Gläserne Attrappe für Chanel
Flagshipstore von MVRDV in Amsterdam
Die Milch macht’s: Neueste Technologien vom High-Tech-Laser bis zu UV-Strahlung und Spezialkleber brauchte es, um die von MVRDV erdachte Glasziegel-Fassade für den neuen Chanel-Flagshipstore auf der Amsterdamer Luxus-Shoppingmeile P.C. Hooftstraat zu entwickeln. Eine der vielen Zutaten sei dabei holländische Vollmilch gewesen, die beim Nivellieren der ersten Ziegelschicht als spiegelnde Oberfläche gedient habe.
Das Projekt Crystal Houses kombiniere das baukulturelle Erbe Hollands mit neuer internationaler Architektur, so die Rotterdamer Architekten. Der Einsatz von Glas erlaube es an dieser Stelle, eine zeitgemäße Repräsentanz für ein Modelabel zu schaffen. In ihrer Imitation der historischen Backsteinfassade mit Glas sehen MVRDV den Versuch, entgegen einer globalisierten Einkaufsstraßenarchitektur den Charakter lokaler Bautraditionen aufrechtzuerhalten.
„Wir haben zu unserem Bauherren gesagt: Lasst uns das, was abgerissen wird, in weiterentwickelter Form zurückholen“, erläutert Winy Maas. Wie vorher also, aber moderner. Mit den Maßnahmen erfüllen MVRDV gleichzeitig die veränderten Bauvorschriften. Durch den Abriss und Neubau konnte mehr Nutzfläche auf dem Grundstück geschaffen werden. Der Chanel-Shop umfasst 620 Quadratmeter. Nach oben in Richtung Dachgeschoss wandelt sich die moderne Glasfassade zu einer historischen Attrappe: Die Glasziegel gehen in klassische Tonziegel über, hinter dem obersten Geschoss und zwei typisch holländischen Giebelchen mit Balken und Flaschenzug verbirgt sich ein 220 Quadratmeter großer Wohnbereich.
Das Budget bleibt geheim. Ein Jahr lang haben sechs bis zehn Experten täglich im Labor oder auf der Baustelle an der neuen Baukonstruktionsmethode gearbeitet. An der Entwicklung der in Venedig gefertigten Glasziegel war u.a. die Technische Universität Delft beteiligt. (lr)
Fotos: Daria Scagliola/Stijn Brakkee
Ich finde es super! Sehr schöne Wirkung in der Fassade und tolle Gliederung. Sehr gelungen.
Ansonsten: Viel Lärm um nichts. Auf den Plänen sieht die Idee viel interessanter aus als das gebaute Ergebnis. Der "Gradient" zwischen den Materialien ist sehr unspektakulär, ebenso das EG selbst, das vielmehr Opazität besitzt als die Entwerfenden wohl angenommen (und beabsichtigt) hatten. (Glas mit Transparenz gleichzusetzen ist eigentlich ein Fehler, der nur Laien unterläuft.) Lediglich nachts kann ich mir hier eine relativ spektakuläre Wirkung vorstellen. Wie's besser geht: Vor einigen Jahren hat Renzo Piano für Hermès in Tokio ein sehr schönes Gebäude mit einer Fassade aus eigens entwickelten Glasbausteinen geplant. Das sieht - bei Tag wie bei Nacht - unglaublich elegant und erhaben aus. Die Idee war hier viel simpler und erzeugt in der Realität dann doch viel mehr Wirkung als dieses Werk von MVRDV...