Überholtes Stadtverständnis
Frankfurts Hochhausquartier Four von UNStudio und HPP
Ein Kommentar von Adeline Seidel
Die Frankfurter Innenstadt bekommt ein neues Quartier. Four ist sein Name, und der ist Programm: Vier Hochhäuser samt Sockelgeschossen sind geplant. Nur knapp 900 Meter von der neuen Altstadt entfernt auf dem einstigen Areal der Deutschen Bank. Es ist ein Ensemble aus Einzelhandel, Hotellerie, Büroflächen und Wohnungsbau. Soweit ist die Sache seit Anfang 2017 bekannt, als UNStudio den entsprechenden Realisierungswettbewerb gewann. Die Neuigkeit: Den Architekten wird nun das Büro HPP zur Seite gestellt, 2023 soll das Quartier fertig sein. Christian Veddeler, Direktor bei UNStudio, lässt sich in der Pressemitteilung mit den Worten zitieren: „Durch das Verschieben konventioneller Grenzen zwischen Arbeit, Freizeit, Mobilität und Lebensqualität machen wir Frankfurt einmal mehr zum Trendsetter.“ Dass dies reine Marketinglyrik ist, beweist ein Blick auf die Details.
Von Max zu Four
Beginnen wir von vorn, denn wie so viele Großprojekte, kann auch Four mit einer längeren Geschichte aufwarten: Bereits 1999 lud die Deutsche Bank zu einem zweistufigen Wettbewerb ein. Murphy/Jahn gingen als Sieger hervor. Ihr 228 Meter hoher Turm Max sollte in Zusammenarbeit mit dem zweitplatzierten Büro von Dieter Köhler bis 2005 fertiggestellt werden. Doch mit 9/11 veränderte sich der Markt für Büroimmobilien. Und so wurde das Projekt aufgrund des hohen Investitionsvolumens von damals 1,5 Milliarden Mark erst einmal auf Eis gelegt. 2011 folgte ein Studentenwettbewerb für das Grundstück, aus dem ein Projekt unter den Namen Frankfurter Stadthöfe siegreich hervorging. Knapp vier Jahre später, Ende 2015, verkaufte die Deutsche Bank das Areal an die Groß & Partner Grundstücksentwicklungsgesellschaft mbH. Einen städtebaulichen Ideenwettbewerb gewann 2016 der Entwurf von UNStudio. Das Büro war auch beim anschließenden Realisierungswettbewerb 2017 erfolgreich.
Die Lage ausnutzen
Das Baugrundstück umfasst knapp 16.000 Quadratmeter. Umschlossen von Junghofstraße, Neuer Schlesingergasse und Großer Gallusstraße befindet es sich in einer Lage, die ein Makler mit „1A“ deklarieren würde und die vor allem eines ist: hochpreisig. Das will ausgenutzt werden. Der höchste der vier geplanten Bauten mit 228 Metern befindet sich in der Neuen Schlesingergasse und wäre bei seiner Fertigstellung das dritthöchste Gebäude Frankfurts. Die drei weiteren Türme sollen 173, 120 und 100 Meter erreichen. Sockelgeschosse von fünf und sechs Geschossen verbinden die verbleibenden Bestandsbauten in der Junghofstraße mit den Hochhäusern. Die 210.500 Quadratmeter Gesamtgeschossfläche splitten sich in: 47 Prozent Büro, 29 Prozent Wohnen, 17 Prozent Hotelnutzung, vier Prozent Einzelhandel und Gastronomie sowie drei Prozent für soziale Infrastruktur. Was an diesem Nutzungskonzept „europaweit einzigartig“ ist, wie es in der Pressemitteilung heißt, bleibt offen.
Traum vom lebhaften Quartier
Die Entscheidung, ein Areal, das 45 Jahre lang aufgrund seiner Nutzung durch die Deutsche Bank für die Öffentlichkeit unzugänglich war, als Quartier zu entwickeln, scheint durchaus sinnvoll. Wie die neuen öffentlichen Räume aber genau aussehen, bleibt vage, denn aktuelle Pläne werden nicht veröffentlicht. Es steht außer Frage, dass Frankfurt bezahlbaren Wohnraum benötigt. Doch für ein Gros der „Mittelschicht“ werden die bei Four angebotenen Apartments nicht erschwinglich sein, auch wenn die Stadt den Bauherren verpflichtet hat, 30 Prozent als „geförderten Wohnraum“ zu errichten.
Four ist ein ebenso konservatives Projekt wie es die neue Frankfurter Altstadt ist, nur in einem anderen Fassadengewand. Den „entscheidenden Beitrag zur Stadterneuerung und für die Zukunft Frankfurts“ wird das neue Quartier aller Voraussicht nach also nicht liefern: Weder in einer interessanten städtebaulichen Struktur noch in flexiblen Wohn- und Gemeinschaftsflächen. Four ist frei von Wagemut, es ist ein konventionelles Renditeprojekt, wie es in Frankfurt vielerorts zu finden ist.
Und mal ehrlich, im Leben gibts nichts geschenkt. Wer in bester City-Lage im Bankenviertel wohnen will muss eben auch Bankenviertel-Preise zahlen. Es ist immer einfach zu meckern und zu kritisieren, das können wir deutschen ja super. Währendessen gibt es zum Glück noch die Macher!
Anmerkung der Redaktion: Laut Aussage des Frankfurter Stadtplanungsamtes ist der Bauherr verpflichtet, 30 Prozent als geförderten Wohnraum zu errichten. Das sind 8000 Quadratmeter, die „jeweils zu 50 Prozent unter Anwendung des „Frankfurter Programms zur sozialen Mietwohnungsbauförderung“ sowie des „Frankfurter Programms für familien- und seniorengerechten Mietwohnungsbau“ zu realisieren sind. Wir haben die Passage entsprechend geändert und danken für den Hinweis.
die entstehende Fläche des Projekts unterscheidet es doch wohl deutlich von der Entwicklung der Frankfurter Altstadt. Grundstücksfläche Dom Römer: 7000 qm 80 Wohnungen Grundstücksfläche Four: 16.000 qm 600 Wohnungen Der Faktor stellt aus meiner Sicht einen wesentlichen Unterschied dar, die Erdgeschossbereiche werden durch die Vielen Bewohner voraussichtlich stärker belebt. Dazu kommen die Hotelgäste und Büromitarbeiter. Das in einem solchen privat finanzierten Projekt keine sozial Wohnungen entstehen können sollte doch wohl logisch sein. Dennoch können 600 Wohnungen im Luxussegment Entlastung für die Verdrängung von eingesessenen Bewohnern aus bestehenden Bauten bedeuten. Das Dom Römer Areal wird dagegen eine reine Touristen Kulisse bleiben.
Das in einer, wie richtig bemerkt, 1A Lage im renditengetriebenen Bausektor keine Sozial- oder auch Mittelschichtswohnungen entstehen werden, ist doch klar, auch das Westend wurde damals nicht gerade für den Normalbürger gebaut. Letztlich wurden mit dem Europa-Gallup und dem EZB Gelände die großen Chancen vertan, in der Stadt und für die Stadt bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Das Kapitel Frankfurt ist da ziemlich abgeschlossen und man muss sehen, wann diese Blase irgendwann mal in sich zusammenfällt