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17.10.2019

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Lindwurm aus Holz in Biel

Swatch-Hauptquartier von Shigeru Ban eröffnet


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Die meisten Betrachter sehen in dem gewaltigen Projekt im Schweizer Städtchen Biel eine Riesenschlange, aber Shigeru Ban möchte es eigentlich als Drachen verstanden wissen – es ist eben so eine Sache mit der Deutung architektonischer Formen. Aber ob Drache oder Schlange: Nach fünf Jahren Bauzeit konnte die Swatch Group ihre neue Firmenzentrale mit Büros, Fabrik, zwei Museen und einem Konferenzzentrum am 3. Oktober 2019 feierlich eröffnen.

Der ringelige Teil ist dabei eigentlich nur eines von drei Gebäuden, die alle vom japanischen Pritzker-Preisträger entworfen und vom lokalen Partnerbüro IttenBrechbühl Architekten und Generalplaner während der 6-jährigen Projektdauer umgesetzt wurden und die dennoch ein höchst unterschiedliches Ensemble ergeben. Die neue Fabrik für die Swatch-Marke „Omega“ bleibt relativ unauffällig im Hintergrund des Grundstücks, sie wurde bereits 2017 in Betrieb genommen. Es folgt – direkt an der Straße – die „Cité du Temps“, die „Stadt der Zeit“, ein flächig verglastes Rechteck von 80 x 17 x 28 Metern, mit vier hohen Etagen und einem etwas seltsamen Walmdach, das aber die Photovoltaik-Elemente trägt. 14 geschwungene Arkaden stemmen den schlanken Quader in die Höhe, darunter liegt der offene Eingangsbereich. In den Obergeschossen finden sich die beiden Museen bzw. Showrooms, die Swatch sich selbst gewidmet hat: das „Omega Museum“ auf der ersten, „Planet Swatch“ auf der zweiten Etage. Aus der obersten Etage wölbt sich das Konferenzzentrum, und wenn wir bei Bildern bleiben wollen, dann erinnert das an einen großen Baumpilz, was ja wiederum zu dem vielen Holz passt, das hier deutlich sichtbar verbaut wurde.

Der spektakulärste Teil ist aber der neue Bürotrakt, dessen Schlangen-Drachen-Körper sich nach Nordosten am Flüsschen Schüss entlangwindet und mit großer Geste über die Straße und fünf Geschosse hoch nach dem Quader greift. 240 Meter lang, 35 Meter breit und über der Straße 27 Meter hoch wölbt sich die Fassadenhülle mit insgesamt 11.000 Quadratmetern Oberfläche um die Büroetagen im Inneren. Natürlich war die mehrfach gekrümmte Holzgitterkonstruktion eine technische Herausforderung: Die rund 4.600 Balken wurden computergestützt berechnet, um sie nach einem präzisen Steckprinzip ineinander zu fügen. Unter den 2.800 opaken, transluzenten und transparenten Waben der Fassade gibt es kaum zwei mit den gleichen Maßen. Auch alle technischen Leitungen wurden in die spektakuläre Hülle integriert, 124 perforierte „Schweizer Kreuze“ verbessern die Akustik im Inneren.

In dieser Hülle bzw. „Schlangenhaut“ befindet sich ein weitgehend frei stehendes Regal mit fünf Stockwerken und gut 25.000 Quadratmetern Bürofläche. Stellenweise erinnert diese Entkoppelung von gewölbter Fassade und innerem Etagen-Regal an die Philologische Bibliothek von Norman Foster in Berlin. Allerdings sind die Geschosse in Biel viel weitläufiger, auf geschlossene Büros wurde fast vollständig verzichtet. Zur Straße hin liegt die Eingangslobby mit gläsernen Fahrstühlen und Zugangskontrollen sowie fünf ebenfalls gläsernen Hubstaffeltoren, mit denen die Halle auf ganzer Länge zur Straße hin geöffnet werden kann. Eine Brücke aus Glas verbindet im dritten Geschoss das Bürogebäude mit der „Cité du temps“ auf der anderen Straßenseite.   

Ja, es ist ein Bau der Superlative. Gleichzeitig waren dem Architekten und seinem Bauherren die nachhaltigen Aspekte des 150-Millionen-Franken-Projektes wichtig. Grundwassernutzung, Solarenergie, Fahrradstellplätze, LED-Leuchten, thermische Bauteilaktivierung und papierlose Büros sind Stichpunkte, die das gesamtheitliche Konzept skizzieren. Und natürlich das Holz, Bans Lieblingsmaterial: 1.997 Kubikmeter waren nötig, es ist ausschließlich Fichtenholz aus Schweizer Wäldern. Bei der Eröffnung verwies Nick Hayek, Konzernleiter der Swatch Group und Sohn des legendären libanesischen Firmengründers Nicolas, auf den zeitlichen Aspekt:  „Die grosse Menge Holz, die wir verarbeitet haben, wächst in den Schweizer Wäldern innerhalb von zwei Stunden nach.“ Kurzer Fakten-Check unsererseits: Laut Angaben von WaldSchweiz wachsen jedes Jahr 10 Millionen Kubikmeter Holz im Land, das sind 27.397,26 am Tag und also 1.141,55 Kubikmeter in der Stunde. Stimmt. (fh)

Fotos: Didier Boy de la Tour, Philippe Zinniker, Jan Bolomey, Swatch Group, Omega


Kommentare

6

STPH | 21.10.2019 13:19 Uhr

...

wie endet eigentlich der Wurm am anderen Ende? Als Schlauch mit zwei Öffnungen, dazu mit gegensätzlichen Funktionen wird der flow erst interessant.

5

Lipski | 18.10.2019 11:25 Uhr

Zwei Stunden Holz!

Das ist doch mal eine nette Angabe.

4

Lars | 17.10.2019 17:26 Uhr

Shigeru Ban

Ich mag diese Holzmegalomanie irgendwie. Ich würds wirklich gerne mal in echt sehen. Die Fotos desse Inneren haben etwas entsetzlich beklemmendes. Ich weiß nicht, ob ich jeden Tag in diesen Höllenschlund laufen wollen würde, oder ob ich mich am dritten Tag wegbewerbe...

Kann man eigentlich durch den Lindwurm nach draußen schauen oder muss man dazu auf einen der schmalen Balkone, wo sich die Raucehr drängen? Es gibt doch noch Raucher in der Schwiiz?

3

boris | 17.10.2019 16:54 Uhr

Leistungsschau der Holzindustrie

Wie war das nochmal?

Form follows function? Less ist more? Architektur ist das kunstvolle, korrekte und großartige Spiel der unter dem Licht versammelten Baukörper?

Usw.

2

lollo | 17.10.2019 16:37 Uhr

in 3 Teufels Namen

ob das denn Arbeit ist? - Schaut eher aus wie ein ewiges besprechen, okay: auch kein Vergnügen, aber wird sicherlich gut bezahlt...

1

peter | 17.10.2019 15:32 Uhr

gott sei dank

muss ich da nicht arbeiten.

 
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Der Neubau schlängelt sich am Flüsschen Schüss entlang.

Der Neubau schlängelt sich am Flüsschen Schüss entlang.

Über die Nicolas-G.-Hayek-Straße hinweg verbindet Ban die beiden Neubauten: links das Ausstellungsgebäude Cite du temps, rechts die Firmenzentrale.

Über die Nicolas-G.-Hayek-Straße hinweg verbindet Ban die beiden Neubauten: links das Ausstellungsgebäude Cite du temps, rechts die Firmenzentrale.

Im dritten Geschoss führt eine schmale Brücke von einem zum anderen Gebäude.

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Im Tunnel. Oder im Magen der Schlange? Offene Bürolandschaften im Inneren.

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