Zentrum für Jüdische Gelehrsamkeit
Bildungseinrichtung mit Synagoge in Potsdam von SSP Rüthnick Architekten
Mit Blick auf gegenwärtige antisemitische Strömungen äußerte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei der Eröffnung des Europäischen Zentrums für Jüdische Gelehrsamkeit an der Universität Potsdam im vergangenen Monat seine Sorgen über den anhaltenden Hass gegen Juden, wie in der Süddeutschen Zeitung zu lesen war. Josef Schuster ergänzte als Präsident des Zentralrats der Juden, dass in Zeiten antisemitischer Ausschreitungen das neue Zentrum ein Zeichen sei für den Glauben an die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland.
Das Zentrum für Jüdische Gelehrsamkeit findet Platz in einem denkmalgeschützte Ensemble des Architekten Carl von Gontard im Schlosspark Sanssouci, direkt am Neuen Palais. Bestehend aus dem sogenannten Nordtorgebäude und einer ehemaligen Orangerie, wurde es von SSP Rüthnick Architekten aus Berlin innerhalb von sechs Jahren instandgesetzt und zu einer Bildungseinrichtung für jüdische Theologie inklusive einer Synagoge umgebaut. Es ist die erste akademische Ausbildungsstätte für Rabbiner*innen und Kantor*innen in Zentraleuropa seit der Schoah. Den Auftrag erteilte das Land Brandenburg nach einem Wettbewerb mit Verhandlungsverfahren in den Jahren 2014 und 2015. Die Baukosten der rund 2.500 Quadratmeter umfassenden Einrichtung beliefen sich auf rund 13,5 Millionen Euro. Pro Denkmal aus Berlin übernahm die denkmalpflegerische Betreuung.
Im ertüchtigten Nordtorgebäude, das ursprünglich als Hofgärtnerhaus errichtet wurde, sind die Büro- und Seminarräume der 2013 an der Universität Potsdam gegründeten School of Jewish Theology sowie der zwei miteinander verbundenen Rabbinerseminare – das liberal ausgerichtete Abraham-Geiger-Kolleg und das konservativ ausgerichtete Zacharias-Frankel-Kolleg – untergebracht. Dabei wurde die bauzeitliche Grundrissstruktur zur Wahrung des Denkmalschutzes beibehalten.
Die ehemalige Orangerie wiederum beherbergt nun das Institut für Jüdische Theologie. Nachdem sie bereits mehrfach baulich verändert worden war – sie diente beispielsweise zu DDR-Zeiten als Turnhalle –, sollte die ursprüngliche Funktion nun zumindest äußerlich wieder erkennbar werden. Die Architekt*innen ließen daher die Südfassade vollständig zurück- und als durchgängige Pfosten-Riegel-Fassade neu aufbauen. Innerhalb dieser Struktur fügt sich ein langgestreckter Baukörper aus Sichtbeton nach dem Haus im Haus-Prinzip ein. Der Raum zwischen der großflächigen Glasfassade und dem innenliegenden Sichtbeton-Haus gewährt den Studierenden helle Aufenthalts- und Selbstlernbereiche. Das Kunst am Bau-Projekt von Eva Leitolf mit dem Titel „This is not a Thurnbush“ – das Glas der Fassade ist mit einem in monochrome Quadrate zerlegten Dornbusch bedruckt – sorgt hier zudem für ein interessantes Licht- und Farbspiel.
Zwischen den beiden Einrichtungen befindet sich in einem eigenen historischen Baukörper eine kleine Synagoge mit insgesamt 50 Plätzen. Einfache Holzbänke, helle Vorhänge und eine raffinierte Beleuchtung bestimmen die sakrale Atmosphäre. Auch hier wurde außerdem Kunst am Bau realisiert: Die Wand-Installation „Die Wolken können träumen“ von der koreanischen Künstlerin SEO ziert die Stirnseite des Raums. (tp)
Fotos: Dimitri Bohl, Kevin Fuchs, Dr. Bauers
Moos in den Steinritzen, abblätternde Farbe von Regenrinnen und Steinsäulen, bei gutem Kalkanstrich die Schattierungen wie beim Gelb früherer Tage, Weinrebenkübel durch Nutzer, Vergrauung im Spritzwasserbereich. Den Andachtsraum finde ich auch schräg. Erweckt Assoziationen an Gardinenausstellung und lädt bei voller Ausleuchtung eher zum Sezieren ein.
Falsch verstandene, oder zumindest nicht hinterfragte Anforderungen an Barrierefreiheit, Brandschutz, EnEV und Statik tuen dann ihr Übriges.
Banale Innenräume. Frage mich wer auf den Leuchtbänken zur Andacht kommen kann...
Dass dies Fragen provoziert, dürfte den Kollegen so klar sein, wie sie sicherlich schon im Austausch mit der Denkmalbehörde Antworten darauf geliefert haben werden. Möglicherweise sehr gute!? Es wäre aber sehr interessant, (hier) mehr darüber zu erfahren, um erwartbares Unbehagen Nicht-Eingeweihter in Bezug auf die Entwurfsentscheidungen - und die wohl beabsichtigt leb- und identitätslos wirkenden Oberflächen (man möchte ja im ersten Impuls fast fragen, wann das mit fehlfarbiger Fotoplane bestückte Gerüst wegkommt) - vielleicht mildern zu können.