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25.10.2005

Canaletto komplett

Frauenkirche in Dresden wird eingeweiht - mit Kommentar


Am Sonntag, 30. Oktober, wird die wieder aufgebaute Frauenkirche in Dresden mit einem Festgottesdienst offiziell eingeweiht. Damit ist eine der spektakulärsten baulichen Rekonstruktionsmaßnahmen in Ostdeutschland seit der Wende vollendet. Es ist nicht nur ein Herzensanliegen vieler Bürger Dresdens erfüllt worden, sondern auch die berühmte Silhouette der Innenstadt wieder hergestellt worden, wie sie der Maler Canaletto überliefert hat.

Kommentar der Redaktion

Seit Wochen überschlägt sich die Presse in Lob und Jubel über „das Wunder von Dresden“ (Stern, Zeit), das „Zeichen für zivilisierten deutschen Patriotismus“ (Spiegel). Bei so viel Zustimmung ist man schon fast dankbar, wenn zumindest daran erinnert wird, dass die Entscheidung für den Aufbau keineswegs so unumstritten war, wie es heute im Taumel der Begeisterung gern suggeriert wird.

Die „Zeit“ vergeigt dieses Thema jedoch gleich auf dem Fuße: In einem vierseitigen Dossier erwähnt sie die Debatte von 1990 ff., die auch im eigenen Blatt stattgefunden hatte, in nur zehn Zeilen, dabei überaus tendenziös („Denkmalpflege ist Stillstand vom Feinsten“) und sogar unter Schüren von Ost-West-Ressentiments („der Gegenwind kam aus Westen“).

Es muss erlaubt sein, ein solches Rekonstruktionsvorhaben kritisch zu bewerten. Es muss erlaubt sein, daran zu erinnern, dass die alljährlich am 13. Februar friedlich gegen Krieg und Zerstörung protestierenden Kerzenträger auf einmal nicht mehr das gewohnte Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung vorfanden, als das der Trümmerberg der Frauenkirche jahrelang inoffiziell diente, sondern sorgfältig nummerierte und kartierte Steine in gigantischen Regalen.
Es muss erlaubt sein festzustellen, dass der Anblick der hellbeigen, von einigen schwarzen Punkten besprenkelten Frauenkirche unnatürlich aussieht, wie ein Spielzeug aus Kunststoff-Bauteilen, und dass die Kuppel im Stadtbild als Fremdkörper empfunden werden kann. Immerhin ist die Mehrheit der Betrachter nach 1945 geboren worden und kennt die Silhouette Dresdens nur ohne Frauenkirche.

Warum aber darauf herumreiten? Weil die gefühlte Irritation beim Anblick der Frauenkirche einen rationalen Kern hat. Dazu muss kurz zur modernen Denkmalpflege-Theorie ausgeholt werden: Es gibt den von Dehio formulierten Grundsatz „konservieren, nicht restaurieren“. Das bedeutet: Was als authentische Geschichtsspur vorhanden ist, muss als solche in situ erhalten werden. Was weg ist, darf aber nicht wieder hingelogen werden - weil das Weg-Sein ja seinerseits auch Gründe hat und somit selbst zur Geschichtsspur geworden ist. Denkmale verlieren ihre Aussage, wenn sie nach Belieben neu und wieder geschaffen werden können, wenn nach 50 Jahren Abwesenheit auf einmal wieder ein aus dem Ei gepelltes „Baudenkmal“ dasteht.

Komme keiner mit den beiden modisch gewordenen Relativierungen von Dehios Grundsatz. Die einen bringen die „Partitur-Theorie“: Architektur sei ein beliebig oft herstellbares Werk. Das schützenswerte Gut sei der Bauplan, nicht die Baumaterialien. Das wird verglichen mit der Musik: Die Partitur sei das Kunstwerk, nicht die Aufführung. Die „Partitur-Theorie“ ist allerdings bei der Frauenkirche wohl schon durch den ersten Anschein zu widerlegen - denn dass dieser Bau schon bautechnisch ein Unikat ist, werden selbst Gegner des Aufbaus nicht bestreiten können.
Die andere Theorie kommt etwas differenzierter daher. Sie postuliert die Bildwirksamkeit des Denkmals. Nicht die tatsächliche Authentizität irgendwelcher – womöglich unsichtbarer – Steine sei für den heutigen, von Medienkonsum geprägten Menschen eine Aussage, sondern das Bild des Werks, das im Sinne seiner Verständlichkeit auch mal ergänzt oder erneuert werden darf. Diese Theorie ist hier verführerisch, weil die Frauenkirche unbestreitbar bildmächtig ist. Aber: Was wird in 50 Jahren sein, wenn die Steine nachgedunkelt sind? Schon heute wissen viele Schulkinder in Ostdeutschland nicht mehr, wer Honecker war. Wer wird in 50 Jahren wissen, dass an der Stelle der Frauenkirche 50 Jahre lang ein Trümmerhaufen war? Wenn durch Bildmacht Geschichte gefälscht und umgebogen wird, ist sie nicht zu rechtfertigen.

Wiederaufbauten von verlorenen Denkmälern sind allerdings nicht pauschal abzulehnen. Unter bestimmten Umständen sind sie durchaus möglich – und so wurde es nach dem Krieg ja auch allenthalben gemacht: wenn der Wiederaufbau in einem unmittelbaren zeitlichen und ideengeschichtlichen Zusammenhang mit der Zerstörung angegangen wird, wenn keine andere Nutzung das Grundstück zwischenzeitlich überformt hat und wenn noch Reste vorhanden sind, an denen man anknüpfen kann. All dies war zum Beispiel bei den viel zitierten romanischen Kirchen in Köln gegeben, auch wenn deren Wiederaufbau in Einzelfällen 40 Jahre gebraucht hat.

Die Frauenkirche ist hier also ein Grenzfall. Man kann die Sache durchaus so lesen, dass hier besonnene DDR-Bürger den Trümmerhaufen jahrelang vor der Politik geschützt haben, um bei der ersten sich bietenden Gelegenheit, somit also „unmittelbar“, mit dem Aufbau zu beginnen. Was gemacht wurde, kann man als „Anastylose“ bezeichnen, als Wiederaufrichtung umgefallener Trümmer. So sah es jedenfalls der hessische Landeskonservator Gottfried Kiesow auf einer Tagung in Dresden 1991.

Aber auch hier wäre eine selbstbewusste moderne Nachschöpfung, zum Beispiel mit einer modernen Stahlkonstruktion für die Kuppel, wünschenswert gewesen. Eine Zeitlang geisterten entsprechende Pläne von Günter Behnisch durch die Szene. Die Dresdener Bürger haben das nicht gewollt, sie entschieden sich für die „archäologische Rekonstruktion“, die mit moderner Computertechnik möglich wurde, und die sogar im Inneren mit pseudobarocker Bauzier beklebt und bemalt wurde. Als wäre die nach Kriegszerstörung im Inneren karge, lediglich verputzte Kreuzkirche gleich nebenan nicht der wesentlich eindrücklichere Innenraum!

Man muss die Aufbau-Entscheidung der Dresdener respektieren; lieben muss man die neue Frauenkirche jedoch nicht.

Benedikt Hotze



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