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20.11.2019

Buchtipp: Erfreulich komplex

Schinkel oder Die Ökonomie des Ästhetischen


Die Berufung des SPD-Politikers Florian Pronold zum Gründungsdirektor der Stiftung Bauakademie in Berlin hat in den letzten Tagen für reichlich Wirbel gesorgt. „So viel Schinkel wie möglich!“, scheint in der Rekonstruktionsfrage das Motto zu sein. Genau der richtige Moment, um den Essay von Reinhart Strecke über die politische Seite des Baubeamten Schinkel zu lesen.

Den Kunsthistoriker Reinhart Strecke als ausgewiesenen Schinkel-Fachmann zu bezeichnen wäre eine Untertreibung. Als Archivdirektor am Geheimen Staatsarchiv des Preußischen Kulturbesitzes in Berlin betreute und durchforschte er zwanzig Jahre lang Schinkels Akten. Es dürfte Wenige geben, die seinem Detailwissen das Wasser reichen können. Auch hat Strecke schon mehrfach zu Karl Friedrich Schinkel publiziert, die meisten Bücher sind – wie etwa Schinkels Akten von 2010 – gut über 400 Seiten dicke Wälzer.

Da ist es grundsätzlich erfreulich, dass er mit Schinkel oder Die Ökonomie des Ästhetischen nun einen knapp 100 Seiten langen – also vergleichsweisen kurzen – Essay vorlegt, der sich als ebenso lesbar wie unbedingt lesenswert erweist. Denn in seinen sieben Kapiteln präsentiert Strecke eine Seite von Schinkel, die sonst eher ungern und eher in Nebensätzen beleuchtet wird: Schinkel als preußischer Beamter und Leiter der Oberbaudeputation.

Das bedeutet zum Glück nicht, dass über den 100 Seiten der graue Schleier öder Verwaltungsvorschriften hängt. Nein, Strecke gelingt es, mit leichter Feder und einem nahezu bodenlosen Hintergrundswissen, Schinkel als Bestandteil seiner Zeit zu skizzieren: Als emsigen und leidenschaftlichen, sicher auch herausragend talentierten und breit gebildeten Überzeugungstäter, der seine Vorstellungen einer neuen Architektur mit Blick nach Italien und England jedoch niemals alleine hätte umsetzen können, sondern nur mit vielen Verbündeten und hartnäckigem Verhandlungsgeschick.

Besonders schön zu lesen ist beispielsweise, wie Strecke den jahrelangen Mühen Schinkels um einen Neubau für die Königliche Bibliothek als Teil des Berliner Zentrums folgt. Dies leider letztlich vergeblich, da er mit allen seinen mehrfach veränderten Vorschlägen am wiederholten Veto mehrerer königlicher Familienmitglieder scheitert. Ein überzeugender Entwurf alleine bedeutete für Schinkel eben keinen Freifahrtschein fürs Bauen, das Entwerfen war auch damals immer nur ein Teil der Aufgabe eines Architekten. Interessant liest sich auch, wie Strecke auf das gewachsene Selbstbewusstsein des Reformbeamtentums hinweist und gleichzeitig dessen Frustration darlegt, mit aller rationalen Argumentationsfülle letztlich doch an der königlichen Entscheidungsgewalt abzuprallen.

Nicht ganz so akribisch, aber immer noch äußerst kontextreich führt Strecke durch weitere Projekte wie die Gewerbeakademie, das geplante Kaufhaus unter den Linden und die viel diskutierte Bauakademie. Ihm gelingt eine Umkehrung der so oft standardisierten Erzählweise: Statt die Geschichte anhand der realisierten Gebäude zu erzählen, formt sich bei Strecke die Geschichte aus dem Denken und Diskutieren über die Projekte. Die tatsächlich gebauten Endversionen sind hier nur Teil eines sehr viel ausführlicheren Prozesses. Das ergibt ein erfreulich komplexes Bild der Stadtbaugeschichte, in dem eben nicht nur ästhetische und architektonische, sondern vor allem technische, wirtschaftliche, bau- und gesellschaftspolitische Fragen gestellt werden. Wer sich zur Zeit mit der Bauakademie und den Fragen zu deren Wiederaufbau beschäftigt, sollte dieses Buch kennen.

Text: Florian Heilmeyer

Schinkel oder Die Ökonomie des Ästhetischen
Reinhart Strecke
112 Seiten
Lukas Verlag, Berlin 2017
ISBN 978-3-86732-295-9
20 Euro


Zum Thema:

Wer mehr über Florian Pronolds Ideen für die Bauakademie erfahren möchte, sollte sich Marietta Schwarz’ Interview mit dem zukünftigen Gründungsdirektor auf Deutschlandfunk Kultur anören.


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