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27.04.2018

Abriss oder Sanierung?

Einigung um Robotron-Bau in Dresden naht


Seit mehreren Jahren wird um die ehemalige ROBOTRON-Kantine in Dresden gestritten. Sie ist ein identitätsstiftendes und gut erhaltenes Zeugnis der Ostmoderne. Mit viel Kommunikationsgeschick und Engagement argumentieren die Befürworter ihres Erhalts gegen die Abrisspläne des Eigentümers. Die Entscheidung liegt nun in den Händen der Stadtverordneten.

Von Danuta Schmidt


Der als ROBOTRON-Kantine bekannte, pavillonartige Typenbau entstand 1969 bis 1972 nach Plänen von Herbert Zimmer, Peter Schramm und Siegfried Thiel. Er war einst Betriebsgaststätte und Kulturadresse der Mitarbeiter des DDR-Computerherstellers. Sein Standort ist in exponierter Lage im Zentrum der Stadt zwischen Hygiene-Museum und Rathaus. Auf einer Klausurtagung am vergangenen Wochenende stimmten die Mitglieder der mit 21 Sitzen stärksten Stadtratsfraktion der CDU dafür, in dem Flachbau ein so genanntes Open Future Lab einzurichten. Das hatte der Verein „Wir gestalten Dresden – Branchenverband der Dresdner Kultur- und Kreativwirtschaft“ vorgeschlagen. 

„Die Idee ist nicht nur eine Idee, das Konzept erscheint uns ausgereift, anhand dessen wir uns Wirtschaftsförderung vorstellen können,“ sagt Steffen Kaden, Fraktionssprecher der CDU im Dresdner Stadtrat. Das Open Future Lab befindet sich auf der Schnittachse zwischen der Dresdner Neustadt im Norden, der Technischen Universität im Süden, dem Kulturzentrum Kraftwerk Mitte mit der Staatsoperette und dem Theater der jungen Generation im Westen und der gläsernen Manufaktur von VW im Osten, wo der Elektrogolf gebaut wird.

Die aktuelle Eigentümerin des ROBOTRON-Areals, die Immovation AG aus Kassel, will 3.000 Wohnungen in drei Bauabschnitten bauen. Etliche Gebäude auf dem Gelände wurden dafür bereits abgerissen. Auch der Abriss der Kantine ist lange genehmigt, doch in einer Sitzung des Bauausschusses im Februar 2017 konnte mit 8:7 Stimmen eine Nutzungsprüfung beauftragt werden. Auf dem Grundstück der Betriebsgaststätte darf allerdings nicht neu gebaut werden, weil das Gebäude auf dem Boden des historischen Blüher-Parks steht. Das wäre die Chance für den Erhalt der Kantine. Allerdings könnte an ihrer Stelle auch der Blüher-Park revitalisiert und der Park erweitert werden.


Mehr als eine Erinnerung an die Ostmoderne


„Die erfreuliche Nachricht an der CDU-Abstimmung ist, dass unsere Arbeit nun Früchte trägt, weil sich die Entscheider jetzt konkret mit der Zukunft des Gebäudes beschäftigen“ sagt Matthias Hahndorf von ostmodern.org, einer der vielen Mitstreiter, die sich seit 2015 für den Verbleib der ROBOTRON-Kantine einsetzen. ROBOTRON wurde am 1. April 1969 in Dresden gegründet und zählte mit mehr als 20 Betrieben, von Weimar bis Berlin und Handelsvertretungen in 28 Ländern zu den größten überregionalen Kombinaten der DDR. ROBOTRON ist ein Markenwort und setzt sich aus „Roboter“ und „Elektronik“ zusammen. Als DDR-Computer-Schmiede beschäftigte das Unternehmen 68.000 Mitarbeiter. Hier arbeiteten Menschen ihr ganzes Leben lang, bis zur Abwicklung durch die Treuhand 1990. Viele wurden arbeitslos. Das Gebäude ist demzufolge mehr als eine Erinnerung an eine abgeschlossene historische und bauhistorische Epoche im Stil der Moderne und Ausdruck technischer Errungenschaften der 60er Jahre. Sein Erhalt ist nicht nur für Dresden identitätsfördernd.

Im Innern sind die verschiebbare Holzwand aus den Hellerauer Werkstätten, eine Moki-Decke aus Gips und zwei Formsteinwände des Bilderhauers Eberhard Wolf noch gut erhalten: „Im Außenbereich fällt die Betonbrüstung des Künstlers Friedrich Kracht auf, die durch überstehende Betonkraken dem Gebäude eine gewisse Leichtigkeit gibt. Auch die Vorderseite mit blau lasierten Fliesen aus Meißner Baukeramik ist besonders“, sagt Marco Dziallas, der bei "ostmodern.org" und stadtpolitisch für die Linke in Dresden aktiv ist.

Erhaltungswürdige Inneneinrichtung


Die ROBOTRON-Kantine steht nicht auf der Denkmalliste. „Eine Aufnahme auf die Denkmalliste wurde von der Oberen Denkmalschutzbehörde geprüft und abgelehnt mit der Begründung, dass das Gebäude zwar denkmalfähig, aber nicht denkmalwürdig sei, da das öffentliche Interesse nicht erkennbar sei. Nun ist doch aber der Stadtrat die Vertretung der Bürgerschaft und wenn dieser das Denkmalamt in dieser Richtung beauftragt, dann bleibt die Frage im Raum, warum kein öffentliches Interesse erkannt wird?“ sagt Matthias Hahndorf. Dass die ehemalige Kantine noch steht, ist den Initiativen „ostmodern.org“ und „Industrie.Kultur.Ost“ zu verdanken. Sie schrieben einen Erhaltungsaufruf für die „Kulturkantine“ und betrieben unermüdlich Öffentlichkeitsarbeit und Netzwerkarbeit mit Kommunalpolitik und Verwaltung. 

Aktuell liegen zwei Nutzungskonzepte vor. Eines ist die Idee, das Gebäude als Ausstellungsort für das Kunsthaus Dresden zu nutzen. Die städtische Galerie für Zeitgenössische Kunst würde dann umziehen, hätte mehr Platz als in den Räumen des Barockgebäudes in der Rähnitzgasse. Der Ort wäre in städtischer Nutzung. Eine andere Idee kommt mit dem Open Future Lab aus dem Umfeld der Technischen Universität (Lehrstuhl Technisches Design) und dem Verband der Kreativwirtschaft. Die Initiatoren wollen Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft vernetzen und den Instituten und Forschungseinrichtungen die Möglichkeit geben, sich öffentlich zu präsentieren.

Wie geht es jetzt weiter?

Noch ist nichts entschieden. Ganz abgesehen von der Nutzungsentscheidung, müsste die Stadt mit den Investoren verhandeln und über entsprechende Fraktionsanträge für Kauf und Sanierung abstimmen. Der Dresdner Stadtrat hat derzeit 70 Mitglieder in sechs Fraktionen. Mit 21 Plätzen braucht die CDU die Stimmen der anderen, um den Erhalt der Robotron-Kantine zu sichern. Die Fraktion der Linken (17 Plätze) ist für den Erhalt, die Grünen (11 Plätze) sind gespalten, einige wollen den Blüher-Park, auch die SPD hat keine klare Position. Das Abstimmungsergebnis geht aber wiederum einher mit dem Nutzungskonzept. Bekommt das Kunsthaus-Konzept den Vorzug, wird das Gebäude eine städtische Einrichtung. Erhält das Open Future Lab den Zuschlag, muss die Trägerschaft geklärt werden.

„Es könnte eine Stadtratsinitiative entstehen, die die Stadt beauftragt, das Gebäude zu kaufen oder über einen Flächentausch in Besitz zunehmen“, sagt Matthias Hahndorf. Die dann anstehende Sanierung berge Chancen: Die Anliefer-Zone, die weniger repräsentative Seite des Gebäudes, könne neu gestaltet werden. Zum Beispiel mit einem Fassaden-und Dach-Konzept von Green City Solutions. Das Dresdner Start-up hat freistehende, mit Moosen bepflanzte Wände entwickelt, die viel mehr Feinstaub filtern als Bäume. Dies biete im Vergleich zu Abriss und Wiese stadtklimatisch positivere Effekte, so Hahndorf. Viele Ideen und Argumente liegen auf dem Tisch. Bleibt zu hoffen, dass das Engagement der Befürworter des Erhalts nicht umsonst gewesen ist.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, die Grünen wollen den Blüher-Park.


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Die ROBOTRON-Kantine in Dresden entstand 1969-1972 nach Plänen von Herbert Zimmer, Peter Schramm und Siegfried Thiel. Das Foto entstand 2015.

Die ROBOTRON-Kantine in Dresden entstand 1969-1972 nach Plänen von Herbert Zimmer, Peter Schramm und Siegfried Thiel. Das Foto entstand 2015.

Foto von 2017: Die Innenausstattung ist noch gut erhalten...

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...inklusive der Formsteinwand von Eberhard Wolf

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Mehrere Nutzungskonzepte liegen auf dem Tisch.

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