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01.01.1999

Der steinerne Gast. Goethe unterwegs in Weimarer Wohnzimmern

Bücher im BauNetz


Zu Gast daheim
„Was braucht der Mensch zum Wohnen?“ Neben Stuhl, Tisch, Bett und einem Schrank müsse er „noch einen Platz finden, für die Dinge, die ihm lieb sind und etwas von ihm erzählen, Zeugnisse seines Sammeleifers, Beutestücke seiner Träume, Gegenstände seines Erfolges.“ Das schrieb Manfred Sack 1980 in dem Fotobuch „Das deutsche Wohnzimmer“ von Herlinde Koelbl, dem bereits zum Klassiker gewordenen Werk, das einen Streifzug durch Norm und Abweichung in unseren guten Stuben abbildet. Laut Sack zeigt gerade das Wohnzimmer die Seele der Behausten, selbst dann, wenn es mehr nach Möbelprospekten und Moden als nach tatsächlichen Befindlichkeiten gestaltet wurde.
Die Idee einer Fotoreise durch die Wohnzimmer funktioniert wohl immer noch - auch auf das kleine Weimar bezogen und um den großen Geist Goethes angereichert. Harald Wenzel-Orf war früher Bühnenfotograf am Deutschen Nationaltheater. Er hat für sein wohn-soziologisches Bilderbuch einen „steinernen Gast“ mit sich geschleppt, eine Goethe-Büste, die er in 84 Haushalten Weimars aufstellen ließ. Einheimische, Zugereiste, Studenten, Arbeitslose, Professoren oder Künstler haben sich in den kulturhauptstädtischen Wohnzimmern im Abglanz des Dichters zum Porträt zurechtgemacht. Mit wenigen Sätzen erklären sie ihr Weimar. Goethe sollte dabei nur Nebenfigur sein, allenfalls zum amüsanten Suchspiel reizen. Dem Fotografen lag letztlich mehr an der Dokumentation des Wohnens in einer besonderen und zugleich doch ganz gewöhnlichen Stadt zum Ende der neunziger Jahre.


Steinerner Geist
Der Sammler Paul Maenz zum Beispiel weilt 1999 gar nicht mehr in seinem Zimmer in Weimar. Es ist verlassen, seine Worte scheinen aus dem Off gesprochen. Im Intercity-Hotel, zwischen „seinem“ Neuen Museum und dem Bahnhof gelegen, hatte er Quartier bezogen. 80 Nächte hat er hier verbracht, ohne Extravaganzen, aber mit dem nötigen Komfort. Goethe steht noch auf dem Fernsehgerät. Auf der Doppelseite nebenan wohnt Susanne Haaré im Haus der Frau von Stein. Der Geheimrat bekommt bei ihr keinen Platz in der ersten Reihe. Von einem Tischchen in der Ecke blickt er versonnen ins Zimmer. Zuwendung widmet Frau Haaré weit liebevoller ihrem Hund.


Schaustelle
Die detailreichen, perfekten Schwarz-Weiß-Bilder ziehen den Betrachter mit in die Zimmer hinein, da sie das spezielle Duplex-Druckverfahren nahezu dreidimensional erscheinen läßt. Man sieht Raumausstattungen, die kaum etwas verbergen, und andere, die mit viel Mühe zurechtgemacht wurden. Da wird zur Schau gestellt, da hat man sich so hindrapiert, wie man gesehen werden will. Schwer bürgerlich zeigt sich Weimar auch in Plattenbau-Wohnungen, in einer Gefängniszelle und beim Blick auf gesellschaftliche Ränder. Weimar sei durch seine „topographische Beziehung geadelt“, schreibt Günter Kunert in dem begleitenden Aufsatz, nicht ohne dann an den Mythen der Stadt kräftig zu rütteln. Und der Gips-Goethe wirke halt bei jedem anders, findet Kunert, beim einen echter, beim anderen falscher. Meist bleibt die Büste Staffage, manche reden mit ihr bildungsbeflissen, nehmen sie mit an den Tisch oder liebevoll in den Arm. Bei Ismael Ivo steht sie im Zentrum, anderswo liegt sie im Aquarium. Ein Maskottchen eben, das wohl weimar-typischste von allen. Matthias P. lebt im Wohnwagen und hat Goethe unter die Bettdecke gepackt. Zu ihm hat er nichts zu sagen, Arbeit und Wohnung braucht er dringender.


(Eva Maria Froschauer)


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