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12.08.2015

Jedes Gebäude ein Kunstwerk

Zum 70. Geburtstag von Jean Nouvel


Von Sophie Jung

Er muss eine Diva sein. In der Öffentlichkeit inszeniert er sich extravagant. Seinem Wettbewerbsteam haut er vor laufender Kamera die Entwürfe mit harscher Kritik um die Ohren. Zuletzt zeigte sich Jean Nouvel im Zuge der verfrühten Eröffnung seiner Philharmonie in Paris dramatisch: Er ging nicht zum Galaabend und verkündete medienwirksam, sein als zu teuer kritisierter Bau – eine visionäre Schachtelarchitektur mit Aluminiumfassade – sei sabotiert worden. „Je suis un homme traumatisé“, schrieb er diesen Juni in der Le Monde.

Er hat Starallüren, jedoch: Jean Nouvel ist auch ein Star unter Architekten. Spätestens seitdem er 2008 deren wichtigste, internationale Auszeichnung, den Pritzker-Preis erhielt, rangiert er unter den ganz Großen weltweit. Der aus dem zentralfranzösischen Sarlat stammende Sohn eines Lehrerelternhauses beginnt seine Karriere ganz klassisch mit einem Architekturstudium, zunächst ab 1964 an der Kunsthochschule in Bordeaux, zwei Jahre später an der renommierten École nationale supérieure des beaux-arts in Paris. Bei Paul Virilio und Claude Parent ist er Assistent, noch bevor er seine Ausbildung 1970 beendet. Im gleichen Jahr gründet er in Paris sein eigenes Büro. Heute wird Jean Nouvel siebzig Jahre alt.

Als junger Architekt macht er politisch in der französischen Szene auf sich aufmerksam. Die Charta von Athen lehnt er als städtebauliches Regelwerk öffentlich ab, zum Neubau der zentral in Paris gelegenen Les Halles organisiert er einen Gegenwettbewerb, er ist Mitbegründer einer eigenen Architektengewerkschaft. In dieser frühen Phase zeichnet sich wohl schon ab, was später seine Bauten so markant macht: Eine ethische Überordnung soll es bei seiner Architektur nicht geben.

Mit dem Bau des Institut du Monde Arabe in Paris, 1981–86 gemeinsam mit Gilbert Lezenes, Pierre Soria und Architecture Studio realisiert, gelingt Jean Nouvel der Durchbruch. Das Projekt war für Präsident François Mitterand von kulturpolitischer Priorität und Jean Nouvel übersetzte den Auftrag des Instituts,  die Verständigung zwischen Frankreich und der arabischen Welt zu fördern, in eine klare Form: Ein elegant minimalistisches Ensemble aus Glaskörpern mit raffinierter Fassadentechnik aus Aluminium in orientalischer Ornamentik. Auf diesen preisgekrönten Bau folgt viel Prestige: Die Oper in Lyon (1994), der Sitz der Fondation Cartier in Paris (1994), in Luzern ein Kongresszentrum (2000), 2006 vollendet er den spektakulären Bau des Ethnografischen Museums am Pariser Quai Branly und zuletzt die Philharmonie. Aus Paris ist seine Architektur heute nicht mehr wegzudenken.

Der Theorie blieb Jean Nouvel fern. Seiner Architektur eine klare Linie zu geben, fällt schwer. Die Galeries Lafayette (1996) in Berlin ist ein mit Pflanzen bewucherter Glaskasten an der steinernden Friedrichstraße, das Guthrie Theater Minnesota (2006) fällt durch dunkle Kuben mit Industrieästhetik auf, und der Torre Agbar in Barcelona (2005), mit dem internationalen Hochhauspreis 2006 gekürt, ist so kühn wie glatt zugleich: ein Phallus aus Glas.

Nouvel wäre als junger Mann lieber Maler geworden, schreibt 2008 der Journalist Hervé Chassin, wohl deswegen begegnet er jedem seiner Bauten wie einem Kunstwerk, bei dem Form, Effekt und Inszenierung so wichtig sind. Stefano Gasciani beschrieb Nouvel in seiner Lobschrift zum Pritzker-Preisträger hingegen als einen „experimentellen Philosophen der Konstruktion“.


Zum Thema:

www.pritzkerprize.com/laureates/2008


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Pritzker-Preisträger Jean Nouvel

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Philharmonie in Paris, Zustand 2014

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Institut du Monde Arabe, 1987

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Museum am Pariser Quai Branly, 2006

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