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09.07.2014

Architektur in Gebrauch

Bücher im BauNetz


Frisch fertig gestellte Gebäude in oft noch unbewohntem, ungenutztem Zustand sind die Referenzpunkte für gute Architektur in Hochglanzmagazinen und für die Architekturgeschichte. Nun ist erstmals eine Zeitschrift für Architektur in Gebrauch erschienen. Die Heftreihe, herausgegeben von den in Berlin ansässigen Architekten und Hochschullehrern Sandra Bartoli und Silvan Linden (Büro für Konstruktivismus) bietet eine Alternative für das Nachdenken über Architektur. In ihren schlicht aufgemachten Heften betrachten die Autoren Gegenwartswerte baulicher Strukturen. Neben Entstehung, Veränderungen und der heutigen Erscheinung nehmen sie vor allem Nutzung und Gebrauch in den Blick und decken so kulturelle Bedeutungen gebauter Orte jenseits ihrer baulichen Substanz auf.

Die ersten vier Hefte porträtieren ein Apartment im Great Arthur House des Londoner Golden Lane Estate, die Entstehung eines Spielplatzes im Falkenhorst, einem Wohnbaukomplex am Stadtrand von Köln aus den späten 1960er Jahren, die Stadtautobahn Mancunian Way, eine brutalistisch anmutenden Hochstraße, die durchs englische Manchester führt, und den Berliner Tiergarten. Die Auswahl zeigt keine Gebäude aus rein architektonischem Blickwinkel, sondern Orte und ihren Gebrauch.

Besonders deutlich wird dieser Ansatz in der Tiergarten-Ausgabe: In Heft Nr. 4 beschreibt  Sandra Bartoli episodenhaft verschiedenste Nutzungen, die in der Landschaft des 210 Hektar großen Parks noch heute ablesbar sind. Transformationen, die die Autorin in einem gegenwartsarchäologischen Ansatz detailliert recherchierte und hier anschaulich in 60 Abschnitten, begleitet von je einer Fotografie, beschreibt. Darunter etwa die Geschichte des Lenné-Dreiecks, der Berliner Fanmeile oder in Episode 23 die Entstehung der Dusche an der Löwenbrücke, einem beliebten Treffpunkt der Schwulenszene. In den 80er Jahren hatte ein junger Man eine beträchtliche Summe Geld an den Berliner Tiergarten gespendet, geknüpft an eine Bedingung: An der letzten erhaltenen Hängebrücke Berlins aus dem Jahre 1838 sollte eine Dusche errichtet werden. Die Brücke ist seit Jahren wegen Restaurierungsarbeiten gesperrt. Die Dusche funktioniert noch heute.

Im Kontrast zum beschreibenden Tiergarten-Heft steht die Ausgabe 1, in der das Londoner Apartment in seinem Ist-Zustand in einer fotografischen Dokumentation, einem Magazinbeitrag aus seiner Entstehungszeit gegenübergestellt wird. AG 3 findet in einem Interview mit einem ansässigen Nachkriegsarchitektur-Experten eine andere Form der Darstellung und Auseinandersetzung mit einer baulichen Struktur – nämlich dem Mancunian Way – und ihrer Nutzungsgeschichte statt. „Alle Hefte wollen ein Instrument der Lesbarkeit der dokumentierten baulichen Strukturen anbieten, mit Axonometrien, Photographien des gegenwärtigen Zustands Dokumentationen, Interviews und ausgewählten historische Quellen, die die Geschichte schärfen“,  erklären die Autoren.

Nach eigenen Angaben haben sie ein ganzes Archiv von Architekturen in Gebrauch, die auf ihr Erscheinen warten – die vier bisher erschienen Hefte AG 1-4 geben einen Vorgeschmack auf einen hoffentlich schnell wachsenden Heftbestand, der einen situativ orientierten Beitrag zum Diskurs um Gebrauchswert und Produktionsbedingungen in der Architektur leisten könnte.

(Luise Rellensmann)


Architektur in Gebrauch
Sandra Bartoli, Silvan Linden
AG1 – Golden Lane
AG2 – Falkenhorst
AG3 – Mancunian Way
AG4 – Tiergarten
10 Euro pro Heft, 25 Euro für alle vier


Zum Thema:

wp.buerofuerkonstruktivismus.de


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