Mehr Wohnraum für Neukölln
EM2N gewinnen Wettbewerb in Berlin
Das Kriegsende hat der Rollbergkiez im Berliner Stadtteil Neukölln einigermaßen unbeschadet erlebt, aber mit der Flächensanierung der Sechziger- und Siebzigerjahre wurde die Altbausubstanz schließlich doch noch zerstört. Maßstabslose Hochhausburgen sind hier allerdings nicht entstanden, sondern niedrigere Gebäudegruppen, die teils den alten Straßen folgen. Insbesondere die Rollbergsiedlung von Rainer Oefelein, von dem auch der Bebauungsplan des Quartiers stammt, verfügt über einige interessante Qualitäten.
Etwas Platz ist allerdings noch am Rande des Rollbergs, zwischen Abstandsgrün und alter Parkgarage. Im September hatte darum die Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land, der in der Gegend die meisten Wohnungen gehören, einen Neubauwettbewerb ausgelobt. Auf einem L-förmigen Grundstück zwischen Briesestraße und Kienitzer Straße sollen bis 2018 Atelierwohnungen, reguläre Wohnungen mit bis zu vier Zimmern und spezielle Einheiten für Wohngruppen entstehen. Gewonnen hat das Büro EM2N von Mathias Müller und Daniel Niggli aus Zürich, wobei ihr Projekt interessanterweise Motive der Nachkriegsmoderne aufgreift. Endlich ein vielversprechender Ansatz für ein solches städtebauliches Umfeld.
Das Grundstück war zunächst Teil der „Urban Living“-Initiative des Senats, aber die ursprüngliche Idee, die bestehende Hochgarage umzunutzen, war aufgrund von „bauordnungsrechtlichen Belangen und Kostenaspekten“ nicht machbar. Zumindest hinsichtlich des Programms konnten aber einige Ideen in das neue Verfahren hinübergerettet werden. Die Koordination und Durchführung oblag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt.
Das Ergebnis im Überblick:
- 1. Preis: EM2N, Zürich
- 2. Preis: AllesWirdGut Architektur, Wien
- 3. Preis: Spengler-Wiescholek Architekten und el:ch Landschaftsarchitekten, beide Hamburg
- Anerkennung: Raumzeit Architekten, Berlin
- Anerkennung: Axthelm Rolvien mit Holzwarth Landschaftsarchitektur, beide Berlin
Die Züricher Architekten verteilen das Programm auf vier Baukörper, die einerseits Freiraum lassen für einen kleinen Stadtplatz, die andererseits aber auch wie ein historisches Mietshaus um einen Innenhof herum organisiert sind. Hof und Platz sind mittels eines großzügigen Durchgangs verbunden. Die Wohnungen werden über freistehende Laubengänge und Brücken erschlossen, so dass im Innenhof vertikal durchlässige Loggien entstehen. Diese ziehen sich durch den Bau hindurch bis vor an die Straße. Ein simpler Kniff, mit dem der kommunikative Charakter der Architektur weiter gestärkt wird.
Der Jury gefiel außerdem die experimentelle, eher unfertige Anmutung der Fassade, die mit ihren profilierten Paneelen tatsächlich nur auf den ersten Blick stark an Nachkriegsbauten wie das Wohnhochhaus von Wils Ebert neben dem jüdischen Museum erinnert. Die Paneele werden nach aktuellem Stand nämlich aus Aluminium bestehen, was der Wohnanlage am Ende wahrscheinlich eine ganz andere Anmutung geben dürfte.
Realisiert werden sollen schließlich 7.700 Quadratmeter Wohnfläche, wofür brutto 12,5 Millionen Euro vorgesehen sind. Die Fertigstellung ist bereits für Anfang 2018 geplant — wer also Lust auf eines der schönen Ateliers hat oder wer gerne in einer der Wohngruppen mit ihren Gemeinschaftsflächen unterkommen möchte, der kann schon mal seine Bewerbungsunterlagen zusammenstellen. (sb)
Modellfotos: H. - J. Wuthenow
So sehr ich mit Ihren Aussagen grundsätzlich sympathisiere, so sehr geht Ihre Analyse doch an der Realität vorbei. Der Rollbergkiez ist keine abgehängte Gegend mehr, sondern längst mitten in der Gentrifizierung, wer heute einigermaßen cool und jung ist, zieht ungefährt in diese Gegend. Und der Witz ist, wenn diese Menschen in ein paar Jahren Kinder kriegen, dann wollen sie genau so ein Haus, mit so einer Fassade. Die untere bis mittlere kreative Mittelschicht will so wohnen, das sieht man an der Ritterstraße 50 von ifau und co. Und wenn sie von den Investoren Projekten im Prenzlauer Berg oder Charlottenburg sprechen, das ist architektonisch nun wirklich der letzte Schrott. Niemand mit einem Rest ästhetischen Selbstrespekt würde dort wohnen wollen, selbst wenn man das Geld hat. Und wenn es Ihnen um die geht, "die sich nur noch im Rollbergviertel eine Wohnung leisten können", dann kann ich Ihnen sagen, dass sie diese Menschen nicht mehr lange dort antreffen, sondern sich schon mal in Richtung Spandau aufmachen sollten. Jede sozialschwache Familie, die dort auszieht, wird durch Mittelstandskids ersetzt, denen Papa die Wohnung zahlt. Das ist schon lange die Politik der Ent(Durch)Mischung, wie sie die großen Berliner Wohnungsbaugesellschaften fahren.
Mögen die kommunikativen Gemeinschaftszonen und heimeligen Laubengänge, die dann im nasskalten Winter gefühlte 8 Monate lang ihren Horror voll entfalten werden, im Berliner Morast versinken und nie gebaut werden! Schrecklich!
Aber vielleicht muß das Unmögliche doch immer wieder probiert werden, zumal wenn es so schön entworfen ist wie der erste Preis.