Ruhe in Rummelsburg
Bürobau von Barkow Leibinger in Berlin
Die Bebauung des Spreeufers ist nicht unbedingt ein Ruhmesblatt der jüngeren Berliner Geschichte. Dass beispielsweise das einstige Osthafenareal in Friedrichshain-Kreuzberg, einem anderslautenden Volksentscheid zum Trotz als Media Spree überplant wurde, dürfte der Politikverdrossenheit kaum abgeholfen haben. Aktuell sorgt die beabsichtigte Erweiterung des Bundeskanzleramts für bundesweites Kopfschütteln. Nicht minder traurig stimmen die gesichtslosen Verwaltungs- und Hotelbauten, die flussauf- und -abwärts entstanden sind. Gerade schon außerhalb des S-Bahn-Rings gelegen, macht nun aber das Bürogebäude B:HUB ein wenig Hoffnung.
Seit 2018 – als Barkow Leibinger (Berlin/New York) die Planung des B:HUB aufnahmen – hat Covid-19 zu einem ungeahnten Wandel der Arbeitswelt geführt. Angesichts der Diskussionen, ob der Bedarf an Büroflächen jemals wieder das vorpandemische Niveau erreichen wird, kann man der Errichtung von Bürobauten grundsätzlich kritisch gegenüberstehen. Allerdings lassen die Architekt*innen keinen Zweifel an ihrem Ansinnen, durch den Neubau einen Mehrwert für die Umgebung zu schaffen. So soll der 300 Meter lange Riegel, der auf neun Geschossen nicht weniger als 64.000 Quadratmeter Nutzfläche bietet, das dahinter anschließende Wohnquartier auf der Stralauer Halbinsel gegen die Bahntrasse der Ringbahn abschirmen. Würde der 17. Bauabschnitt der A 100 wirklich zur Ausführung gelangen, böte das Gebäude zudem Schutz gegen den Verkehrslärm der Stadtautobahn, die erst kurz vor dem Bahnhof Ostkreuz in einen Tunnel abtauchen soll.
Als allzu wohlwollende Plattitüde mag der Hinweis erscheinen, dass der Neubau seine Nachbarschaft auch um ein Café und einen Supermarkt bereichert. Indessen verlangt die Trostlosigkeit anderer Berliner Bürokomplexe, die wirklich nicht mehr als Schreibtischarbeitsplätze bieten, auf diese Besonderheit hinzuweisen. Umso bedauerlicher ist die schroffe Scheidung der öffentlichen Sitztreppe von der durch Topotek 1 (Berlin/Zürich) gestalteten Terrasse: Es handelt sich um einen hohen Zaun, der beide Sphären voneinander trennt.
Mit anderen Projekten des Büros Barkow Leibinger hat der Neubau die aufwändig gestaltete Fassade gemein. Gegenüber der vielfachen Faltung des Baukörpers, die etwaiger Monotonie entgegenwirkt, verhilft die klassische Gliederung mittels Lisenen und Gesimsen dem Baukörper gleichwohl zu gediegener Ruhe. Dabei werden die Lisenen durch luftig gesetzte Keramikelemente betont, die abhängig von der Tragwerksgeometrie unterschiedlichen Profilgebungen folgen. Indem die Planer*innen auf Hans Poelzig verweisen, der für sein Haus des Rundfunks (1929–31) in der Masurenallee gleichfalls eine keramische Fassadenverkleidung gewählt hatte, markieren sie den Anspruch, mit dem Neubau an die Berliner Moderne anzuschließen.
Überdies betonen Barkow Leibinger, dass die Möglichkeiten zur natürlichen Belüftung „auch in Post-Corona-Zeiten“ Vorteile böten. Das scheint im Umkehrschluss nahezulegen, dass der Bürobetrieb dank dieser Vorkehrung auch im unerfreulichen Falle künftiger Pandemien aufrecht erhalten werden könnte. Sollte in der Folge eines neuerlichen Virus doch eine Umnutzung erforderlich werden, verspricht der attestierte „Loftcharakter“ die Eignung für andere Programme. Indessen erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass der Bürobau in nächster Zukunft brachfällt. Immerhin gehört neben der Deutschen Bahn auch eine Bundesbehörde zu den Mieterinnen. Zahlreiche Berliner Bauvorhaben lassen den Schluss zu, dass deren Flächenbedarfe künftig eher zu- als abnehmen werden. (ree)
Fotos: Iwan Baan, Stefan Müller
Mehr zu den Anforderungen an keramische Fassadenbekleidungen bei Baunetz Wissen
Ich kann einfach nicht glauben, dass die Essenzialisierung eines binären Gegensatzes von Ost und West wirklich so wichtig ist, dass man dafür bereit ist, darüber hinwegzusehen, dass es auch geteilte Überzeugungen geben kann, gegeben hat und gibt. Schließlich gibt es ja auch Klassenverhältnisse und Menschen aus Westdeutschland, die nicht Peter oder Sabine heißen, keine vollen Taschen haben, keine blonden Haare, nix erben werden, usw. usf. Ich gebe Ihnen ja vollkomen recht, dass die immobilienökonomische Verwertung ehemaliger Ostberliner Bezirke mit der Abwertung ostdeutscher Identität(en), Geschichte(n) und Räume einhergegengen ist und einhergeht. Aber gerade deshalb verstehe ich nicht, warum Sie die Proteste gegen eine solche Verwertung als Fortschreibung von, in Ihren Worten, "kolonialen" Verhältnissen beschreiben. Wie gesagt, ich halte das für einen falschen Gegensatz. Schauen Sie doch einfach mal im Stadtteilbüro Friedrichshain in der Warschauer Straße vorbei und lassen sich von Menschen mit ostdeutschen Hintergründen ein bisschen was zu Mediaspree versenken, RAW und Co. erzählen...
Ansonsten musste ich die ganze Zeit ans Neue Kreuzberger Zentrum denken. Dem konnte man früher auch zugute halten, dass es die Wohnbebauung im Süden von der Stadtautobahn im NOrden abschirmt. Leider kam die Autobahn dann nicht und das NKZ stand ziemlich dumm da...
Erst Quatsch ... dann ... auch Ostdeutsche ... (spielt) auch nicht die Rolle dann das unaushatlbare ... (weil nichts dran) Ja das berühmte Schema F oder 08/15 der westdeutschen Leitkultur, Verunglimpfen - herunterspielen - exkludieren grob - exkludieren fein - dann Vorwurf = Ergebniss im Westen nichts neues.
Das ist doch wirklich Quatsch. Ein großer Teil der Menschen, die gegen Mediaspree gekämpft haben oder sich zuletzt für eine weniger kommerziell ausgerichtete Entwicklung des RAW-Geländes und gegen die Verdrängungsprozesse im Rudolf- und Laskerkiez eingesetzt haben, ist (auch) ostdeutsch sozialisiert. Aber das spielt in diesen Auseinandersetzungen auch nicht die Hauptrolle. Machen Sie doch nicht so ein falschen Gegensatz auf, der Menschen mit westdeutscher und Menschen mit ostdeutscher (Teil-)Biografie, die hier gemeinsame Interessen vertreten haben, gegeneinander ausspielt. Das ist ja nicht auszuhalten.