Stadel für Leseratten
Bibliothek in Kressbronn am Bodensee von Steimle Architekten
Die neue Bücherei der Gemeinde Kressbronn am Bodensee wurde eigentlich schon 1923 errichtet – da entstand auf dem Grundstück ein klassischer Scheunenbau, der Stadel H11, der landwirtschaftlich genutzt wurde. 2009 erwarb die Gemeinde das Gebäude, beschloss unter Bürgerbeteiligung eine Neunutzung als Bibliothek und schrieb 2015 einen entsprechenden Wettbewerb aus. Realisiert wurde schlussendlich der drittplatzierte Entwurf von Steimle Architekten. Das Konzept des Stuttgarter Büros sah vor, den Charakter des Bestandsgebäudes zu erhalten und es mit möglichst wenigen, präzise gesetzten Eingriffen in ein modernes und offenes Haus zu transformieren. Die Bibliothek mit einer Bruttogrundfläche von 860 Quadratmetern ist seit Oktober 2018 für den Publikumsverkehr geöffnet.
Mit einfachen, aber umso wirkungsvolleren Interventionen gelang es den Architekten, das vertraute Bild des Stadels mit massivem Sockel und auskragendem Satteldach zu konservieren, und ihm doch zugleich mithilfe der verwendeten Materialien und großer Öffnungen im Erdgeschoss eine moderne Sprache einzuschreiben. Die traditionelle Gliederung des historischen Gebäudes in ein solides Erdgeschoss und ein darüberliegendes luftigeres Tennengeschoss bleibt so auch nach dem Umbau sicht- und erlebbar. Der neue, in Dämmbeton ausgeführte Sockel bewahrt den Eindruck einer festen, tragfähigen Basis. Er wird von horizontal orientierten Fenstern mit tiefen Laibungen durchbrochen, die viel Tageslicht in den Innenraum lassen. Darüber ersetzt nun eine filigrane Holzkonstruktion die alte Fassade, deren schlanke Lamellen für ein diffuses Licht im Lesesaal sorgen.
Das Erdgeschoss kann als teilbarer Mehrzweckraum mit Ausstellungsfläche vielseitig bespielt werden, auch eine 24-Stunden-Nutzung ist für einen Bereich mit separatem Zugang via Bibliotheksausweis möglich. Eine Treppe, die durch eine Schiebetür verschlossen werden kann, führt vom Eingangsbereich hinauf in den Lesesaal. Hier, unter dem hohen, offenen Dachstuhl mit freiliegendem Fachwerk, wird die Scheunenvergangenheit des Gebäudes ganz deutlich spürbar: ein neu interpretierter „Heuboden“, in den man sich zum Schmökern zurückziehen kann. Der Betonkern bildet einen modernen Kontrast dazu und verortet das Haus in der Gegenwart. Auf ihm befindet sich eine weitere Medien- und Zeitschriftengalerie, von der aus sich der gesamte Raum überblicken lässt. (da)
Fotos: Brigida González
Es ist eine Schande, dass so ein hochgelobtes Projekt so viel Beton und so viel Neubau erfordert. So viel gemacht und nichts dahinter... 4 Mio... Mag ja jetzt schön sein und viel energetisch einsparen, aber auf den Lebenszyklus des Hauses und der Ressourcen wird gar gedacht.
Schön gemacht aber halt trotzdem nur ein Konstrukt. Erstaunt haben mich viel mehr die Kosten von fast 4 Mio. EUR (!) für das bisserl Raum....
Erfrischend in seiner Zurückhaltung!