Stamm im Haus
Bürogebäude in Gossau von K&L Architekten und ICD Stuttgart
Vom Schweizer Holzbauer Blumer Lehmann war schon häufiger im BauNetz die Rede – unter anderem bei einer Schulerweiterung, einer Eventhalle und einer Moschee. Kam dem Unternehmen bisher immer die Support-Rolle zu, steht es nun als Bauherr selbst im Fokus. Am Firmensitz in Gossau im Kanton St. Gallen steht seit Kurzem ein neues Hauptgebäude. Gemeinsam entwickelt haben es K&L Architekten aus St. Gallen in Zusammenarbeit mit dem Institut für computerbasiertes Entwerfen der Universität Stuttgart unter Lehrstuhlinhaber Achim Menges und natürlich das eigene Team an Ingenieur*innen.
Seit 1875 gibt es Blumer Lehmann, heute sind die Schweizer weltweit tätig. Am eher ländlich anmutenden Hauptsitz namens Erlenhof am Rand einer Streusiedlung nahe Gossau sind 500 Mitarbeiter*innen mit der Entwicklung und Produktion beschäftigt. Das neue Gebäude bietet rund 180 Büroarbeitsplätze, Veranstaltungs- und Eventräume und eine Cafeteria. Die benachbarten Produktionshallen sind über eine Passerelle im zweiten Obergeschoß zu erreichen. Insgesamt sind es fünf Geschosse über einem viereckigen Grundriss mit einseitig spitzwinkliger Form.
Errichtet wurde das Haus als Holz-Skelettbau mit aussteifendem Betonkern und einer Holz-Beton-Holz-Verbundlösung für die Decken. Hierbei wurden Aussparungen in die Deckenbalken und Bodenplatten gefräst, was – nach der Montage mit Beton ausgefüllt – neuartige schubfeste Verbindungen ergab. Die Fassade wurde samt vertikaler Lisenen und umlaufender Balkonen vorgehängt. Die Büroflächen liegen außen, während um den mit grünlasierter Weißtanne verkleideten Betonkern Rückzugsräume, Teeküchen und Garderobennischen zu finden sind. Lehmwände verbessern das Raumklima, Akustikdecken und Naturteppichböden tragen zur Raumakustik bei.
Der eigentliche Clou des Gebäudes ist allerdings in seinem konzeptionellen Spitznamen zu finden: Stammhaus. Der rekurriert nicht auf das Material, sondern auf ein freigeformtes Atrium, das wie ein irregulär wachsender Baumstamm die rationale Logik des Geschossbürobaus durchbricht. Entwickelt wurde dieses Atrium im Team mit dem bereits erwähnten Institut von Achim Menges. Als Statikingenieure an der Entwicklung des Atriums waren außerdem SJB Kempter Fitze (u.a. Gossau) an der Umsetzung beteiligt.
Die Struktur aus gekrümmten Holzbauteilen ist nicht nur über die gesamte Gebäudehöhe hinweg selbsttragend, sondern sie nimmt zusätzlich auch die Lasten der Treppenanlage sowie Teillasten aus den angrenzenden Geschossdecken und der darüberliegenden Dachstruktur auf. Der Querschnitt der kreuzweise verleimten Elemente aus Fichte beträgt hierbei nur maximal 130 Millimeter.
Für Blumer Lehmann und das ICD war das Atrium die Fortsetzung einer Zusammenarbeit, der schon der Aussichtsturm der Landesgartenschau in Wangen entsprang. Hierbei wurde ein Verfahren entwickelt, bei dem aktive und restriktive Schichten zunächst flach verleimt werden. Die Krümmung ergibt sich dann im Rahmen einer kontrollierten Trocknung aus dem unterschiedlichen Feuchtigkeitsgehalt der Schichten und dem daraus resultierenden Schwund. Eine Technik, die das Unternehmen nun auch in sein reguläres Repertoire aufgenommen hat. (sb)
Fotos: Jan Thoma, ICD Universität Stuttgart
- Fertigstellung:
- 2024
- Architektur:
- K&L Architekten
- Entwurf Atriumstruktur:
- ICD Universität Stuttgart, Prof. Achim Menges
- Statik Atrium:
- SJB Kemptner Fitze
- Holzbau (Planung, Statik und Umsetzung):
- Blumer Lehmann
Der optimale Einsatz des Holzes wäre vermutlich als Baumstützen im runden Originalquerschnitt.
Aber das ist letztenendes blanke Architekturphillosophie...beim Bau geht es schlussendlich um handfeste Realität, die mit Händen und Maschinen in irgendeiner Form vom Mensch erstellt werden muss.
Ich bewundere die Kollegen und Bauherren, die sich trotz aller Notwendigkeiten und Zwänge dennoch zu diesem, wenn auch wirtschaftlichem und ökologisch fragwürdigem konzeptionellen Ansatz verleiten lassen und dann auch durchziehen. Ohne solchen Einsatz würde nur absoluter Einheitsbrei entstehen...also leben und leben lassen....
Die Freiformtreppe bzw. der Canyon als mineralischer Gegenpol aus "bösem" Beton wäre aus meiner Sicht vermutlich der konzeptionell stärkste Ansatz als Kontrast zum umgebenden Holzbau...der nebenbei m.E. nach ganz schick aussieht.
Allerdings frage ich mich, wie würde man diese, nennen wir sie dreidimensionale Freiform, aus Beton herstellen? Die typischen flächigen Schaltafeln könnten nicht genutzt werden, notwendig wären zahlreiche individuelle "3d-gedruckte" Schaltafeln aus Holz. Größerer Holzaufwand für die Schalung zuzüglich Betonaufwand, ob das sinnvoll wäre?
Dann vielleicht lieber Beton-3D-Druck. Aber wäre das dann vitruvianisch, Beton gedruckt, und nicht gegossen. Dann müsste das "3d-gedruckte" Holz ja auch in Ordnung sein. Dann doch lieber mauern? Die Sicht der Fotos zeigt, gewisse Formen wären nicht darstellbar. Also Beton wie?
Ist das lineare Brett nun die natürliche Form von Holz? Bei einer kerzengraden Fichte mag das naheligend sein. Wie sieht's jedoch beim knorrigen Olivenbaum aus? Ist dieser nun wirklich "primär linear"? Oder nicht doch eher "3d-gedruckt"?
Gerade vor diesem Hintergrund finde ich es schon wichtig, über die tektonischen Materialeigenschaften von Holz zu sprechen und das ist nunmal primär linear und nicht 3-d-gedruckt. In der daliegenden Form finde ich die Materialverwendung unangemessen. Sicher ist es technisch möglich und muss vielleicht auch ausprobiert werden, aber ob es auch vitruvianisch sinnvoll ist das zu tun, finde ich diskutierbar.
Das Haus wäre kein Deut schlechter geworden, wenn man bei der Treppe auf das Holzdogma verzichtet und einen z.B. mineralischen Kontrast zum sehr schönen Holzhaus gesetzt hätte.
statt "Stammbaum" lieber "jordanischer Canyon". So sieht's dort nämlich aus. Dazu passt dann auch die horizontale Maserung des Holzes besser, in einem Baum verläuft diese vertikal.
Die Aufgabe "jordanischer Canyon als Holz-Treppenhaus" für mich mit Bravour gelöst. Sehr schöne Sichten.