Justitia im Glitzerkleid
Gerichtsbau von Hamonic+Masson & Associés in Douai
Ein Schwert an der Seite, die Waage in der Hand und die Augen mit einem Tuch verbunden steht die Göttin der Gerechtigkeit da, um ihr Urteil zu fällen. Mit Bedacht abzuwägen, mit der nötigen Härte durchzugreifen, aber immer gerecht, ohne Ansehen der Person: So sachlich und nüchtern die Urteile von Justitia auch sein sollen, für die Gerichtsgebäude selbst – das zeigt das Beispiel Gelsenkirchen wo man auf größtmögliche Schlichtheit setzte – muss dieser Grundsatz nicht zwangsläufig gelten. Und so verpasste das Pariser Büro Hamonic+Masson & Associés dem Justizzentrum im nordfranzösischen Douai, 40 Kilometer südlich von Lille gelegen, einen silbrig glänzenden Anbau.
Eine Fassade aus perforierten Stahlblechen im Obergeschoss und Justitia trägt Glitzerkleid. 1.800 Quadratmeter groß und 7,6 Millionen Euro schwer ist der im öffentlichen Auftrag der Stadt realisierte Bau, in dem zwei neue Gerichtssäle untergebracht sind. Er ergänzt den Bestand mit dem markanten Turm aus den 1970er Jahren. Das eigentliche Gerichtsgebäude aber ist noch viel älter, schließlich stammt der sogenannte Pollinchove-Palast, in dem einst das flämische Parlament tagte, aus dem Jahr 1714.
1978 wurde dieser dann um den würfelförmigen Turmbau erweitert, unter den sich nun der Neubau schiebt. Bezugnehmend auf die prominente Lage direkt am Ufer der Scarpe haben Hamonic+Masson das Erdgeschoss als nach Süden orientierte, lichte Treppenanlage gestaltet. In seiner Formgebung sei dieser öffentliche Raum einer „natürlichen Landschaft“ nachempfunden, so die Architekt*innen. Wie im ganzen Gebäude spielt hier Licht – Transparenz als typisches, vertrauensbildendes Motiv der Gerichtsbarkeit – eine wichtige Rolle. Selbst die abgeschotteten Gerichtssäle wurden über Oberlichter mit Tageslicht versehen. Funkelnd, glitzernd, licht und hell, Justitia im Lichterkleid. (kat)
Fotos: Takuji Shimmura
diese einstellung ist aber noch relativ jung, es gibt weite phasen, gerade auch in der deutschen geschichte, in denen das recht und die justiz, einzig als mittel zur legimitation von herrschaft, zur unterdrückung und schlimmerem benutzt wurde. die würde des menschen ist, rechtlich betrachtet, bei uns erst seit gut 70 jahren unantastbar. fritz bauer hat das schön zusammengefasst als er sagte, dass wir menschen unserem "affenzustand noch sehr nahe sind und dass die zivilisation nur eine sehr dünne decke ist, die sehr schnell abblättert." und das blättert manchmal schneller, als die nächste werbepause kommt, liebe tine.
die frage daraus muss doch heißen: was bedeutet das für unsere jetzigen häuser? kann schon sein, dass widerständige charaktere wie bauer, auch in repressiven klötzen wie in gelsenkirchen herangewachen wären. in einer zeit aber, in der bücher des richter-gnadelos-genres eine große anhängerschaft haben, muss man sich doch schon fragen, ob es so schlau ist, häuser zu bauen, die keine zwischentöne mehr kennen und sich primär autoritär geben. oder ob sich eine gesellschaft unter umständen auch in ihren bauten ausdrückt...was jetzt kein übermäßig neuer gedanke ist, zugegeben
es ist doch völlig nebensächlich, ob die robe schwarz, purpur oder aus pailletten ist, beteutender ist was sich da im kopf abspielt und zu welchem verhalten das haus einen so ermuntert
Zurück zum Sockel:
Sie finden, ein Glitzerkelid steht der Justitz besser als eine schwarze Robe? Ich fühle mich da irgendwie nicht erst genommen, trotz des städtebaulichen Kontexts...
in douai herrscht dialog, in gelsenkirchen nur gehorsames "jawoll", da möchte man doch lieber in frankreich sein...