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29.06.2020

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Arkadische Romanik

Wohnhaus von Adam Richards in England


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Der britische Architekt Adam Richards arbeitet schon etwas länger mit der Verwaltung von Englands jüngstem Nationalpark, dem South Downs National Park, zusammen. 2011 hat die britische Regierung beschlossen, gut 1.600 Quadratkilometer der sanft hügeligen Landschaft an der Südküste unter Schutz zu stellen, 2013 baute Richards dem Ditchling Museum for Art and Craft im Park eine hochgelobte Erweiterung. Eine Folge des Projektes war, dass Richards mit seiner Frau Jessica fünf Jahre lang ein altes Cottage mitten im Park als Wochenendhäuschen nutzen durfte. Schließlich kamen sie mit der Verwaltung ins Gespräch, das Cottage zu kaufen, um mit ihren drei Kindern dauerhaft in die Einsamkeit des Nationalparks umzuziehen – London liegt nur 85 Kilometer nordöstlich.

Die erste Ansatz, ein modernes Wohnhaus in das alte Steinhaus einzufügen, erwies sich als allzu aufwändig. Schließlich wurde der Altbau abgerissen, seine Steine bilden nun einige der Mauern um die neue Farm. Die Grundidee blieb aber erhalten: Der Neubau ist im Kern eine Stahlbetonstruktur, die sich hinter dicke Backsteinmauern duckt. Die Trennung der beiden Schichten ist von innen gut zu erkennen, wo die halbrunden, romanisch anmutenden Backsteinbögen mit den eckigen Fenstern kontrastieren. Der Neubau steht exakt an der Stelle, wo zuvor das alte Cottage stand – die erhaltenen Ställe und Lagerräume umfassen ihn nördlich und bilden weiterhin einen kleinen, L-förmigen Wirtschaftshof um das neue Wohnhaus. Hier ist das Haus auch am niedrigsten, nach Süden steigt es in drei großen, kantigen Stufen bis auf drei Etagen an. Das Dach ist aus unauffälligem, schwarzen Zink – nicht ganz unwichtig, da die „Nithurst Farm“ in einer Senke liegt und man dem Haus bei der Anfahrt durchaus aufs Dach schauen kann.

Man betritt das Haus schließlich durch eine überraschend kleine Tür, die eher wie ein Nebeneingang wirkt. Dahinter liegt ein ebenfalls kleiner, fensterloser Eingangsraum, der den Hauptraum dahinter mit viereinhalb Metern Deckenhöhe wie eine Kapelle wirken lässt. Was von außen kaum sichtbar wird: Der Bau weitet sich nach Süden zu einem Trapez, was im Grundriss ein wenig an die Form eines Sarges denken lässt. Im Mittelpunkt des hohen, weiten Raums steht die Küche. Sechs Boxen aus Sichtbeton sind entlang der Wände verteilt, sie ragen in dieser Halle wie kleine Türme auf. In ihnen liegen die kompakten Nebenräume – Garderobe, Toilette, Speisekammer, Arbeits- und Hauswirtschaftszimmer. Dieser Aufbau setzt sich in den Obergeschossen fort und unterstreicht in der Halle im Erdgeschoss die Assoziation mit einem Kirchenraum und seinen Apsiden. Hinter einer mittigen Tür in der südlichen Wand folgen die Treppe nach oben sowie ein großes offenes Wohnzimmer mit Kamin.

Über ein Zwischengeschoss mit einer Galerie, die sich noch einmal zurück zum Hauptraum öffnet, erreicht man das erste Obergeschoss. Hier liegen insgesamt fünf Schlafräume, drei davon sind für die Kinder vorgesehen, zwei als zusätzliche Gästezimmer mit eigenen Badezimmern, die beide eine halbe Treppe tiefer in die mittleren Betontürme der Halle eingesetzt wurden. Die beiden Schlafzimmer der Eltern liegen im obersten Stockwerk. Der Zugang führt durch eine schmale Flügeltür, die mittig zwischen den beiden Kinderzimmern nach Süden liegt. Dahinter liegt ein spitz zulaufender Treppenraum, der geradewegs auf ein hohes Fenster in der Südfassade zuläuft. So fällt das Tageslicht meist als scharfes Gegenlicht auf die Treppe. Diese Konfiguration hat Richards in Interviews als „Himmelstreppe“ beschrieben, die er inspiriert durch den Film „A Matter of Life and Death“ in Erinnerung an seinen verstorbenen Vater gestaltete. Der war Pilot, und starb, als Richards noch ein kleiner Junge war. Überhaupt verfolgt Richards bei seinen Raumfolgen ein überaus filmisches Programm, wie der detaillierte Fokus auf den Innenraum bei baunetz id zeigt.

So entpuppt sich das Haus auch in seinem inneren Aufbau als das, wonach es auch nach außen aussieht: Eine eigenwillige Mischung aus vertrauten und neuen Elementen, die in einer völlig neuen Ordnung zusammenfinden und die Besucher und Bewohner gleichermßen mit einer reichen Abfolge an großen, hellen und kompakten, dunklen Räumen durch eine assoziationsreiche Abfolge führen. (fh)

Fotos: Brotherton-Lock


Zum Thema:

Unsere feine Farm: das Projekt von Adam Richards bei baunetz id


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Kommentare

10

@ auch ein | 01.07.2020 09:44 Uhr

"und was haben SIE zum gebäude zu sagen?"

vielleicht nix. er tut aber auch nicht so und hält es aus, sich nicht zu äussern.

9

Lars K | 30.06.2020 18:15 Uhr

Wer lesen kann...

...ist klar im Vorteil: Offenbar ist der von innen sichtbare Rundbogen ja Teil der Idee, dass Hülle und Kern voneinander klar unterscheidbar sind. Das ist natürlich zunächst einmal eine Entscheidung des Architekten, der hier auch Bauherr ist. Geschmackssache. Ich finde es ehrlich gesagt auch nicht besonders überzeugend, ebenso die Rundbogenfenster überhaupt, wirkt wie ein komisches Versatzstück - dabei haben die restlichen Innenräume so viel Kraft. Offensichtlich sind immens vielen Ideen umgesetzt worden. Ach und wenns den Richards dann nicht mehr gefällt, dann müssen sies halt umbauen.

8

auch ein | 30.06.2020 16:19 Uhr

architekt

@7:
und was haben SIE zum gebäude zu sagen?
nichtssagen(d) ?

7

immer dieser..... | 30.06.2020 13:16 Uhr

"auch ein Architekt"

Irgendwie drollig wie Sie sich immer nur auf die ersten ersichtlichen Banalitäten stürzen und kommentieren.
Tiefer und sachlicher wäre mal wünschenswerter, auch standesgemäßer.

6

STPH | 30.06.2020 09:31 Uhr

...

schließt an Fragment und Ruine als beschaulich befremdender Gartenpavillon im Park an.
erfrischend frech wäre aber auch einfach ein Einfamilienhaus unvermittelt im Naturpark.

5

ol_wei | 30.06.2020 09:05 Uhr

gelungen

fantastisch ausgeführt, toller kontrast von innen und außen, die antiquitäten sind toll in szene gesetzt. als architekt kann man sich solch ein projekt und solch eine bauherrenschaft nur wünschen. hierzulande reichts ja oft nur für 0815-bauten. putzfassade, staffelgeschoss, da kann ein architekt mit leben

4

auch ein | 30.06.2020 07:53 Uhr

architekt

eine seltsame mischung.

ganz absurd wird es wenn man die innenaufnahmen sieht und die rundbögen hinter den rechteckigen Fenstern sind....
mallorca-hotel-style

3

Daniel | 29.06.2020 23:24 Uhr

Schule

An die Kommentatoren 1 & 2:
So schnell wurden die Unterschiede zwischen Gemeinschaftskunde und Erdkunde auf den Punkt gebracht.
Um mit der Fächerkunde weiterzumachen - für mich ist nicht nur der pastellfarbene Wandbehang wirklich hohe Kunst mit einer eigenen Sprache, einem tollen Ausdruck und klassischer Geometrie im dreidimenionalen Raum.
Auch und gerade weil sich mir nicht jeder Winkel erschließt - stimmt die Chemie!

Danke für diesen Bericht, baunetz!

2

Keine Sorge | 29.06.2020 19:38 Uhr

Großbritannien...

...liegt nach wie vor in Europa - unabhängig von der Zugehörigkeit zur EU.

1

Karl | 29.06.2020 17:26 Uhr

Ach, wie schade, ...

...dass die Briten Europa verlassen haben...
So ein schönes Haus!!

 
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Blick von Osten. Die Schafe haben fast dieselbe Farbe wie die Backsteine der Fassade – oder ist es umgekehrt?

Blick von Osten. Die Schafe haben fast dieselbe Farbe wie die Backsteine der Fassade – oder ist es umgekehrt?

Der Neubau steht fast exakt an der Stelle seines abgerissenen Vorgängers.

Der Neubau steht fast exakt an der Stelle seines abgerissenen Vorgängers.

In drei Stufen steigt das Haus von einer Etage im Norden auf drei Etagen nach Süden an.

In drei Stufen steigt das Haus von einer Etage im Norden auf drei Etagen nach Süden an.

Alle Fenster öffnen sich unter halbkreisförmigen Backsteinbögen.

Alle Fenster öffnen sich unter halbkreisförmigen Backsteinbögen.

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