Vertrautes im Schwarzatal
Gemeindehaus in Königsee von Atelier ST
Eines der Projekte der inzwischen abgelaufenen IBA StadtLand in Thüringen (2012–2023) ist die Revitalisierung und Neugestaltung des ehemaligen Bahnhofs Rottenbach in der Gemeinde Königsee. Als das Schwarzatal noch eine gut besuchte Urlaubsregion war, galt dieser Bahnhof als „Tor zum Schwarzatal“, wo die Anreisenden von der Bahn auf andere Verkehrsmittel umstiegen. Die Bahn fährt noch immer, aber das Bahnhofsgebäude stand schon lange leer – bis es die Kommune selbst kaufte und gemeinsam mit Bürger*innen und der IBA ein Nutzungskonzept entwickelte. In unserer Baunetzwoche#641 „Mobiles Land“ stellten wir das Projekt unter anderen vor.
2015 gründete sich eine Genossenschaft aus Anwohner*innen, die im Gebäude mittlerweile einen BahnHofladen mit Veranstaltungsfläche betreibt. Auch der Vorplatz wurde neu gestaltet. Nun ist das dritte Projekt fertig: Statt des alten Toilettenhäuschens wurde ein Gemeindehaus mit Toiletten, Küche, Lager und Veranstaltungraums errichtet. Der Entwurf stammt von Atelier ST (Leipzig).
Ziel der Architekt*innen war es, ein „einfaches und vertrautes Haus“ zu entwickeln, das eigenständig neben dem Bahnhofsgebäude steht. Vom diesem übernimmt der Neubau aus Holz allerdings die Farbgebung. Das Grau der Schieferfassade taucht als grau lasierte Dreischichtplatten auf, deren Deckprofile in Anlehnung an die Fensterlaibungen des Bahnhofs in dunklem Rot gestrichen sind. Auch die Schieferdeckung des Walmdachs auf dem Neubau bezieht sich direkt auf den Bahnhof, wie auch auf viele weitere Gebäude in der Umgebung.
Das Gemeindehaus umfasst gut 100 Quadratmeter Bruttogrundfläche. Die Nebenräume wurden so kompakt wie möglich gestaltet, damit der Veranstaltungssaal unter dem offenen Holzdach umso größer wirkt. Der Boden besteht aus Sichtbeton mit dunklen, lokalen Sanden und einer flügelgeglätteten Oberfläche. Auch im Inneren bleiben Tragwerk und die kassettierten Holzverkleidungen sichtbar, um das „einfache und natürliche Materialkonzept“ fortzusetzen. Beide Häuser hängen nicht nur gestalterisch und programmatisch zusammen, sondern auch die Wärmeversorgung des Neubaus erfolgt über das Bahnhofsgebäude. (fh)
Fotos: Atelier ST, Thomas Müller/IBA Thüringen
Die Baunetzwoche#619 „Perspektive Stadt-Land“ befasste sich im Mai 2023 mit weiteren, ausgewählten Projekten der IBA Thüringen.
wir müssten "tolerantere" architektur machen, die trotzdem gut ist, aber nicht diesen wahnsinnigen perfektionsanspruch in sich trägt. sie müsste ihre qualität aus anderen quellen schöpfen als planerischer oder handwerklicher perfektion, vielleicht aus passendem gestalterischem humor oder treffenden, gewitzten detaillösungen. ich denke da an architekten wie alexander brodsky, obwohl der natürlich auch sehr viel arbeit und herzblut hineinsteckt, um seine resultate zu erreichen...
architekten müssen ein bisschen verrückt und selbstausbeuterisch unterwegs sein, wenn eine besondere gestaltung herauskommen soll. am besten werden die ergebnisse, wenn der bauherr auch ein gut gestaltetes haus will (das sagen erstmal alle, aber die wenigsten wissen, was es bedeutet) und eine gewisse leidensfähigkeit mitbringt (da hört es bei den meisten auf). aber es geht nicht easypeasy ohne opfer - sonst kommt nur 08/15-murks raus, kann man überall besichtigen. und selbst wenn man sich mühe gibt, kann das ergebnis dennoch mau ausfallen - im zweifel gewinnt immer der bauherr. muss man akzeptieren oder den vertrag kündigen - wenn man es sich leisten kann...
So kann jede gelungene Architektur zerstört werden. Schade drum!
Es bleibt allein die Hoffnung, es wird noch korrigiert!
Führen erst die viele Zeit und das Herzblut, das (gute) Architekten in die Ausarbeitung stecken, dazu, dass misslungene Kleinigkeiten in besonderem Maße Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Weder Haus noch Architekt:innen haben es verdient, dass ich mich an den schrägen Baldachinen der Leuchten störe - und doch tue ich es. In banaler Architektur würde mir das Detail sicher nichtmal auffallen, da wäre ja einfach alles uninteressant.
Trägt also ambitionierte Architektur immer das Scheitern in sich, weil an irgendeiner Stelle die Luft ausgeht? Der Preis des Nicht-Scheiterns liegt jedenfalls in nicht nur erhöhtem sondern exponentiellem Zeiteinsatz. Und das geht nur, wenn man von der Architektur nicht leben muss. Ist es dann aber fair, das als persönliche Leistung eine:r Künstlerarchitekt:in z. B. in Form von Architekturpreisen zu feiern? Bezahlt wird es dann ja anders, durch Erbe, ausgebeutete Mitarbeiter oder was auch immer.