Die Neuerfindung Barcelonas
Zum 150. Todestag von Ildefons Cerdà
Die Neuerfindung Barcelonas
Zum 150. Todestag von Ildefons Cerdà
Heute vor 150 Jahren starb der katalanische Stadtplaner Ildefons Cerdà (1815–76). Als Bauingenieur, Feldmesser, Jurist, Zeitgenosse von Karl Marx und Anhänger des utopischen Sozialisten Etienne Cabet prägte er mit seinem Konzept für den Stadtbezirk Eixample wie kein anderer das moderne Stadtbild Barcelonas.
Ildefons Cerdà erlebte das mittelalterliche Barcelona als Ort, wo Diebe, Säufer und Gesindel die engen Gassen unsicher machten, Licht nur durch enge Schächte oder Innenhöfe in die Wohnungen schien, viele Häuser in einem abbruchreifen Zustand waren und Menschen dicht an dicht unter unhygienischen Bedingungen lebten. Dies führte dazu, dass sich Seuchen im Altstadtgewirr schnell ausbreiteten. 1821 starben 8.821 Menschen an Gelbfieber, 1854 kam es zum folgenschwersten Cholera-Ausbruch mit 6.419 Opfern. Die durchschnittliche Lebenserwartung lag im 19. Jahrhundert unter dreißig Jahren.
Gemessen an der relativ niedrigen Einwohnerzahl in der Mittelmeermetropole war die Zahl der Todesfälle erschreckend hoch. Barcelona galt seinerzeit als die europäische Stadt mit den unhygienischsten Lebensbedingungen, und El Raval als die am dichtesten bebaute Altstadt Europas. Der Grund für die Lebensumstände lag im Anschwellen der Stadtbevölkerung von 83.000 Menschen im Jahre 1818 auf immerhin 187.000 im Jahre 1850. Hinzu kam die rapide Ausbreitung der Fabriken, die, eingezirkelt innerhalb der Stadtmauern, neben den Behausungen der Arbeiter*innen entstanden. 1854 rang sich die Stadtverwaltung angesichts dieser Entwicklung endlich zum Niederreißen der Stadtmauer durch. Es war die Stunde des Ildefons Cerdà, der der zuvor in ihrer mittelalterlichen Struktur eingeschnürten Stadt einen tiefgreifenden Wandel verordnete und sie so vor dem langsamen Erstickungstod bewahrte.
Die Vermessung Barcelonas
1855 beauftragte die spanische Zentralregierung den Bauingenieur, die einstige militärische Sicherheitszone außerhalb Barcelonas zu vermessen, um eine Grundlage für künftige städtebauliche Planungen zu erhalten. Nebenher beschäftigte sich Cerdà mit den Lebens- und Wohnverhältnissen seiner Heimatstadt, erstellte Kartografien über die Bevölkerungsdichte, verglich sie mit Statistiken über Krankheitsfälle und analysierte, wie sich Stadtmauern und die extrem dicht gebauten Areale auf das urbane Leben auswirken. Er übertrug dabei die in England entstandene Stadtforschung auf die besonderen Bedingungen in Barcelona.
Der Stadtplaner kam zu dem Schluss, dass die mittelalterliche Stadt durch die neue Ära der Industrialisierung zwangsläufig kollabieren muss. Die Resultate seiner Forschung schrieb er 1856 in der Monografía estadística de la clase obrera de Barcelona nieder, einem sozialwissenschaftlichen Werk über die großstädtischen Lebensbedingungen der Arbeiterklasse. Das Buch steht in der Tradition von Friedrich Engels’ Sozialreportage Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845), in der der deutsche Kommunist die Existenzbedingungen der Arbeiterschaft in gerade entstandenen Industriestädten wie Manchester untersuchte und dabei typische Probleme proletarischer Existenz wie Alkoholismus, Kriminalität, Kinder- und Frauenarbeit behandelte.
Vision einer Stadt für alle
Cerdà fasste seine Analysen in der Teoria General de la Urbanización (1867) zusammen und entwickelte das Leitbild einer klassenübergreifenden, integrativen, rationalistischen und dicht bebauten Stadt, die allen Bewohner*innen gleiche Voraussetzungen bieten soll. Letztlich ging er von einem egalitären Stadtmodell aus, das nicht von einem üblichen repräsentativen Zentrum dominiert wird. Das ist der Unterschied zu Georges-Eugène Haussmanns Planungen für das neue Paris. Cerdà verfolgte ein anti-hierarchisches Modell, das für alle Klassen ähnliche Lebens- und Mobilitätsbedingungen bereithält. Eixample de Barcelona – katalanisch für „Erweiterung Barcelonas“ – sollte bei gleicher Grundrissdisposition, gleicher Fassadengestaltung und Geschosshöhe prinzipiell unbegrenzt über die ehemalige militärische Sperrzone hinauswachsen können. Die vereinzelten Industriegebiete, die zuvor unverbunden mit der Stadt existierten, wollte er in den Stadtkörper integrieren. Sein Ideal war eine neue und lebenswerte Stadt – nach heutiger Lesart eine „15-Minuten-Stadt“.
Gemessen an der relativ niedrigen Einwohnerzahl in der Mittelmeermetropole war die Zahl der Todesfälle erschreckend hoch. Barcelona galt seinerzeit als die europäische Stadt mit den unhygienischsten Lebensbedingungen, und El Raval als die am dichtesten bebaute Altstadt Europas. Der Grund für die Lebensumstände lag im Anschwellen der Stadtbevölkerung von 83.000 Menschen im Jahre 1818 auf immerhin 187.000 im Jahre 1850. Hinzu kam die rapide Ausbreitung der Fabriken, die, eingezirkelt innerhalb der Stadtmauern, neben den Behausungen der Arbeiter*innen entstanden. 1854 rang sich die Stadtverwaltung angesichts dieser Entwicklung endlich zum Niederreißen der Stadtmauer durch. Es war die Stunde des Ildefons Cerdà, der der zuvor in ihrer mittelalterlichen Struktur eingeschnürten Stadt einen tiefgreifenden Wandel verordnete und sie so vor dem langsamen Erstickungstod bewahrte.
Die Vermessung Barcelonas
1855 beauftragte die spanische Zentralregierung den Bauingenieur, die einstige militärische Sicherheitszone außerhalb Barcelonas zu vermessen, um eine Grundlage für künftige städtebauliche Planungen zu erhalten. Nebenher beschäftigte sich Cerdà mit den Lebens- und Wohnverhältnissen seiner Heimatstadt, erstellte Kartografien über die Bevölkerungsdichte, verglich sie mit Statistiken über Krankheitsfälle und analysierte, wie sich Stadtmauern und die extrem dicht gebauten Areale auf das urbane Leben auswirken. Er übertrug dabei die in England entstandene Stadtforschung auf die besonderen Bedingungen in Barcelona.
Der Stadtplaner kam zu dem Schluss, dass die mittelalterliche Stadt durch die neue Ära der Industrialisierung zwangsläufig kollabieren muss. Die Resultate seiner Forschung schrieb er 1856 in der Monografía estadística de la clase obrera de Barcelona nieder, einem sozialwissenschaftlichen Werk über die großstädtischen Lebensbedingungen der Arbeiterklasse. Das Buch steht in der Tradition von Friedrich Engels’ Sozialreportage Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845), in der der deutsche Kommunist die Existenzbedingungen der Arbeiterschaft in gerade entstandenen Industriestädten wie Manchester untersuchte und dabei typische Probleme proletarischer Existenz wie Alkoholismus, Kriminalität, Kinder- und Frauenarbeit behandelte.
Vision einer Stadt für alle
Cerdà fasste seine Analysen in der Teoria General de la Urbanización (1867) zusammen und entwickelte das Leitbild einer klassenübergreifenden, integrativen, rationalistischen und dicht bebauten Stadt, die allen Bewohner*innen gleiche Voraussetzungen bieten soll. Letztlich ging er von einem egalitären Stadtmodell aus, das nicht von einem üblichen repräsentativen Zentrum dominiert wird. Das ist der Unterschied zu Georges-Eugène Haussmanns Planungen für das neue Paris. Cerdà verfolgte ein anti-hierarchisches Modell, das für alle Klassen ähnliche Lebens- und Mobilitätsbedingungen bereithält. Eixample de Barcelona – katalanisch für „Erweiterung Barcelonas“ – sollte bei gleicher Grundrissdisposition, gleicher Fassadengestaltung und Geschosshöhe prinzipiell unbegrenzt über die ehemalige militärische Sperrzone hinauswachsen können. Die vereinzelten Industriegebiete, die zuvor unverbunden mit der Stadt existierten, wollte er in den Stadtkörper integrieren. Sein Ideal war eine neue und lebenswerte Stadt – nach heutiger Lesart eine „15-Minuten-Stadt“.
Eixample bedurfte der Zustimmung von Madrids Kriegsministerium, weil es sich um eine militärisch befestigte Stadt handelte. 1859 erging der königliche Erlass. Allerdings torpedierte ausgerechnet Barcelonas Stadtverwaltung die Madrider Beschlüsse, beharrte auf dem kommunalen Selbstbestimmungsrecht und lobte einen Wettbewerb aus. Damit weitete sich der regionalistische Streit zu einem scharfen Konflikt zwischen Zentral- und Stadtverwaltung aus. Erst ein königliches Dekret von 1860 beendete den Konflikt und erlaubte Cerdà, seinen Eixample-Plan umzusetzen. Dieser sah vor, die militärische Schutzzone in einem Schachbrettmuster zu bebauen, das sich außerhalb der Altstadt über die gesamte Stadt ausbreitet – bis zum Montjuïc und zum Hafen, den westlichen Höhenzügen und den Flüssen Llobregat im Süden und Besós im Norden.
Licht, Luft und gleiche Chancen
Das Eixample, das die Stadt ursprünglich um das Zehnfache vergrößern sollte, war sozial verträglicher als Haussmanns Paris, das wenige Jahre zuvor durch eine Politik des radikalen Kahlschlags entstand. Das lag vornehmlich daran, dass Cerdà die öffentlichen Einrichtungen so anlegte, dass sie für alle gut erreichbar sind. Für die 250.000 Einwohner*innen, die im modernen Stadtgebiet lebten, sollten 33 Schulen, drei Krankenhäuser, zwölf öffentliche Verwaltungsgebäude, zehn Märkte und acht Parks entstehen, außerdem waren Kirchen, Schlachthöfe und Polizeistationen vorgesehen. Die Festlegung eines gleichförmigen Stadtplans lag der rationalen Zuordnung der infrastrukturellen Einrichtungen zugrunde. Dies sollte die disparaten sozialen Lebensbedingungen ausgleichen, aber auch die Immobilienspekulation zügeln und insgesamt mehr soziale Gleichheit und Gerechtigkeit durchsetzen.
Cerdà beabsichtigte ein klar differenziertes Raster. Außergewöhnlich für Stadtplaner des 19. Jahrhunderts sind die Straßen, die eine Breite von 20, 30 und 60 Metern aufweisen. Sogar Fußgänger*innen erhielten eine fünf Meter breite Zone. Dreißig Jahre vor Erfindung des Automobils entstanden mit Cerdàs visionärem Generalplan bereits die Grundlagen für die „autogerechte“ ebenso wie die „fußgängerfreundliche Stadt“. Außerdem dachte der Sozialkritiker immer auch daran, die Wohnverhältnisse der Menschen zu verbessern. Deswegen ließ er die Wohnblöcke rings um einen Patio errichten, der die Wohnungen mit Frischluft und Sonnenlicht versorgt.
Die Grenzen von Cerdàs Stadtmodell
Licht, Luft und gleiche Chancen
Das Eixample, das die Stadt ursprünglich um das Zehnfache vergrößern sollte, war sozial verträglicher als Haussmanns Paris, das wenige Jahre zuvor durch eine Politik des radikalen Kahlschlags entstand. Das lag vornehmlich daran, dass Cerdà die öffentlichen Einrichtungen so anlegte, dass sie für alle gut erreichbar sind. Für die 250.000 Einwohner*innen, die im modernen Stadtgebiet lebten, sollten 33 Schulen, drei Krankenhäuser, zwölf öffentliche Verwaltungsgebäude, zehn Märkte und acht Parks entstehen, außerdem waren Kirchen, Schlachthöfe und Polizeistationen vorgesehen. Die Festlegung eines gleichförmigen Stadtplans lag der rationalen Zuordnung der infrastrukturellen Einrichtungen zugrunde. Dies sollte die disparaten sozialen Lebensbedingungen ausgleichen, aber auch die Immobilienspekulation zügeln und insgesamt mehr soziale Gleichheit und Gerechtigkeit durchsetzen.
Cerdà beabsichtigte ein klar differenziertes Raster. Außergewöhnlich für Stadtplaner des 19. Jahrhunderts sind die Straßen, die eine Breite von 20, 30 und 60 Metern aufweisen. Sogar Fußgänger*innen erhielten eine fünf Meter breite Zone. Dreißig Jahre vor Erfindung des Automobils entstanden mit Cerdàs visionärem Generalplan bereits die Grundlagen für die „autogerechte“ ebenso wie die „fußgängerfreundliche Stadt“. Außerdem dachte der Sozialkritiker immer auch daran, die Wohnverhältnisse der Menschen zu verbessern. Deswegen ließ er die Wohnblöcke rings um einen Patio errichten, der die Wohnungen mit Frischluft und Sonnenlicht versorgt.
Die Grenzen von Cerdàs Stadtmodell
Der von spekulativen Interessen angeheizte Bauboom, der in den 1870er Jahren einsetzte, zerrieb schließlich Cerdàs normierte Blockstruktur. Bei nahezu allen Neubauten missachtete man seine Bebauungsregeln. Die nachträgliche Verdichtung, die Aufstockung um zwei Geschosse, die Vergrößerung der Gebäudetiefe, die Schließung der Wohnblöcke an allen vier Seiten und die Einschränkung der Grünflächen – all das sind nicht Mängel des Erweiterungsplans, sondern Auswirkungen der Korruption und des grassierenden Immobilienfiebers, orientiert an der maximalen Verwertung der Geschossflächen. Der Immobilienmarkt blieb unangetastet, weil lokale Bourgeoisie und Grundbesitzer mit Erfolg gegen Cerdàs egalitäre Ziele opponierten. In der Folgezeit nahm die Dichte des Eixample fast um das Zehnfache zu.
Cerdàs rationalistischer Stadtentwurf beeinflusste schließlich die CIAM-Architekten Josep Lluís Sert und Le Corbusier, die sich in den Aufbruchsjahren der Zweiten Republik dazu anregen ließen, seinen Geist in die Moderne hinüberzuretten. Die vielfältige Nutzbarkeit der Patios bewährt sich noch heute. Im Rahmen der Stadterneuerung der 1980er Jahre schuf man in den Hinterhöfen der Blockstrukturen, in denen Abstellkammern und Garagen untergebracht waren, zusätzliche Parks und Grünflächen. Diese Vorzüge von Eixample werden heute zwar allseits gelobt, doch Cerdàs Erweiterungsplan gelangte seinerzeit rasch an seine Grenzen. In der kurzen Zeit der Ersten Republik (1868–74) war er Abgeordneter und Vizepräsident von Barcelonas Provinzregierung. 1876, nachdem er mittellos, verbittert und ohne Aussicht auf die ausstehenden Honorare gestorben war, sagte man ihm in einer Trauerrede nach, seine liberale Gesinnung und sein Talent hätten ihm zeitlebens nur Feindschaft eingebracht.
[Transparenzhinweis: Dieser Artikel basiert in Teilen auf einem Text des Autors in seinem Architekturführer Barcelona, der 2018 bei DOM Publishers erschienen ist. Das mittlerweile vergriffene Buch wird voraussichtlich im nächsten Jahr in überarbeiteter Form neu aufgelegt.]
Cerdàs rationalistischer Stadtentwurf beeinflusste schließlich die CIAM-Architekten Josep Lluís Sert und Le Corbusier, die sich in den Aufbruchsjahren der Zweiten Republik dazu anregen ließen, seinen Geist in die Moderne hinüberzuretten. Die vielfältige Nutzbarkeit der Patios bewährt sich noch heute. Im Rahmen der Stadterneuerung der 1980er Jahre schuf man in den Hinterhöfen der Blockstrukturen, in denen Abstellkammern und Garagen untergebracht waren, zusätzliche Parks und Grünflächen. Diese Vorzüge von Eixample werden heute zwar allseits gelobt, doch Cerdàs Erweiterungsplan gelangte seinerzeit rasch an seine Grenzen. In der kurzen Zeit der Ersten Republik (1868–74) war er Abgeordneter und Vizepräsident von Barcelonas Provinzregierung. 1876, nachdem er mittellos, verbittert und ohne Aussicht auf die ausstehenden Honorare gestorben war, sagte man ihm in einer Trauerrede nach, seine liberale Gesinnung und sein Talent hätten ihm zeitlebens nur Feindschaft eingebracht.
[Transparenzhinweis: Dieser Artikel basiert in Teilen auf einem Text des Autors in seinem Architekturführer Barcelona, der 2018 bei DOM Publishers erschienen ist. Das mittlerweile vergriffene Buch wird voraussichtlich im nächsten Jahr in überarbeiteter Form neu aufgelegt.]
Barcelona in der BauNetz WOCHE
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