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29.04.2020

Buchtipp: Was richtig und wichtig ist

50+1 Architektonische Gewissensfragen


Möchte noch irgendjemand hören, dass in jeder Krise auch eine Chance liegen kann? Mit dem Buch „50+1 Architektonische Gewissensfragen“ auf dem Nachttisch kommt man um den gerade etwas überstrapazierten Gedanken nicht herum. Das Buch, vor dem Eintritt des Corona-Virus in unsere Lebenswirklichkeit im September 2019 erschienen, hat das Zeug dazu, hilfreicher Wegbegleiter durch unsichere Zeiten zu werden. Nicht weil es Aufträge heranschaffen könnte, sondern weil es Orientierung bietet in der Frage, was eigentlich richtig und wichtig ist. Von ihm gehen sanfte und kraftvolle Anstöße zum Nachdenken aus, vielleicht sogar zum Neu-Denken der Profession für die Zeit, wenn es wieder aufwärts geht.

In Abwandlung der Gewissensfragen, die beinahe 17 Jahre lang wöchentlich von Rainer Erlinger im Magazin der Süddeutschen Zeitung erörtert wurden, hat Martin Düchs den Leser*innen der bayerischen Ausgabe des Architektenblatts seit 2012 architektonische Gewissensfragen beantwortet. Diese sind nun in einem Band versammelt, mit Segen des architekturaffinen Erlinger, der ein Vorwort beigesteuert hat. Martin Düchs ist durch sein abgeschlossenes Architekturstudium und einen Doktortitel in Philosophie fachlich bestens qualifiziert für diese Aufgabe. Außerdem hat er Humor und kann schreiben.

Die architektonischen Gewissensfragen hat er in acht Kapitel unterteilt, darunter „Architektur und Gesellschaft“ oder „Der Architekt und sein Berufsstand“. Die Bandbreite der verhandelten Themen reicht vom Umgang mit Nazi-Architektur über Schummeleien bei der Abrechnung von Projektstunden bis zur Manipulation von Architekturfotografien. Zur Hinterfragung einer persönlichen Haltung vor, in oder nach einer Krise, wie wir sie gerade erleben, tragen unter anderem Überlegungen zu folgenden Themen bei: „Kann man den Bau großer Kulturtempel angesichts drängender sozialer Probleme vertreten?“, „Wie soll man Menschen in Krisensituationen unterbringen?“, „Wem bin ich mehr verpflichtet, der Gemeinde oder dem Bauherrn?“, „Darf ich von Angestellten verlangen, ihre Freizeit zu opfern?“ oder „Gibt es eine moralische Pflicht zu solidarischem Handeln innerhalb der Architektenschaft?“.

Etwas unscheinbar im Kapitel „Aus dem Büroalltag“ versteckt, steht die vielleicht härteste Frage nach der Berechtigung des Formats und damit auch des ganzen Buches. Da will Leser Manuel D. wissen, was derlei theoretische Überlegungen überhaupt wert seien. Man solle sich um die wirklichen Probleme des Berufsstandes kümmern und nicht „irgendwelche Glasperlenspielchen“ im Elfenbeinturm veranstalten. Düchs kontert klar und deutlich, und nur hier blitzt kurz sein erhobener Zeigefinger auf, allerdings zu Recht: Wir bräuchten nicht weniger, sondern sehr viel mehr fundierte theoretische Überlegungen, so der Architekturphilosoph. Sie seien Voraussetzung für jegliche Praxis. Denn auch und gerade beim Bauen würden viele moralische Konflikte auftauchen, die sich mit einem Verweis auf das eigene Gefühl oder ein „Ich meine aber…“ nicht angemessen lösen ließen. Es ginge nicht um Lektionen, sondern um rational nachvollziehbare Aussagen zu moralischen Problemen auf Basis von geteilten Überzeugungen, so wie sie sich zum Beispiel in den Berufsordnungen der Architektenkammern finden würden. „Mit derlei Überlegungen kann man sich auseinandersetzen und die Triftigkeit der Argumentation mit rationalen Gründen bestreiten. Oder man kann sie einfach unbegründet und mehr oder weniger trotzig ablehnen.“ Letzteres allerdings, so Düchs, sei kindisch.

Text: Katrin Voermanek


50 +1 Architektonische Gewissensfragen

beantwortet von Dr. Martin Düchs
Hg. von Eric-Oliver Mader und Julia Mang-Bohn im Auftrag der Bayerischen Architektenkammer
248 Seiten
Dölling und Galitz, 2019

ISBN 978-3-86218-127-8
22 Euro


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