Funktional mit Feingefühl
Erweiterung einer Südtiroler Weinkellerei von Walter Angonese und Flaim Prünster
In den letzten Jahren gab es in der internationalen Weinbranche einen regelrechten Run auf moderne Architektur. Auch in Südtirol, das mit seinen 5.300 Hektar Anbaufläche eher zu den kleinen Anbaugebieten Italiens gehört, setzten Weingüter und Kellereien verstärkt auf spektakuläre Bauten – um sich selbst darzustellen oder Kunden in die Verköstigung zu locken. Dabei seien mitunter reißerische Weinarchitekturen entstanden, ist dem Pressetext der Bozener Flaim Prünster Architekten zu entnehmen. In Zusammenarbeit mit dem Kalterner Architekten Walter Angonese hat das junge Büro jüngst die Kellerei Sankt Michael in Eppan um eine Abladehalle erweitert, die Funktionalität mit Feingefühl verbindet.
Die 1907 gegründete Kellereigenossenschaft zählt heute zu den erfolgreichsten Weinproduzenten weltweit. Das 1908 zunächst vom Architekten Eduard von Call zu groß geplante und dann in Rekordzeit gebaute Haupthaus wurde von Beginn an stetig erweitert: Verwaltung, Önothek, Barriquekeller, ein Verkostungsraum mit Shop und nun die neue Abladehalle mit Vinifikationseinheit. Seit 1998 begleitet Walter Angonese diese Umbauten und arbeitete dabei zunächst mit Markus Scherer und nun mit Flaim Prünster zusammen.
Die lokale Topografie macht es möglich, dass der 40.000 Kubikmeter große Baukörper von außen als eingeschossiges Volumen wahrgenommen wird, denn er verschwindet größtenteils in einem Hügel. Damit lässt der Neubau dem Bestand die Hauptrolle. Nach dem Aushub musste es schnell gehen, denn die nächste Ernte sollte bereits im neuen Anbau verarbeitet werden – es blieben nur zehn Monate Zeit. Dies veranlasste die Architekten und Ingenieure mit vorgefertigten Betonteilen zu arbeiten, die auch aus semantischer Sicht die Rolle des Gebäudes im Ensemble widerspiegeln: ein funktionalistisch gedachter Zweckbau von industriellem Ausmaß, der normalerweise außerhalb des Besucherblickwinkels liegt. Nichtsdestotrotz sollte das Gebäude ansprechend umgesetzt werden und überrascht mit Details, die über einen reinen Funktionsbau hinausgehen: Die schräg gestellten, rhombenförmigen Fenster, um 45 Grad gedrehte quadratische Stützen, ein Erschließungsparcours und nicht zuletzt eine harmonische Proportionierung der Raumhöhen nach funktionalen Erfordernissen lassen das Zweckgebäude geradezu feinsinnig wirken.
Die Halle wird von Osten her erschlossen und verfügt im Obergeschoss über einen 1.000 Quadratmeter großen stützenfreien Raum. Während der Erntezeit liefern hier über 300 Mitgliederbetriebe der Genossenschaft ihr Traubengut gleichzeitig an, das sofort für die Gärung vorbereitet werden muss. Neben den Abladetrögen sind auch Waschvorrichtungen für die Traubenkörbe untergebracht. Der Lärm der Traktoren erforderte akustische Gegenmaßnahmen: In Zusammenarbeit mit dem Südtiroler Künstler Manfred Alois Mayer wurde eine Deckeninstallation – bestehend aus über 600 Lesebottichen – realisiert, die das Geräuschvolumen dämpft.
Die Maische wird durch die natürliche Schwerkraft ohne Pumpen auf die darunter liegenden önotechnischen Anlagen mit Rebel, Pressen und Gärtanks geleitet. Das erste Untergeschoss liegt auf Hofniveau, so können Rückstände aus den Weinpressen schnell nach außen abgeführt werden. Im zweiten Untergeschoss mit einer Raumhöhe von neun Metern erfolgt die Gärung. Zwei Stiegenhäuser und ein großer Lastenaufzug sowie ein Einbringschacht für Stahlfässer erschließen das Gebäude vertikal. Aus hygienischen Gründen musste der Industrieboden mit einer Epoxidlasur versehen werden. Im Zusammenspiel des Sichtbetons mit den schwarz lackierten Türen und Toren sowie den orangerot lackierten Leitplanken, die als Brüstungen dienen, ergibt sich ein funktionell schönes Bild. Auch das Grün der Traubenkisten macht sich darin ganz hervorragend. (tl)
Fotos: Samuel Holzner
diese gedrehten quadrate, die seltsamen farben, die dachform.... na ja, fürs Sommerloch reicht immerhin die schöne alte Villa
Die Archäologen der fernen Zukunft, die die Ruinen unserer Zivilisation freilegen müssen, sind nicht zu beneiden.