Bauen und Leben im Kollektiv
Ausstellung zum Thema Clusterwohnungen in Stuttgart
Die Gesellschaft befindet sich im Wandel. Das tradierte Familienmodell Mutter, Vater, Kind wird immer öfter hinterfragt, während die Zahl an Alleinstehenden, Alleinerziehenden und kinderlosen Paaren steigt. Großzügige Einfamilienhäuser sind daher längst nicht mehr zeitgemäß – sowohl flächen- als auch gesellschaftstechnisch. Auch die Architektur reagiert mit neuen Entwürfen, gemeinschaftlichen Lebensmodellen, Clusterwohnungen. Das Prinzip ähnelt dem einer Studierenden-WG. Besonders in der Innenstadt könnten so bezahlbarer Wohnraum geschaffen und soziale Kontakte gefördert werden.
Eine Ausstellung in der Architekturgalerie am Weißenhof in Stuttgart nimmt diese Art von Wohnmodellen anhand des 2014 fertiggestellten Projekts der Genossenschaft Spreefeld in Berlin-Mitte genauer unter die Lupe. Zunächst digital gestartet, kann „Die Clusterwohnung. Bauen und Leben im Kollektiv“ ab Donnerstag, 21. Mai 2020 auch vor Ort besichtigt werden. Eröffnet wird die Ausstellung am Vorabend, Mittwoch, 20. Mai 2020, um 19 Uhr über einen Livestream auf Instagram. Dabei werden die Besucher in einem digitalen Rundgang durch die Gebäude der Genossenschaft Spreefeld geführt.
Eröffnung: Mittwoch, 20. Mai 2020, 19 Uhr
Ausstellung: 21. Mai bis 5. Juli 2020
Ort: Architekturgalerie am Weißenhof, Am Weißenhof 30, 70191 Stuttgart
der artikel hier war etwas ideologisch gefärbt "Einfamilienhäuser sind daher längst nicht mehr zeitgemäß – sowohl flächen- als auch gesellschaftstechnisch". das ist so absolut nicht richtig, sondern die subjektive meinung des autors. das hat mich gestört. natürlich sind einfamilienhäuser noch zeitgemäß, man sehe sich nur mal den markt an. oder wie definiert man zeitgemäß? nicht zeitgemäß ist es vielleicht eher, ein leben lang im efh zu wohnen und auf diese weise ressourcen zu verschwenden. nicht das haus ist falsch, sondern seine nutzung!
wenn maklercourtage und grunderwerbsteuer nicht so hoch wären wie hierzulande, wäre die gesellschaft sicher auch um einiges flexibler, was den wechsel der eigenen vier wände angeht. statt des verkaufes (völlig unzeitgemäß) sollte man ungenutzten wohnraum besteuern, um anreize zu schaffen, untergenutzte häuser an junge familien zu verkaufen/vermieten, die dann die umwelt und ihren geldbeutel nicht mit neubauten belasten müssen. eine änderung der besteuerung würde womöglich viel mehr nachhaltigkeit bringen als schon wieder neue (gemeinschafts-)häuser zu bauen.
und zu den sowjets: in den 1920er jahren, als dort die bekannten kommunehaus-projekte der konstruktivisten entstanden, war der kommunismus noch nicht zu der von oben verordneten, starren bürokratischen zwangsideologie verkommen, zu der er am ende geworden war. viele leute waren zu beginn sehr idealistisch und experimentierfreudig, wollten ganz bewusst anders leben - was nichts daran änderte, dass die radikalen wohnideen recht schnell gemäßigter wurden - man hatte sich zuviel vorgenommen.
diesen fehler sollten neue gemeinschaftshäuser nicht wiederholen - vermutlich funktionieren sie langfristig am besten, wenn sie auch eine großzügige portion privatsphäre und möglichst wenig gebaute ideologie mit einbeziehen. ideologischer enthusiasmus hat zwar eine positive innovationskraft, aber birgt auch gefahren, wenn man es übertreibt - realos sitzen am längeren hebel als fundis.
Bei allein Erziehende, sind manche bereit einige Kompromisse in die Erziehung zu machen, wenn man der Betreuung teilen kann. So sind Wohngemeinschaften für Lebensabschnitte auch sinnvoll.
man kann das jetzt für sich persönlich ausschliessen oder einfach weniger nachvollziehen. ging mir während meiner forschung an solchen projekten ähnlich häufig selbst so. was mich aber irritiert an ihrer anmerkung, ist, dass sie sich so offensichtlich gegen empirische einsichten sperrt: hier werden ja keine luftschlösser gezeigt, sondern häuser, die tatsächlich gebaut worden sind und in denen gemeinsam gelebt wird – übrigens weit weniger unideologisch und zwangs-vergemeinschaftet als ihr kommentar glauben läßt.
ich stimme ihnen zu, wenn sie anmerken, dass es häufig eine anfangseuphorie gibt, die früher oder später verfliegt. aber dass damit das scheitern solcher gebäude vorprogrammiert wäre, ist sicher falsch. hier mal nur drei gründe, warum:
- erstens, weil häuser wir spreefeld oder auch das ein oder andere schweizer beispiel über viel platz zum privaten rückzug verfügt – die planer*innen sind ebenfalls nicht so naiv, wie das der etwas skeptische grundton ihres kommentares nahelegt.
- zweitens, weil die meisten leute, für die das wohnen in gemeinschaft nix ist, das schon im langatmigen planungsprozess merken und vorher aussteigen.
- drittens, weil sie zwar davon ausgehen können, dass so eine 20er-cluster-gemeinschaft fluktuationen unterliegt (logisch: wohnbedürfnisse und lebensvorstellungen ändern sich), sich aber immer mehr menschen finden werden, die gerne einziehen wollen, als es plätze gibt. da können sie mal getrost ihr letztes hemd drauf verwetten.
übrigens: der vergleich der neuen co-housing-projekte (deren treiber*innen vor allem urbane mittelständler mit unternehmerischem ehrgeiz, pragmatischem umgang mit erbe und eigenkapital, linksliberal-grünen gesellschaftbild und entsprechender konsumorientierung sind) mit dem ideologisch hochgradig aufgeladenen und von oben verordneten kommunehaus des sowjetischen einheiststaates zur schaffung des neuen sozialistischen menschen, ist ziemlich an den haaren herbei gezogen. aber das wissen sie sicher selber...
studi-wgs sind eine klasse sache, aber sobald kinder ins spiel kommen, die erzogen werden müssen, wird das konzept des kollektiven wohnens fragwürdig. klar, es gibt dafür beispiele, aber die meisten mir bekannten scheitern irgendwann, wenn die anfängliche euphorie ihrer bewohner verflogen ist oder das gemeinschaftsziel verblasst. für die aufzucht der eigenen kinder reißt sich der mensch eben eher zusammen als er das für fremden nachwuchs tut.