Fridays for Architects
Deklaration zum Klima- und Biodiversitätsnotstand
Die von Greta Thunberg initiierte 'Fridays for Future'-Bewegung hält Einzug in den hiesigen Architekturbüros. Nachdem Architekt*innen im Vereinigten Königreich im Mai 2019 ein „Climate and Biodiversity Emergency“ ausgerufen haben, gibt es nun auch einen deutschen Ableger. Was bringts?
von Alexander Stumm
Richtig ist: Architektur ist beim Klimawandel alles andere als unbeteiligt. Die Bauproduktion und der Unterhalt von Gebäuden tragen mit rund 40 Prozent zu den globalen CO2-Emissionen bei. Vor diesem Hintergrund unterzeichnen Architekt*innen von Irland bis Italien überall auf der Welt die Deklaration des Klima- und Biodiversitätsnotstands. Gründungsunterzeichner des deutschen Flügels sind ANCB The Aedes Metropolitan Laboratory, BHL Building Health Lab, ENAH European Network Architecture for Health, Graft, HENN, ingenhoven architects, Kéré Architecture, kopvol, Max Dudler und Nickl & Partner Architekten. „Das Kollektiv stuft den Klimakollaps und einen Verlust an Biodiversität als die größten Probleme unserer Zeit ein. {…} Es bedarf eines Paradigmenwechsels, um die gesellschaftlichen Anforderungen zu erfüllen, ohne dabei die ökologischen Grenzen unseres Planeten zu verletzen. Zusammen mit unseren Bauherren werden wir Gebäude, Städte und Infrastruktur entwerfen und realisieren müssen, die Bestandteile eines größeren, regenerativen Systems sind.“
Dass Klimaschutz ein gesamtgesellschaftlich relevantes Thema zu sein scheint, haben inzwischen auch transnationale Konzerne und hochrangige Politiker*innen realisiert. Die vielleicht akuteste Folge: Die Grenze zwischen konsequentem Klimaschutz und Green Washing verschwimmt zusehends. Nachhaltigkeit ist zu einem der strapaziertesten Begriffe unserer Zeit geworden und so vielfältig interpretierbar, dass irgendwie alles darunter subsumiert werden kann. Das gebaute Spektrum der Erstunterzeichner jedenfalls reicht von mit lokal produzierten Materialien errichteten Waisenhäusern in Burkina Faso (Kéré Architecture) bis zu supergreen® Wolkenkratzern (ingenhoven architects).
Selbst als Marketingkampagne ist die Deklaration des Klima- und Biodiversitätsnotstands keineswegs per se abzulehnen. Denn es erhöht das Bewusstsein und betont „die dringende Notwendigkeit des Agierens bei Bauherren und Lieferanten“. Von einigen Ewiggestrigen abgesehen ist das Bewusstsein für die Klimakrise zwar in weiten Teilen der Gesellschaft angekommen. Die offene Frage bleibt, mit welchen Mitteln und mit welcher Radikalität die komplexe Problematik angegangen werden soll. In der Deklaration entsteht der Eindruck, dass Technologie der Schlüssel sei, um gemeinsam die Welt doch noch zu retten: „Die Technologie und die Wissenschaft dazu {für das regenerative System} existieren schon, es fehlt lediglich der kollektive Wille.“
Dass der für die Betonproduktion notwendige Sand, der übrigens nach Wasser die zweitmeist verbrauchte Ressource weltweit geworden ist, aus illegalem Abbau in vielen Staaten Südostasiens oder am ostafrikanischen Viktoriasee – wo sich eine regelrechte Sandmafia gebildet hat – kommt; dass der Abbau des für die Batterien unserer Smart Cities benötigten Lithiums im Dreiländereck Bolivien, Chile, Argentinien das Grundwasser verseucht und damit die Lebensgrundlage nicht nur der Biodiversität sondern auch der indigenen Bevölkerungen unterminiert – solcherlei handfeste Probleme, werden in der Deklaration nicht behandelt.
Stattdessen werden Dinge gefordert wie:
„- Einen schnelleren Wandel hin zum Regenerativen fördern und mehr Staatsunterstützung sichern.
- Klima- und Biodiversitätsprinzipien in den Vordergrund stellen als Schlüssel zum Erfolg unserer Branche: Belegt durch Auszeichnungen und Preise.
- Fachliches Wissen teilen und verbreiten auf Open Source Basis.
- Neue Projekte hinsichtlich der neuen Ziele evaluieren und Bauherren dazu ermuntern dies auch zu tun.
- Bestehende Bauten verbessern als CO2-sparende Alternative zu Abriss und Neubau.
- Die gesamte Lebensdauer von Bauten, Carbon Modeling und Bezug mehr in die Planung einbeziehen, sodass der Ressourcenverbrauch reduziert werden kann.
- Mehr regenerative Designprinzipien und -elemente in die Entwürfe einplanen, mit dem Ziel eine Architektur und einen Urbanismus herzustellen, die weiter gehen als Zero-Carbon-Standards.
- Durch eine Zusammenarbeit zwischen Baufirmen, Ingenieuren und Bauherren den Baumüll weiter reduzieren.
- Den Wandel zu ökologisch verantwortbaren Materialien beschleunigen.
- Die Ressourcenverschwendung verringern, sowohl global als auch im Detail.“
So hehr die Absichten auch sein mögen: Mehr als ein Anfang kann die Deklaration freilich nicht sein. Von unserer Bundesregierung hat das Kollektiv jedenfalls gelernt, keine eindeutigen Prozent- mit konkreten Jahreszahlen zu verbinden, an denen man sich im Nachhinein messen lassen müsste. Auch resultieren keine politischen Forderungen. Man hält es – je nach Lesart – mit dem großen Allgemeinen beziehungsweise floskelhaftem Minimalkonsens. Oder, um es mit der Deklaration zum Klima- und Biodiversitätsnotstand zu sagen: „Wir verpflichten uns dazu, unsere Arbeitsweisen zu stärken, sodass eine Architektur und ein Urbanismus entstehen können, die einen positiveren Einfluss auf unsere Welt haben.“ Das Kollektiv sucht nun nach weiteren Unterzeichnern.
ich fände zwar fridays for architects auch prima aber das ist ein anderes Thema Lustig, der Herr Brettschneider...
Der Klimawandel wird immer mehr zum Vorwand, weitere Problemverschleppungen zu legitimieren. Aufgrund der schieren Größe geht das leicht, sich dahinter zu verstecken. Beispiel Venedig: das Hochwasser zuletzt hat ein wehrloses, völlig vernachlässigtes Weltkulturerbe getroffen. Kreuzfahrtschiffe, die entsprechend ausgebaggerten Fahrrinnen in der Lagune: da gibt's genügend Profiteure. Das Flutwehrsystem Mose, das da wie der BER unendlich lange braucht und ähnliche Summen hat versumpfen lassen in manchen Taschen: Da wird man wohl erst entschiedener drangehen, wenn San Marco kurz vorm Kollaps ist. Aber alle schimpfen auf den bösen Klimawandel. Und machen weiter wie bisher. Immer weiter.
macht doch keine leeren versprechungen und plant nachhaltig, nicht verschwenderisch, zu fairen baupreisen in der gesamten kette (dann wird zwar weniger gebaut aber so isses halt) .spart euch die zertifiziererei (da ist die baubranche auch nicht besser als die tierverwerter und die ökobauern). aber dann gibts halt auch keinen nachhaltigkeitspreis wo ihr klaus töpfer die hand schütteln und simply red aus der retorte hören könnt.....
Wenn man jetzt beide Seiten der Kriktiker und Befürworter in einen Topf steckt, müssten sich doch dennoch alle einig sein, dass man mit den vorhandenen "endlichen" Ressourcen sinnvoll umgehen sollte, oder nicht? Dies betrifft z.B und im Besonderen Sand und alles was man aus dem Boden kratzt und was schon sehr lange da lag. Weiterhin, dass das was man baut und auch aus was man es baut, möglichst einfach zurückgeführt bzw recycliert werden sollte. Diese beiden Erkenntnisse wären ja schonmal ein Anfang!
mehr will ich zu diesem mehrheitlich unverstandenem thema nicht sagen.