Grenzen, Brücken, Bauhausbühne
Filmtipps zur 76. Berlinale
Heute startet die 76. Berlinale, die noch bis zum 22. Februar läuft. Viele der fast 300 Beiträge im Festivalprogramm loten die kreativen und demokratischen Möglichkeiten aus, die sich in der Filmproduktion durch KI auftun. Gleichzeitig wird durch den hohen Anteil historischer und aktueller Dokumentationsfilme klar: In Zeiten von Deepfakes gewinnt das dokumentarische Format im Hinblick auf Authentizität, den eigenen Blick und die ethische Verantwortung massiv an Bedeutung. Hier unsere betont subjektive Auswahl.
„Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990“ (Retrospektive)
Sommer 1990, die Mauer ist offen. Am Bahnhof Friedrichstaße, bis dato wichtigste Grenzübergangsstelle zwischen Ost- und Westberlin, werden wortwörtlich die Weichen für den gesellschaftlichen Umbau gestellt. Und vier Filmemacherinnen halten drauf: Zu Wort kommen Grenzbeamte, Passagiere, Devisenhändler und Intershop-Mitarbeiterinnen – sie berichten von der menschlichen Dimension und dem Fließbandcharakter ihres bald obsoleten Arbeitsalltags, von Kontrollschikanen und Zukunftsängsten. Gezeigt werden die Menschenmassen, die in den Bahnhof strömen, die Orientierungslosigkeit, die mit der neu gewonnenen Freiheit einhergeht. Und der Abriss der Abfertigungs- und Kontrollschalter im Tränenpalast: Fragil und wie aus Pappe erscheinen die physischen Manifestationen der deutsch-deutschen Trennung im Moment ihres Rückbaus.
R: Konstanze Binder, Lilly Grote, Ulrike Herdin, Julia Kunert
Deutschland 1991
86 Minuten
OmeU
Montag, 16. Februar, 15 Uhr im Cubix 5
Mittwoch, 18. Februar, 19 Uhr in der Deutschen Kinemathek – Halle
Sonntag, 22. Februar, 12 Uhr in der Deutschen Kinemathek – Halle
„Pink Schlemmer“ (Forum Expanded)
Bauhaus in Magenta und Rosa? Eine 16-mm-Kopie des Films „Mensch und Kunstfigur, Oskar Schlemmer und die Bauhausbühne“ von 1969 bildet den Ausgangspunkt für diesen neuerlichen Tanzfilm. Chemische Alterungsprozesse haben das originale Filmmaterial in flamboyante Farben getaucht. Diese lassen Oliver Husain und Team über die queere Dimension von Schlemmers Tänzen und Ideen spekulieren.
R: Oliver Husain
Kanada 2025
13 Minuten
OmeU
Samstag, 14. Februar,18.15 Uhr im Kino Betonhalle@Silent Green
Sonntag, 15. Februar, 14.30 Uhr im Kino Betonhalle@Silent Green
„Eight Bridges“ (Forum)
Es scheint an der Zeit zu sein, Brücken zu betrachten – so lautet der spröde Begleittext, den James Benning zu seinem neuen Langfilm herausgibt. Nicht mehr und nicht weniger tun wir denn auch, durch die Kamera des US-amerikanischen Künstlers und Dokumentarfilmers, der zuletzt bei der 73. Ausgabe der Berlinale vertreten war. Während seiner langen, unbewegten und unkommentierten Einstellungen finden sich im eigenen Kopf ganz automatisch Themen ein: die aktuellen Debatten um Materialermüdung und Sanierungsdruck natürlich, aber auch die Ingenieurskunst, Schönheit und die Kühnheit, die diesen jegliche Hindernisse überwindenden Bauwerken eingeschrieben sind.
R: James Benning
USA 2026
82 Minuten
ohne Dialog
Mittwoch, 18. Februar, 21 Uhr im Delphi Filmpalast (Weltpremiere)
Freitag, 20. Februar, 10 Uhr in der AdK am Hanseatenweg
Samstag, 21. Februar, 21.30 Uhr im Kino Betonhalle@Silent Green
„Wax & Gold“ (Berlinale Special Presentation)
Das Hilton Addis Abeba wurde Ende der 1960er Jahre vom äthiopischen Kaiser Haile Selassie eröffnet. Es wurde zum Symbol der Zukunftshoffnungen und der Selbstüberschätzung des Kaisers. Die österreichische Filmemacherin Ruth Beckermann nimmt Quartier in dem ehemaligen Grandhotel. Sie montiert Archivaufnahmen, aktuelles Hotelgeschehen und Bilder der unfertigen Skyline sowie ungeschönter Straßenszenen – und zeichnet ein vielschichtiges Porträt der Hauptstadt eines Landes mit komplexer Vergangenheit und nie eingelöster Zukunft.
R: Ruth Beckermann
Österreich, Italien 2026
97 Minuten
OmeU
Sonntag, 15. Februar, 14 Uhr im Haus der Berliner Festspiele (Weltpremiere)
Montag, 16. Februar, 16.15 Uhr in der AdK am Hanseatenweg
Donnerstag, 19. Februar, 22 Uhr im Colosseum 1
Freitag, 20. Februar, 19 Uhr im Cubix 9
Sonntag, 22. Februar, 14.15 Uhr in der AdK am Hanseatenweg
Auswahl und Texte: Kathrin Schömer Lehne
Tickets und das Berlinale-Programm unter berlinale.de