documenta urbana entstellt
Architekt*innen fordern Rückbau in Kassel
Groß war der Aufschrei, als 2010 der Berliner IBA-Turm von John Hejduk kaputtsaniert werden sollte. Der Protest hatte Erfolg, der originale Zustand konnte erhalten werden. Jetzt gibt es mit der documenta urbana in Kassel einen weiteren drastischen Fall aus der gleichen Epoche. An dem kollektiven Wohnexperiment sind ohne Beteiligung der Architekt*innen substanzielle Veränderungen vorgenommen worden. Insbesondere die Detailqualität der Architektur wurde teils vollständig zerstört. Betroffen sind unter anderem Bauabschnitte von Herman Hertzberger, Otto Steidle und Hinrich und Inken Baller.
Von Luise Rellensmann
2017 würdigte die Baunetzwoche#480 die 1982 fertiggestellte documenta urbana, ein Wohnungsbauprojekt in Kassel, das zu seiner Bauzeit bundesweite Aufmerksamkeit genoss. Bis heute kann es als richtungsweisend und vorbildhaft gelten – insbesondere auch im derzeitigen Diskurs zu neuen Wohnformen.
2019 zeigte die Ausstellung zur „Neuen Heimat“ in der Pinakothek der Moderne in München und im Museum für Hamburgische Geschichte in Hamburg ebenfalls die soziale Architektur des Kollektivprojekts namhafter Architekt*innen, die im Rahmen der 7. Documenta realisiert worden war. Unterdessen sind an der als „Wohnschlange“ bekannten, sich windenden Häuserzeile unbemerkt gravierende Umgestaltungen vorgenommen worden.
Das fiel erst im November 2019 auf, als zwei Berliner Architekturstudierende nach Kassel pilgerten, um sich den geschwungenen Geschosswohnungsbau mit Bauten unter anderem von Herman Hertzberger, den Baufröschen, Hilmer & Sattler, Roland Rainer, dem Planungskollektiv Nr.1, Hinrich und Inken Baller oder Otto Steidle anzuschauen. Die Enttäuschung war groß: Die eigentlich von vielfältigen Handschriften geprägte Wohnschlange zeigte sich verunstaltet, umgebaut und in ein vereinheitlichendes Beigegrau getaucht.
Platten verkleiden jetzt die markanten Betonsäulen des ehemals einfarbig hellen Steidlebaus, dessen Erdgeschosszone nun in dunklem Anthrazit gestrichen ist. Auf dem Dach wurden Wohnungen hinzugefügt, an der rückwärtigen Fassade kragen neue gläserne Balkone aus. Massive Brüstungen ersetzen Herman Hertzbergers Umwehrungen aus Betongittersteinen. Eigens für das Projekt entworfene Holzfenster wurden durch Fenster von der Stange ersetzt. Die vielleicht drastischsten Eingriffe, die weit über Materialiät und Ästhetik der Fassaden hinausgehen, erfolgten am Bauabschnitt der Hamburger Architekten Patschan, Werner, Winking, wo ein Dachaufbau zugunsten von zwei neuen Wohneinheiten entfernt wurde.
Geradezu höhnisch wirkt es, dass die neu entstandenen Wohnungen auf dem Immobilienmarkt als „Luxuswohnungen“ und „Teil des Gesamtkunstwerks Documenta Urbana“ erfolgreich verkauft wurden. „Wie kann eine Stadt, die sich mit dem Namen ‚documenta-‘ und ‚Baukultur‘- Stadt schmückt, solche Baumaßnahmen genehmigen?“, wunderte sich die Berliner Architektin Inken Baller. Sie war von den Studierenden benachrichtigt worden. Auch ihre Bauten sind nicht wiederzuerkennen: So weist die Fassade des von Inken und Hinrich Baller entworfenen Abschnitts eine völlige andere Struktur auf. Vormals vertikale Fenster sind quadratisch und die für Baller-Architektur typischen filigranen Metallgeländer ersetzte man durch hohe Glasgeländer mit dickleibigen Profilen.
„Keines der ursprünglich beteiligten Büros wurde über diese Eingriffe in irgendeiner Weise vom Bauherrn oder seinen Architekten informiert, obwohl ganz offensichtlich die Urheberrechte der vier Architektenbüros hochgradig verletzt wurden“, formulieren nun die ursprünglichen Urheber*innen in einem Offenen Brief. 2016 hatte der Immobilien-Unternehmer Philipp Heitmann die sanierungsbedürftige Anlage von der Wohnungsbaugesellschaft Hessen übernommen. 2017 berichtete die Lokalzeitung Hessische Niedersächsische Allgemeine über die Sanierungsbedürftigkeit der Wohnschlange. Sie machte auch die Denkmalschutzbehörden auf das Objekt aufmerksam. Mit gerade einmal 34 Jahren erschien das Ensemble der documenta urbana jedoch noch nicht als Prüffall für die Denkmalpflege.
Mit der „Sanierung“ des Ensembles ist ein wichtiges Zeugnis partizipativer und kooperativer Planung der späten Vorwende-Bundesrepublik gedankenlos oder mutwillig, in jedem Fall aber ohne Not zerstört worden. Die baulichen Maßnahmen erfolgten dabei offenbar auch noch ohne Baugenehmigung. Auf einer Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch kündigte der Kasseler Stadtbaurat Christof Nolda an, den Fall juristisch zu prüfen. Die Architekt*innen von damals fordern in jedem Fall den Rückbau der entstellenden Veränderungen unter ihrer Beteiligung. Und es stellt sich die Frage: Wie kann so etwas passieren, ohne dass es jemand merkt?
Fotos 2017: Marc Timo Berg
Den Bewohner*innnen geht es um hübsch und ordentlich, den Firmen um sachgerecht ausgeführt und den Architekt*innen um Denkmalschutz, auch wenn das hier aufgrund der Versäumnisse der Behörden über die Urheberrechtsnummer läuft. Das sind komplett unterschiedliche Kriterien. Klar sind die Firmen und Planer beleidigt, wenn man ihnen schlechte Arbeit unterstellt. Aber klar ist auch, dass die Umbauten in Bezug auf die ursprüngliche Architektur absolut nicht sensibel gemacht sind, egal welche Materialien verwendet wurden und wieviel Mühe sich die Fensterplaner gegeben haben. Umgekehrt muss man aber eben auch sagen: die Bauten stehen nicht unter Denkmalschutz, also mussten sie sich die Verantwortlichen auch nicht darum kümmern. Und vor allem mussten eben auch keine Firmen beauftragt werden die in diesem Bereich Kompetenzen haben. Was ja auch okay wäre, wenn es nicht um so ein interessantes Ensemble ginge. Natürlich wäre das bei mehr Erfahrung und eventuell auch mehr Aufwand ganz anders gegangen. Abschließend muss man schon sagen, dass hier in erster Linie ein Versagen der Denkmalschutzbehörden vorliegt, was sehr schade ist. Wenn sich darum noch etwas machen lässt mit dem Urheberrecht, dann wäre das gut. Ach so, und noch zu den rührenden Berichten der Bewohner*innen: Es ist absolut okay, dass sie sich in Bezug auf diesen Fall so äußern, weil ja eben kein Denkmalschutz besteht und dann eben auch andere (wenn auch sehr provinzielle, siehe die Tonnen) Kriterien gelten. Ich hoffe aber, die Bewohner*innen verstehen auch, dass ihre eigene Sichweise nicht maßgeblich ist in Fragen von Gestaltung und Denkmalschutz. Sonst wäre auch so manches alte historische Bauwerk schon lange, lange komplett zerstört worden.
Während der Bauzeit habe Ich viele Termine vor Ort auf der Baustelle wahrgenommen und immer wieder mit Mietern sprechen dürfen, die Fragen zur Revitalisierung der Urbana hatten. Viele der Mieter gaben stets ein positives Feedback über die Sanierung und freuten sich über Schimmel- und diverse Baumängelbeseitigungen. Die Gebäude sind nun aufwendig saniert worden, und der Eigentümer sowie alle Beteiligten Personen haben in diese Revitalisierungsmaßnahme viel Arbeit investiert, dass sollte man nicht verkennen, ebenso wie viele glückliche Mieter. Die Siedlung ist wieder hochmodern und die Häuser befinden sich nun in einem ansehnlichen Zustand. Das gefällt der breiten Masse. M. aus Kassel
Eingesetzte Materialien im Rohrleitungsnetz, Frisch- sowie Abwasser und Lüftung waren in den seltensten Fällen den Anforderungen gewachsen, von Anfang an falsch geplant und mittlerweile vollkommen verschlissen! Auch im Bereich der Trinkwasser Rohranlage wurde keine Mühe gescheut, diese so zu planen, dass es möglichst viele Möglichkeiten für die Vermehrung von Keimen wie Legionellen gab. In manchen Häusern musste das Rohrnetz von der Wasseruhr bis zum Wasserhahn erneuert werden. Auch Stromausfälle im Wohnraum und Gemeinschaftsbereich gehörten zum Alltag. Die Elektro Anlage war kurz gefasst lebensgefährlich! Sie entsprach auch nicht den Vorschriften von 1984. Schutzerdung und FI Schutzschalter für eine Gefahr, die man weder sehen noch hören kann war beim Bau der Documenta Urbana offensichtlich ein Fremdwort. Der Focus war scheinbar mit aller Gewalt Baumängel an allen erdenklichen Stellen sicherzustellen! Es grenzt an ein Wunder das die maroden und einsturzgefährdeten Fassaden welche oberhalb des Daches in Verlängerung als Absturz Sicherung bzw. Brüstung gebaut waren, nicht als Leiter in den sicheren Tod von Kindern geführt hat. Fern von jeder Zulässigkeit wurden damals Absturzsicherungen in der Documenta Urbana als eine Art Leiter gebaut und offensichtlich abgenommen! Tragende Betonteile wurden häufig ungedämmt vom Außenbereich durch dünne Außenwände in den Innenbereich geführt! Das diese im Winter immer nass und verschimmelt waren ist selbst für den Laien vollkommen klar. Das war selbst nach damaligem Stand der Technik ganz offensichtlich gewollt von den Planern! Oft fragte ich mich ob die Planer überhaupt einen Gedanken an eine spätere Bewohnbarkeit verschwendeten.... Vielmehr wurde sich Gedanken gemacht über Holzgerüste auf frei zugänglichen Flachdächern. Diese wurden auch ohne jegliche Art der Sicherung für Leib und Leben errichtet und offensichtlich abgenommen. Schon damals waren sie lebensgefährlich. Im Laufe der Jahre wurde das Holz faul und drohte jederzeit einzustürzen und Menschen zu erschlagen. Wie kann Kunst über der Sicherheit von Menschenleben bei der Planung und Abnahme gestanden haben? Viele Mieter die nun zum ersten Mal ohne Zugluft in einer schimmelfreien Wohnung leben können ihr Glück immer noch nicht fassen. Zum ersten Mal gab es Ansprechpartner die sich nicht nur die Probleme anhörten, sondern die Probleme konsequent und mieterfreundlich abstellten. Die Documenta Urbana ist nicht mehr lebensgefährlich, sondern mängelfrei und wunderschön! Jeder einzelne Mieter fühlt sich in der Anlage und in seiner Wohnung wohl. Das Thema Sicherheit spielt hier offensichtlich gar keine Rolle und ist weder von den Planern noch von der Presse erwähnenswert. UNGLAUBLICH. Die Planer sollten an das Wohl der Mieter denken und sich dahin zurückziehen, wo sie die letzten 30 Jahre auch waren!