Duschkabinenglas und Efeurelief
Deutsche Botschaft in Warschau fertig
Bisher war das deutsche Konsulat in Polen städtebaulich an den Rand gedrängt: Die bundesdeutsche Botschaft war auf acht Gebäude an der Weichsel verteilt. Mit dem Neubau der Deutschen Botschaft vom Berliner Büro Holger Kleine Architekten ist man nun wieder in der Mitte, in der Nähe des polnischen Parlaments, angekommen.
„Zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Repräsentanz in Polen liegen Botschaft, Konsulat und Botschafterresidenz unter einem Dach. Eine besondere Anforderung für den Architekten – denn das immer noch besondere Verhältnis zwischen Polen und Deutschen erfordert einen behutsamen Umgang mit der Stadt und einen architektonischen Auftritt, bei dem tradierte Pathos- und Würdeformeln unangebracht sind“, schreibt Andreas Denk über den Neubau in „Der Architekt“.
Der Entwurf war aus einem Wettbewerb im Jahr 2002 hervorgegangen. Vor drei Jahren feierte man in Warschau Richtfest für den weinumrankten Neubau (siehe BauNetz-Meldung vom 19. Oktober 2006), dessen Sprache sich sehr um das Miteinander von Innen und Außen bemüht: Der Beton für die Außenhaut wurde in Formen gegossen, die ein künstliches Efeurelief erzeugen. Ein anderer Teil der Außenwände ist von Tageszeit und Wetter abhängig. Die Wände sind mit geriffeltem Duschkabinenglas verkleidet und reflektieren so die Farben des Himmels.
Die Kritiker des Baus sind sich uneins, bemerkt die Süddeutsche Zeitung in ihrer heutigen Ausgabe. Während sich die Architekturkritiker des Landes – Kanzleramt und Potsdamer Platz vor Augen – etwas Aufregendes gewünscht hätten, sind andere zufrieden mit dem zurückhaltenden, freundlichen Entwurf aus dem Berliner Büro. Lag doch das Grundstück während der Besatzungszeit der Deutschen innerhalb der eingezäunten deutschen Stadt Warschau, deren Wohnungen von SS-Offizieren bewohnt wurden.
- Entwurfsbrillianz, konzeptionelle Klarheit und Budgeteinhaltung halte ich keineswegs für die Zugangsvoraussetzung zu Diskussionen hier. Allerdings würde ich meine Augen gerne an den Arbeiten derer laben, denen hier beispielsweise zur Dt. Botschaft Warschau von Holger Kleine nur ein abfälliges "Mittelmaß" einfällt - ohne zu erklären, was sie zu ihrem harschen Urteil bringt.
Man könnte ja das konkrete Objekt auch konkret diskutieren. Um bei der Gebäudehülle zu bleiben:
- Sind die Glitzereffekte des rückseitig emaillierten Strukturglases wirklich so begeisternd? Auf den unbewegten Bildern hier sieht man nicht so viel davon.
- Spiegeln die drei unterschiedlichen Materialien der Fassade in einzelne Baukörper getrennte unterschiedliche Nutzungen wider oder ist das nur eine beliebige Fassadentapete? Auch dies lässt sich hier ohne Pläne leider nicht ablesen.
Gegen die Anonymität hier habe ich nichts und nutze sie natürlich auch selbst, mich ärgert aber sehr, wenn sie von anderen vor allem für meist recht platte Schähkritik gebraucht wird, welche die Schreiber unter realem Namen so nicht vorbringen würden. Aber gerade in den vergangenen Tagen gab es einige erfreulich differenzierte Kritiken, bspw. vom "Inselarchitekten".
auch ich bin der meinung, das sich viele komentartoren im ton vergreifen.
andererseits glaube ich nicht, dass man erst einen "brillianten und bahnbrechenden Entwurf, konzeptionell klar und bei unterschrittenem Budget" realisieren muß, um andere kritisch beäugen zu dürfen.
und anonym ist auch dein auftritt hier!
leider sind die kommentare nicht frei von respektlosen vorurteilen, herr dr. kunze...
Bei deren Gebäuden braucht man auch keine Blumenkübel oder Stahlskulpturen mehr. Problem ist nur: es sind allesamt keine deutschen Architekten...