Ein Schlüter wird wahr
Halbzeit für Schlossfassade in Berlin
Von Sophie Jung
Wenn Manfred Rettig über das Berliner Schloss spricht, dann vermittelt er keine Zuversicht, sondern steinharte Gewissheit. Unerschütterlich treibt der Vorsitzende der Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum das Riesenprojekt in der Hauptstadt voran. Rettigs Ergebnisse sind, aus Managerperspektive, hervorragend: Alle Termine werden eingehalten, die Spendengelder fließen, der Bundestag nickt ab, was die Stiftung fordert. Jüngste Errungenschaft: Neben der Kuppel wird es ein Dachrestaurant geben, die Finanzierung von fünf Millionen Euro hat der Haushaltsausschuss des Bundes noch gestern zugesichert.
Entsprechend gut gelaunt war Manfred Rettig heute Morgen bei einer offiziellen Baustellenbegehung. Anlass des Termins: Halbzeit der Schlossfassade. Auf den mächtigen Betonkasten mit Kuppelskelett, der in seiner Rohheit bislang noch einen grauen Charme versprühte, hat sich in den letzten Monaten Stück für Stück aus Elbsandstein und Klinker ein Barock nach dem Vorbild von Andreas Schlüter gelegt. Einige Säulen stehen schon und andere geschwungene Kartuschen wachen bereits über Portalen und an Fenstergiebeln. Vor allem der Schlüterhof, das Prunkstück des neuen Schlosses, wird nun „erlebbar“, wie Rettig es formuliert.
Auf der Fassade kommen Zahlen der Superlative zusammen: 3,5 Millionen massive Klinkersteine werden an die Außen- und Hoffronten appliziert, „damit ist das Schloss eines der größten Mauerwerksbauten seit dem Zweiten Weltkrieg“, betont Rettig. Fünf Firmen arbeiten gerade an der Rekonstruktion des historischen Schmuckwerks.
Was beim Richtfest in diesem Sommer noch nicht klar war: Auch die Eosander-Portale in der Passage werden wiederaufgebaut. Zwei anonyme Spender werden alleinig für die Neufassung einer spätbarocken Fassade des Schlossbaumeisters Johann Friedrich Eosander von Göthe an den Kopfenden des schmalen Hofes aufkommen. Ihre Namen sollen nicht bekannt werden. Auch die Finanzierung der Kuppel-Ornamentik (historisch waren hier unter anderem Friedrich August Stüler und Karl Friedrich Schinkel beteiligt) scheint die Stiftung an einzelne Großspender abzugeben: „Es gibt wichtige Interessenten, die bereit sind, dafür Geld auszugeben“, deutet Rettig in ungewöhnlicher Diskretion an.
Auch wenn der Bund beisteuert – zehn Millionen für eine mögliche Verlegung des Neptunbrunnens vor das Schloss, fünf Millionen für das Dachrestaurant –, die Fassade, die jetzt langsam den rohen Beton hochklettert, wird alleinig von Bürgerspenden finanziert. 40 Millionen Euro hat die Stiftung in diesem Jahr nur für die Rekonstruktion der historischen Fronten eingenommen. Ob man es mag oder nicht: An Elbsandstein und Klinker wird ein Bürgerwille sichtbar.
Welch seltsames Gebäude entsteht da eigentlich in Berlins historischer Mitte? Die Baunetzwoche#411 widmet sich dem Berliner Schloss.
Stimmt schon, Architektur ist unschuldig. Seit Jahren trete ich zum Beispiel für den Wiederaufbau der Neuen Reichskanzlei ein. Die könnte man dann schön als Alternative zum Berghain umnutzen. Vielleicht auch mit einem luxuriösen Speiserestaurant auf dem Dach, von dem aus man dann zum Schloss winken könnte.
Ich bin mir sicher, das würde vielen Menschen besser gefallen als der sozialistische Wohnungsbauquatsch, der da heute rumsteht.
Go, Speer, go.
Solche Projekte werden die absolute Ausnahme bleiben. Billige Investorenkisten mit Einkaufszentren werden in Zukunft noch viele gebaut.
Ich bin absolut kein Freund von Rekonstruktion, da es in keinem Fall möglich sein wird 1:1 zu rekonstruieren und bei einer fast Rekonstruktioon immer eine Neuinterpretation die Antwort sein sollte...
Wir können nicht zurück gehen ins 19. Jahrhundert oder in sonst eine andere Zeit... Bei einigen Projekten sträuben sich mir tatsächlich auch die Haare. Diese Entwicklung hat dennoch etwas selbstverständliches:
Menschen fangen langsam an auf die Barrikaden zu gehen und sich Event- oder Design Architektur nicht mehr gefallen zu lassen. Es gibt Bürgerinitiativen gegen Markenzeichen Architektur frei von jedem Städtebau... Diese Irrtümer werden eingesehen und es kommt eine Sehnsucht nach dem Alten auf. Für meine Begiffe eine absolut verständliche Entwicklung und rein städtebaulich wird das Schlossprojekt immerhin eine kleine Wunde schliessen...
Es ist schon erstaunlich, welche Kreise diese Diskussion hier zieht - welche Bilder bemüht, welche Vergleiche gezogen, welche Ängste geschürt werden. Man möchte laut ausrufen: Mein Gott, es ist nur ein rekonstruiertes Schloss - kein Monster, kein Weltuntergang, kein Schicksalsbau. Architektur ist zunächst einmal Architektur, und als solche unschuldig. Natürlich hat der Bau eine preussische Vergangenheit, natürlich stand er dereinst für einen absolutistischen Machtanspruch. So what! Dass geschichtsträchtige Gebäude nicht per se "böse" oder "schlecht" sind, wird doch gerade in Berlin an vielen gelungenen Konversionen anschaulich: Tempelhof, Außen- und Finanzministerium, Olympiastadion... Ja, diese Bauten sind unter sehr fragwürdigen Bedingungen entstanden. Niemand möchte diese Zeit POLITISCH zurückhaben. Aber was sagt das über die Qualität ihrer Architektur, ihres Städtebaus aus? Man muss das Berliner Stadtschloss vielleicht nicht mögen, wird ihm aber zugestehen müssen, dass es städtebaulich und kunsthistorisch bedeutsam ist, gerade an dieser sensiblen "Knickstelle" im Stadtgrundriss. Und genau darin liegt der Unterschied zur sozialistischen "Interimsbebauung", die in schlimmster Tabula-rasa-"Siegerjustiz" alles Historische, alles Gewachsene negiert und zerstört hat. Wer dem in jeder Hinsicht unwirtlich-maßstabslosen DDR-Aufmarschplatz ernsthaft nachtrauert, sollte sich vielleicht noch einmal mit den Grundregeln des Städtebaus beschäftigen - oder kritisch seinen Geisteszustand überprüfen...