Demonstrationsprojekt für die Bauwende
Empfehlungen zum Neubau der Bauakademie in Berlin vorgestellt
Das neue Gebäude der Bundesstiftung Bauakademie soll „ein herausragendes Beispiel für die Innovationskraft sowie ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit im Bauwesen werden“. Mit dieser Formulierung beginnt die Pressemitteilung zu den Neubauplänen der Bauakademie, die Gründungsdirektor Guido Spars heute auf einer Pressekonferenz vorstellte. Es sind die Ergebnisse der Bürger*innenwerkstatt und der Sitzungen des Thinktank „Wettbewerb“, der als 35-köpfiges Beratungsgremium die zum Teil divergierenden Ansprüche an Rekonstruktion, Nachhaligkeit und Innovation abwägen und Handlungsempfehlungen für den anstehenden Wettbewerb zum Neubau im historischen Zentrum Berlins erarbeiten sollte.
Internationale Strahlkraft wünsche man sich für den Neubau, er möge einen Reallaborcharakter und eine experiementelle Offenheit für das Quartier, das Fachpublikum und die Öffentlichkeit gleichermaßen haben, etwa so fasste Spars die Kernbotschaften der Bürger*innen zusammen. In den Handlungsempfehlungen des Thinktanks ist die Rede von einem „Demonstrationsprojekt für die Zukunft des Bauens“ ebenso wie von einem respektvollen Umgang mit der Geschichte des Ortes, von einer Lernbaustelle, der Wandlungsfähigkeit und Bescheidenheit im Ausbaustandard.
Die für den Neubau formulierten Ziele klingen vor allem im Hinblick auf den Klimaschutz dem Zweck der Institution angemessen. Man wolle den in Bayern initiierten Gebäudetyp E für experimentelles Bauen auf Bundesebene holen, ein Pilotprojekt zur Novellierung des Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen (BNB) sein und damit nicht zuletzt auch an die Innovationskraft Schinkels anknüpfen. Eike Roswag-Klinge, Mitglied im Thinktank, erinnerte an die hohen Betriebskosten, die technikdominierte Bauten heute verursachen und verwies auf den nötigen Low-Tech-Ansatz im Neubau. „Wir müssen Schinkel nicht nachbauen, um ihm gerecht zu werden“, sagte er und positionierte sich damit auch eindeutig im Wirbel um die im Tagesspiegel beschriebenen Bemühungen der Berliner Senatsverwaltung, die originalgetreue Rekonstruktion über eine Gestaltungsverordnung durchzusetzen.
Darauf angesprochen verwies Spars zunächst darauf, dass es sich lediglich um einen Gestaltungsverordnungsentwurf handele und gab sich zuversichtlich, dass man mit dem Land übereinkomme. Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt sei Teil des Thinktank Wettbewerb gewesen und sitze auch im Stiftungsrat. Die Gestaltungsfragen wolle er einem Wettbewerb überlassen. Aussagen zu den Baukosten zu machen, finde er darüber hinaus derzeit vermessen. Nach der Stiftungsratstagung im Dezember sollen das Wettbewerbsverfahren konkretisiert und ein Auslobungstext formuliert werden. Wenn der Stiftungsrat im Frühjahr 2023 die Freigabe der Auslobung erteilt, könne der Wettbewerb beginnen. (fm)
Der Vergleich der Kunstwerke mit Schinkels Bauakademie hinkt total. Das Weihnachtsoratorium wird in jeder Aufführung neu interpretiert, Goethes Faust erhält ein neues Bühnenbild, Textteile werden verfremdet, neue Instrumente eingesetzt usw. Beide Kunstwerke sind abstrakte Gedanken, die sich jeweils konkret in einem Moment der Aufführung manifestieren. Wenn man hier vergleichen wollte, müsste man das Bauwerk Schinkels auf eine Ebene mit einer einzelnen Aufführung der Werke setzen. Begreift man den Wert der Bauakademie als Gedankengebäude hinter der konkreten, zerstörten Konstruktion, verbietet es sich geradezu, die Bauakademie 1:1 zu rekonstruieren. Schinkel hat seine Gedanken mit den seinerzeit verfügbaren Materialien und Technologien umgesetzt. Heute würde er das anders machen. Seine Gedanken haben sich zudem in der Architekturgeschichte weiterentwickelt - er würde seine Augen auch vor neuen Erkenntnissen nicht verschließen. Und schließlich ist Architektur keine abstrakte, sondern konkrete Kunst, die darüberhinaus funktionieren muss. Jedes neue Bauwerk erzwingt einen erheblichen Aufwand an Ressourcen und besteht meist über einen langen Zeitraum - da sind zeitgemäße Antworten auf aktuelle Fragen gefragt, alles Andere wäre einfach nur verantwortungslos. Wenn unbedingt ein Vergleich gezogen werden muss, wäre ein Vergleich mit dem zerstörten Bild eines toten Künstlers angebrachter und leichter nachzuvollziehen. Ein Maler würde das heute auch nicht neu malen, sondern vielleicht das Motiv neu mit eigenen Mitteln abbilden, oder das Kunstwerk sonstwie referenzieren. Eine originalgetreue Rekonstruktion bzw. Kopie der Bauakademie verhielte sich zu Schinkels Gedankengebäude stattdessen wie der billige Kunstdruck eines Picassos, den man vielleicht im Wartezimmer eines Zahnarzts findet - dort ist aber kein Platz mehr, da hängt doch schon das Stadtschloss.
Könnte man bspw. den Text von Goethes Faust im Nachhinein ändern oder die Noten von Bachs Weihnachtsoratorium zeitgemäß auffrischen? Der Umgang mit Schinkels Bauakademie kann m.E. keine Frage von architektonischen Vorlieben, Geschmack oder Zeitgeist sein. Die Entwurfsphase ist schlicht abgeschlossen und es scheint mir geradezu unmöglich ihn neu zu interpretieren oder in seiner primären Erscheinungsform umzugestalten. Ich denke es gibt an Schinkels Bauakademie keine gestalterischen Spielräume, sondern maximal technische Variablen. Wir benötigen die wahrnehmbaren Bausteine unserer Geistesgeschichte zur kritischen Betrachtung und Selbstvergewisserung. Ich bezweifle, dass es eine gute Idee ist, am Gegenstand von Schinkels Bauakademie einen vermeintlichen Lagerkampf zwischen mutmaßlichen Modernisten und Traditionalisten zu vollziehen. Ich denke es geht hier primär um Kulturgeschichte und weniger um eine Architekturdebatte.
Ich halte Spars bislang für einen sehr guten Gründungsdirektor.