mit dem hehren Cluny zu vergleichen, aber auch Gautrand hat das Zusammenfügen und Aneinanderreihen einzelner Volumen zum Prinzip dieser Architektur gemacht.
Die Ausmaße von Gautrands Forum sind nicht gering: 5.700 Quadratmeter Fläche nimmt die Halle ein. Obwohl ohne Obergeschosse, ist sie bis zu 13 Meter hoch. Beeindruckend ist ihre total umhüllende Fassade aus kupferbeschichteten Metallmaschen, die selbst die sich tummelnden Sätteldächer des Baus bedecken. Diese halb transparente, warm flirrende Maschenschale fügt die einzelnen Gebäudevolumen zu einer Einheit zusammen. Sie verdeckt und lässt gleichzeitig durchschimmern, dass die Anlage eigentlich aus verschieden hohen und großen Quadern besteht.
Hier kommt nun das Additionsprinzip: Gautrand fügte verschiedene Modulhallen aneinander. Die größte mit einer Fläche von 1.870 Quadratmetern gibt Raum für eine mobile Tribüne, eine kleinere ist 870 Quadratmeter groß, und drumherum ergänzten die Architekten einzelne Einheiten – Büros, ein flexibel nutzbares Lager sowie eine Küche. Insgesamt 13 Modulbauten setzte Gautrand wie ein Puzzle zusammen. Ein Stahlrahmen hält das Ganze und trägt die charakteristische Fassade. Die äußere Gebäudefigur macht das Puzzle noch einmal sichtbar: Jeder Modulbau ist mit einem kupferfarbenen Satteldach bedeckt, die sich gemeinsam zu einem überdimensionierten Webmuster zusammenfügen. (sj)
Fotos: Guillaume Guerin, Luc Boegly
Man darf ein paar Kisten ruhig mit einer Hülle überformen, die nicht auf Tüchfühlung mit der darunterliegenden Struktur geht - besonders, wenn man es so bewusst als Gestaltungselement einsetzt, wie die Architektin hier. Es muss nicht immer alles "ehrlich" und "offen kommuniziert" sein - kaschieren und verstecken gehören auch in der Architektur schon seit Jahrhunderten dazu. Wenn das Ergebnis dann so gut aussieht und so treffend die umgebende Industrie- und Wohnbebauung zitiert und zwischen ihr vermittelt, darf Louis Sullivans Spruch - der architekturhistorisch wahrscheinlich mehr Schaden angerichtet als inspirierend gewirkt hat - gerne vergessen werden.
Wenn man sich die Schnitte ansieht, erkennt man die extrem heterogene Ansammlung unterschiedlichster Raumtypologien. Wenn man die freilegt kommt ungefähr so ein Gemurkse wie in der direkten Nachbarschaft heraus. Insofern kann man der vereinenden Hülle doch vielleicht etwas Positives abgewinnen und es eher als großes, solitäres Raumobjekt begreife, Innen ist es halt Geschmackssache. Richtig beleuchtet kann es nachts sicher ganz lässig daher kommen.