Corps(geist)
Architektenblatt entlässt Chefredakteur – mit Kommentar
Die Bundesarchitektenkammer (BAK) als Herausgeberin des Deutschen Architektenblattes (DAB) ist eine Kooperation mit einem neuen Verlag für die Zeitschrift eingegangen. Das DAB wird ab der Mai-Ausgabe 2007 von der Düsseldorfer „Corps Corporate Publishing Services GmbH“ verlegt, die bisher hauptsächlich mit Kundenmagazinen, z. B. für die Automobilindustrie, hervorgetreten ist. Corps gehört zur Holtzbrinck-Gruppe (Handelsblatt, ZEIT, Tagesspiegel).
Als Konsequenz des Verlagswechsels wird der bisherige Chefredakteur des DAB, Oliver G. Hamm, entlassen. Dies hatte die Süddeutsche Zeitung in ihrer Ausgabe vom 22. Februar 2007 berichtet. Der neue Chefredakteur ist nach BauNetz-Informationen der Wirtschaftsjournalist Roland Stimpel, der bisher schon auf Vorschlag von Oliver Hamm im Redaktionsbeirat des DAB saß. Damit soll das DAB nach Aussagen des BAK-Geschäftsführers Tillmann Prinz die Anliegen der Architektur und Baukultur näher in die Immobilienwirtschaft tragen.
Oliver G. Hamm hat inzwischen briefliche Solidaritätsbekundungen von 78 namhaften Architeken erhalten, die ihr Unverständnis über seine Abberufung äußern. Zu dieser Liste, die sich wie ein Who-is-Who der deutschen Architektenschaft liest, gehören unter anderem Meinhard von Gerkan, Volkwin Marg, Peter Kulka, Erich Schneider-Wessling, Werner Durth, Jo Eisele, Carlo Weber, Thomas Sieverts, Andreas Hild sowie Gernot und Johanne Nalbach.
Kommentar der Redaktion
Dumm gelaufen für den erfolgreichen Chefredakteur: Erst machte er das DAB vom verschnarchten Verlautbarungsblatt für Kammerfunktionäre zu einer schlagkräftigen und angesehenen Architekturzeitschrift mit nachweislich höchster Leser-Zufriedenheit, nun muss er gehen. Die BAK hat ihn bei den Übernahmeverhandlungen geopfert.
Der neue Verlag hat bisher keine Berührungspunkte zum Thema Architektur erkennen lassen und lehnt die Zusammenarbeit mit dem gestandenen Chefredakteur ab. Statt dessen zaubert er einen eigenen Kandidaten aus dem Hut, der seinerseits zwar stets lesenswerte Beiträge zur Bau- und Immobilienwirtschaft geleistet hat, aber eben kein Architekt ist. Ob er das Anliegen von 120.000 Zwangsbeziehern des DAB, allen eingetragenen Architekten dieses Landes, artgerecht transportieren kann, muss sich erst weisen.
Arbeitsrechtlich ist die Sache übersichtlich: Hamm ist Angestellter des Forum-Verlages, der seine Geschäftstätigkeit einstellt und deswegen seinen Mitarbeitern betriebsbedingt gekündigt hat. Der neue Verlag stellt sich auf Nachfrage der BauNetz-Redaktion schulterzuckend dumm: Der Mann sei ja gar nicht bei ihm angestellt.
Es wäre Aufgabe der BAK gewesen, eine Bestandsgarantie für Oliver Hamm herauszuverhandeln. Laut Statuten des DAB müssen Verlag und BAK in der Chefredakteursfrage einvernehmlich entscheiden. Dieses Einvernehmen hat Corps nicht herstellen wollen; der BAK hätte es an dieser Stelle frei gestanden, sich für einen anderen Verlag zu entscheiden. Angebote namhafter Bau-Verlage gab es, aber die hat die BAK nicht annehmen wollen, weil – so Prinz – alle anderen Punkte beim Corps-Angebot überzeugend gewesen seien. Immerhin will Corps am Redaktionsstandort Berlin mit drei Vollzeit-Redakteuren arbeiten, einer Stelle mehr als bisher.
Das DAB wird sich also in eine immobilienwirtschaftliche Richtung entwickeln – laut Prinz ein erwünschter Effekt. Architektur ist für ihn ein „Marketinginstrument für Immobilien“. Zu wünschen wäre, dass das DAB dabei das Kernanliegen der Architekten nicht aus dem Auge verliert. Darüber muss der Redaktionsbeirat wachen, der zu diesem Zwecke unbedingt mehr aus profilierten Architekten denn aus Funktionären bestehen müsste. Es gibt genug Handlungsbedarf bei der BAK.
Benedikt Hotze
Wir reden hier nicht nur von den Architekten, die für die Immobilienwirtschaft arbeiten, sondern beispielsweise auch von Landschaftsarchitekten, deren Anliegen auch unter dem von mir sehr geschätzten Olliver G. Hamm, regelmäßig unter den Teppich gekehrt wurden. Das gleiche gilt auch für andere in der Kammer Organisierte. Man konnte froh sein, wenn man Erwähnung fand.
So wie die Wende begründet wird, muß befürchtet werden, daß sich diese Situation nicht verändert, sondern eher verschlimmert.
Dann wären Zweifel an, oder gar die gänzliche Infragestellung der Kammer eine immer verständlichere Reaktion.
"Architektur ein „Marketinginstrument für Immobilien“". das ist natürlich wirklich sehr kurz gegriffen. Aber, seien wir ehrlich, es geschieht viel bei Zeitungen (manche haben auch schon die Heuschrecken bekommen) und Zeitschriften und auch bei solchen aus unserer Architektur-Branche. Wobei man sich wundert. Diese Zeitschriftennamen kennt jeder und diese Zeitschriften erscheinen munter weiter. Sehr gute Leute fliegen raus und tauchen dann mit dem einen oder anderen Artikelchen manches Mal wieder auf oder auch nicht. Viele dieser Leute habe ich sehr geschätzt. Oliver Hamm hat sehr gute Arbeit geleistet und so klingt es dann auch etwas nach Hohn, wenn man ihn - so ganz unbetroffen - gehen lässt. Die Zeitschriften-Branche verfolgt zunehmend nicht immer nur inhaltliche Ziele, aber immer unmittelbarer ökonomische. So konnte ein Focus die Landschaft nachhaltig verändern und auch den Spiegel auf sein Niveau drücken. Wollen wir hoffen, dass es noch Verbände oder Träger gibt, die ihr Medium inhaltlich betrachten und stützen können, um inhaltliche Anliegen hochzuhalten.
Zu Herrn Stimpel meine ich mich erinnern zu können, dass er in den 1980er Jahren einmal bei der Bauwelt für gewisse Zeit einen Vertretungsjob gemacht hat (ich meine für Felix Zwoch). Danach hat er m.E. ein Buch über den deutschen Wohnungsmarkt geschrieben (Der verbaute Markt, später auch das Kursbuch Bausparen; und erhielt 9/2005 einen Journalistenpreis der PSD Bank für seinen Beitrag „Stille Revolution“ in der Wirtschaftswoche über Auswirkungen von Basel II auf die Kreditvergabepraxis), alles aus wirtschaftlicher Sicht. Allerdings müssen wir m.E. ständig die Gesamtschau der Leistungsmöglichkeiten der Architektur vertreten, aber Vitruv ist ja schon so lange her: Venustas, Firmitas, Utilitas. Versuchen wir es weiter! vr
... ein wahrlich imposant wichtiger verein!