Schillernder Gehry in Arles
Fondation LUMA eröffnet Kunstturm
Das kleine Arles an der Rhône zwischen dem Gebirgszug der Alpilles und der flachen Camarque erfreut sich mit seinen gerade mal 53.000 Einwohnern eines erstaunlichen Kulturmäzenatentums: Vincent van Gogh ließ sich hier einst ob des besonderen Lichts der Provence nieder, weswegen seit 1983 die private Fondation Vincent van Gogh in der Altstadt ein schönes Ausstellungshaus betreibt. Les Rencontres d'Arles sind als Festival für Fotografie ein wichtiges Datum im internationalen Kulturkalender, rege unterstüzt von der Champagnermarke Louis Roederer oder der Schweizer Vermögensverwaltung Pictet Group. Und nun eröffnet Maja Hoffmann, die Filmproduzentin, Kunstsammlerin und Miterbin des Schweizer Pharmakonzerns Hoffmann-La Roche auf einem stillgelegten Werksgelände der französischen Eisenbahngesellschaft SNCF eines der „größten Kulturzentren Europas“, wie es in der F.A.Z. heißt. Das finale, seit 2013 geplante Prestigestück für ihre Fondation LUMA auf dem 27 Hektar messenden Gelände ist nun fertig: ein Turm von Frank O. Gehry persönlich.
Das berühmte provenzalische Licht reflektiert, bricht und flirrt nun in den 11.000 Aluminiumquadern auf der Fassade des Turms, den Gehry und sein Büro Gehry Partners (Los Angeles) als poröse Spirale mit zahlreichen Winkeln und Verdrehungen über acht Stockwerke aus einem gläsernen Sockel herauswinden. Im Inneren dieses Turms mit seinen 15.831 Quadratmetern Nutzfläche sollen in Zukunft Ausstellungsräume, Werkstätten, Forschungseinrichtungen und Ateliers ihren Platz haben. Es wird eine in 56 Meter Höhe gestapelte Kulturproduktionsstätte werden, deren zukünftige Stipendiat*innen dann von den raumhohen Fensterausschüben aus auf die Stadt blicken können. In der historischen Altstadt selbst mit ihren engen Gassen ist die silberne Gehry-Spirale nicht zu sehen, sobald man aber die alte Stadtmauer verlässt, ragt der gedrungene Turm aus der flachen Bebauung Arles allgegenwärtig hervor.
Die historische Architektur der Provence-Stadt zitieren die Architekt*innen mehrfach. Das Format der Kalksteinquader, das noch in den erhaltenen römisch-antiken oder romanischen Bauwerken von Arles auftaucht, gleicht etwa dem der 11.000 Aluminiumquader. Der Alpilles-Kalkstein findet auch Verwendung, besonders sichtbar am massiven Versorgungsschacht auf der stadtabgekehrten Rückseite des Turms, soweit man bei dem schillernden Objekt von einer Rückseite sprechen kann. Vor allem ein zentrales Monument von Arles, nämlich das römische Amphitheater, greifen Gehry und sein kalifornisches Büro auf: Die gläserne Trommel, der riesige Sockel und eigentliches Ausstellungsgebäude, auf dem sich nun der Turm erhebt, nimmt das antike Theater als Maß. Hier, wo sich im Inneren eine spektakuläre Wendeltreppe durch die Etagen zieht, breitet die Fondation LUMA nun ein hochkarätiges Kunstprogramm aus, basierend auf der Sammlung der Familie Hoffmann, erweitert um viele neue Produktionen von etwa Carsten Höller oder Ólafur Elíasson.
Der schillernde 150-Millionen-Euro-Turm, so die offiziellen Angaben, soll auch ökologische Aspekte abdecken: Gehry Partners führen an, das Gebäude für einen minimalen Energieverbrauch geplant zu haben. 2.000 Quadratmeter Photovoltaik sind außen verbaut, ein zentrales Heizsystem mit Biodiesel, automatische Verschattung des Glassockels und ein Durchlüftungssystem im Turm sollen das Projekt eher auf der nachhaltigen Seite des Bauens platzieren. Hauptsächlich Materialien und Firmen aus der Region waren an der Realisierung beteiligt.
Maja Hoffmann ließ seit Ankauf des SNCF-Geländes 2008 die sechs historischen Lokomotiv-Werkstätten stückweise von der Architektin Anabelle Selldorf (Selldorf Architects, New York) zu Ausstellungs- und Bühnenräumlichkeiten, Ateliers und Gastronomie umwandeln. Bereits seit 2014 bespielt die Fondation LUMA die restaurierten Industriebauten. Der Landschaftsgärtner Bas Smets (Bureau Bas Smets, Brüssel) wandelte das Gelände in den Jahren zu einem öffentlichen Park um. Das Beratergremium der Fondation LUMA ist namhaft besetzt: die Kuratorinnen Hans Ulrich Obrist und Beatrix Ruf sowie die Künstler Liam Gillick und Philippe Parreno sind dabei. Der nun als letzte fertiggestellte Turm von Gehry spiegelt so auch einen Geist des gesamten LUMA-Projekts wider: seine hohe Ambition. (sj)
Fotos: Iwan Baan, Adrian Deweerdt, Marc Domage
Zumal die Altstadt nicht betroffen ist und hier ein Nichtort zum Ort werden soll. Meine Ansicht hat sich hierzu generell geändert mit dem größeren Überblick. Es geht ja hier um die Großräumigkeit einer Stadt, die durch die motorisierten Straßen bereits entstanden ist und deren Gestaltung. Gewerbegebiete, die im alltäglichen Zusammenhang mit der Stadt erlebt werden. Hier also ein neuer zeitgemäßer Kirchturm sichtbar ggf. auch von den umliegenden Lavendelfeldern, leider nicht vom B..niveau.
Leider trägt das missglückte Produkt des Büros Gehry zum Misskredit des ganzen Projekts bei. Sehr, sehr schade ist, dass so viel Geld ein so miserables Produkt hervorgebracht hat und dass es die Region beschmutzt anstatt- wiorauf Frauke berechtigterweise hinweist- die akuten gesellschaftlichen Fragen in der Provinz zu thematisieren.
Der Park ist großartig, die alten Hallen sind super. Aber warum dieser Turm? Eine Materialschlacht, kein ersichtliches Konzept für die Innenräume, auch nicht wirklich gut ausgeführt, viel zu grob und brutal. Ich liebe das skulpturale Vitra Design Museum, Gehrys ersten Bau in Europa. Aber hier erinnert mich der Bau an ein zu kurz geratenes schlechtes Bank- oder Verwaltungsgebäude. Keine Eleganz. Viel zu viel Treppenhaus und Aufzüge. Und wo bleibt die Wegeführung? Man hat das Gefühl, die Kunstwerke werden hinter schweren Türen in annektierte Räume verschoben. Schade für die Kunst! Es gibt so viele schöne Museen. Eine gewisse Demut oder etwas Bescheidenheit hätte hier dem Ausstellen von Kunst gut getan. Dass es möglich ist, sehen wir an zahlreichen jüngst eröffneten Museen.
Medium Acrylic and newspaper on linen Dimensions 87 x 84 1/2" (221 x 214.6 cm) Schönes Piece auf Foto 15-16! Wenn man sich die Kommentare hier anschaut, scheint ein Gehry in der Kleinstadt ja tatsächlich direkt in die gesellschaftliche Abyss zu führen...
Ein Episodenfilm ohne Thema.