Detroit am Moritzplatz
Geschäftshaus von Barkow Leibinger in Berlin
Das neue Aufbau Haus 84 ist ein veredelter Rohbau. Eine offene Stahlbeton-Skelettstruktur und einfache Materialien fügte das Berliner Büro Barkow Leibinger hier nach zwei Jahren Bauzeit zu einer Architektur für den urbanen Lifestyle zusammen. Irgendwie steckt die Atmosphäre von Industrie und Hafen in diesem neuen Anbau am Aufbauhaus in Berlin-Kreuzberg, wo Lofts, Gastronomie und die Kreativszene Platz finden sollen. Als Vorbild hat auch ein richtiger Hardliner der amerikanischen Industriearchitektur hergehalten: Albert Kahn, der mit seinen modernen Hallen für den Autohersteller Packard in Detroit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ebensolche Raster wie jetzt Barkow Leibinger realisiert hat.
Städtebaulich schließen Barkow Leibinger eine Lücke in Kreuzberg zwischen dem historischen Elsnerhaus aus dem Jahr 1914 und dem 1. Bauabschnitt Aufbau Haus 85 von 2011 (Architekten Clarke und Kuhn). Als Blockrandbebauung bedient sich das fünf- bis siebengeschossige Gebäude eines klassischen Berliner Formats. Anstelle der Kleinteiligkeit historischer Fassaden tritt der Neubau mit großformatiger Gliederung auf: Hohe, repräsentative Geschosse und ein großzügiger Eingangsbereich formulieren einen Kopfbau zum Moritzplatz. Ein angeschlossener Zwischenbau entlang der Oranienstraße kommt mit reduzierten, funktionalen Geschosshöhen aus. Mehrere Einschnitte im Volumen, der trichterförmige Haupteingang und eine Art Loggia etwa, lösen das Raster subtil auf.
Die Platzierung des Haus 84 in Nachbarschaft zu historischem Altbau und zeitgenössischem Neubau reflektieren die Architekten auch gestalterisch. Zwischen Fassadenrelief und Verkleidung aus Muschelsandstein des Elsnerhauses und der rauhen Sichtbetonfassade mit großformatigen Öffnungen von Haus 85 legen Barkow Leibinger eine setzkastenartige Struktur, in der sie Beton einerseits und Naturstein andererseits verwenden. Aus Granit sind die massiven Brüstungselemente, deren Maserung schließlich mit den glatten, vorgehängten Betonfertigteilen auf der Fassade konstrastiert. Die Rückseite erinnert wieder an Detroit. In der US-amerikanischen Stadt, deren Zentrum die Industrie mittlerweile verlassen hat, überwuchern die Bauten von Kahn und anderen längst. In Kreuzberg lassen Barkow Leibinger die Rückseite ihres Bauabschnitts ebenfalls bewachsen - vorne urban lifestyle, hinten urban romanticism. (sj)
Fotos: Stefan Müller, Ina Reinecke/ Barkow Leibinger
da stimmt ab und zu mal ne fenstersimskante die zufällig gleich zum nachbarn ist, sonst aber doch nichts!
Aller Ehren wert ist, dass die Ecke städtebaulich geheilt wurde. Wie schade, dass der narzisstische Auftritt des Nachbarhauses damit konterkariert wurde -ooooch!
sehr gelungen!
ich verstehe Ihre Kritik nicht! Das Gebäude musste sich an den vorherrschenden Gegebenheiten der Fassade des ersten Baubabschnitts anpassen, das tut es. Die Fassade erscheint bestimmt auf den ersten Blick schlicht, jedoch ist sie mit sehr viel Liebe fürs Detail geplant: sie springt liebevoll und weist verschiedene Materialen auf. Kritik natürlich immer gern, aber so harsch. Machen Sie es doch besser, meine Damen und Herren... Was haben Sie erwartet? Einen Bilbao-Gehry?!