Neue Mitte am Rand
Bürgerzentrum in Niederwerrn von Schlicht Lamprecht Kern
Ein Bürgerzentrum samt Museum, Dorfplatz und „Energiescheune“ soll als neue Mitte dem Aussterben des Ortskerns entgegenwirken. So will es die unterfränkische Gemeinde Niederwerrn, die als Bauherrin gemeinsam mit Schlicht Lamprecht Kern Architekten (Schweinfurt) das Ensemble aus zwei Neubauten, einem umgebauten Fachwerkhaus und einem historischen Scheunengebäude realisierte. Die Freiraumplanung verantwortete das Büro Dietz und Partner (Elfershausen). Das Projekt soll Modell stehen für ein nachhaltiges und zirkuläres Bauen.
Der Ortskern von Niederwerrn ist von Leerstand geprägt, während die Gemeinde in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich in Richtung der angrenzenden Stadt Schweinfurt wuchs. Die Initiative für ein neues Zentrum, das den Ortskern mit dem Siedlungsgebiet Neu-Niederwerrn verbindet, ging 2014 aus einem integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzept (ISEK) hervor. Durch Kauf und Tausch sammelte die Gemeinde in den Folgejahren die notwendigen Grundstücke zusammen, bis 2022 mit den Bauarbeiten begonnen werden konnte. Gefördert wurde das Bauvorhaben innerhalb des Programmes „Sozialer Zusammenhalt“ der Städtebauförderung.
Zwei Neubauten bilden das Bürgerzentrum namens „MittenIm“ und begrenzen das Ensemble nach Norden. Die Architekt*innen versetzten sie zueinander, sodass zu allen Seiten Platz- und Eingangssituationen entstehen. Der westliche Gebäuderiegel wie auch Fundament und Sockelgeschoss des nebenstehenden Baus wurden in Recyclingbeton ausgeführt. Letzteres Volumen ergänzt eine Massivholzkonstruktion. Der Recyclinganteil stammt von der 2019 rückgebauten Talbrücke Rothof und damit aus der Gegend. Er wurde in einem nahegelegenen Werk aufbereitet.
Die Architekt*innen verwenden Holzwolle und verzichten nach eigener Aussage bis auf wenige Ausnahmen auf Folien und Verklebungen. Das Erdgeschoss nimmt nach Süden ausgerichtet ein Foyer mit Teeküche und den Bürgersaal auf. Rückseitig im Hang sind Neben- und Sanitärräume angeordnet. Das Obergeschoss schließt nach Norden ebenerdig an den Stadtraum an und beherbergt Vereinsräumen sowie ein Café. Bei einer Fläche von 575 Quadratmetern werden die Baukosten für die Neubauten mit rund 2,2 Millionen Euro netto angegeben.
Im Westen ließen die Architekt*innen ein historisches Scheunengebäude zu einem kleinen Nahwärmekraftwerk und einem Informationszentrum für nachhaltige Energiekonzepte umbauen. Dieses dient als Außenstelle einer benachbarten Bauhütte, die sich als „Ideengeber für regionstypisches Bauen“ mit kostenlosem Angebot versteht. Die Scheune gliedert sich in zwei Seitenschiffe, die an eine zentrale Durchfahrt anschließen. In einsehbaren Boxen kommen im nördlichen Gebäudeteil Technikanlagen einschließlich Wärmepumpe, Pelletheizung und Photovoltaik unter, die der Energieversorgung des gesamten Ensembles dienen. Südlich entstand eine Veranstaltungs- und Ausstellungsfläche.
Die Seitenschiffe erhielten einen Sockel aus Recyclingbeton, während die Durchfahrt aus Dränbeton besteht. Klinker eines rückgebauten Stalles ergänzen die Fehlstellen in der Gebäudehülle, der Dachstuhl wurde saniert. Die Fassade erhielt einen Schlämmputz, im Innenraum dient die Bretterschalung des benachbarten Betonneubaus als Wandverkleidung.
Im Osten grenzt der bereits erwähnte Fachwerkbau an den neuen Dorfplatz. Nach seinem Umbau beherbergt dies nun statt der ursprünglichen Wohnnutzung das Ladenmuseum eines ansässigen Lebensmittelunternehmers. Der Platz verbindet das Ensemble mit dem Bestand und nimmt unter anderem Pflanzenbeete auf und trägt mit einem niedrigen Wasserbecken zum lokalen Klima bei. Auch ein paar Sitzstufen gibt es hier. (sbm)
Fotos: Sebastian Schels, Stefan Meyer
In einem zweiten Bauabschnitt sollen bis voraussichtlich 2026 zwei weitere, bestehende Gebäude umgebaut werden, die die Bibliothek und Musikschule erweitern. Hinzu kommt eine Platzgestaltung zur südlich angrenzenden Schweinfurter Straße.
Ja, eine Kerndämmung der zweischaligen R-Betonkonstruktion. Durch die Bretterschalung Innen und der lediglich handwerklich bearbeiteten Oberfläche der äußeren Schale waren keine weiteren Gewerke und Arbeitsgänge mehr nötig. Sehr dankbar. Wir freuen uns schon auf die Patina. Sonst ist dan den Fassaden hoffentlich nichts mehr zu richten. Die Verschattung ist ohne Technik und wenn die Fensterladenkloben nicht abreissen, was sie nicht tun, dann wird der einfache händsisch zu bediendende Laden auch noch in Jahren wartungsfrei funktionieren. @alen welch schöne Worte aus Augsburg! Wir danken dir. Hg Stefan
Sehr gelungenes Projekt übrigens, mein Kompliment!
ganz herzlichen Dank für Ihre lieben Worte und die Anerkennung aus allen Richtungen. Wir freuen uns sehr, vor allem auch im Namen der Gemeinde Niederwerrn. @mages Es handelt sich beim Massivbau um eine Recyclingbetonkonstruktion mit handwerklicher Bearbeitung der Flächen (Spitzen) und der Randbereiche sowie Ecken (Scharrieren) Den Anschluss im Bereich des Ortgangs an den Ziegel haben wir, wie hier in der Region vor allem ab den 30er Jahren bis in die 60 Jahre typisch als angeputzten (hier angemörtelten) Übergang Giebelwand an Ziegel ausgeführt. Dachüberstände, wie wir sie aus anderen Regionen kennen, sind bei uns in Franken eher untypisch. Heute werden seitens der Industrie Produkte, wie Ortgangziegel und Bleche angeboten, so das diese alltäglichen Details ihrer Zeit leider mehr und mehr verloren gehen.
glückwunsch aus augsburg!
@leipziger: ostdeutsche klein- und mittelstädte sind in vielen fällen zwischenzeitlich in eine deutlich schöneren zustand als westdeutsche. so zumindest mein persönlicher eindruck.