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07.04.2021

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Buchtipp: Arbeit an der Leerstelle

Reconstructions – Architecture and Blackness in America


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Es ist tragisch und bezeichnend, dass das Museum of Modern Art in New York, dessen Abteilung für Architektur und Design eigentlich weltweit richtungsweisend ist, bislang den afro-amerikanischen Architekt*innen im eigenen Land noch keine Ausstellung widmete. Auch in seiner ständigen Sammlung taucht die Arbeit von schwarzen Architekt*innen wie Paul Revere Williams, Vertner Woodson Tandy oder Amaza Lee Meredith nicht auf. Seit das MoMA 1929 seine Pforten öffnete, hat es nur zwei Werke von schwarzen Designer*innen erworben – und zwar erst nach 2016: ein Modell von Charles Harrison und eine Fotoserie von Amanda Williams.

Diese Leerstelle im öffentlichen Auftrag des Museums wollen der MoMA-Kurator Sean Anderson und die Architekturtheoretikerin Mabel O. Wilson (unter anderem Autorin des Essays „White by Design“) nun zumindest im Ansatz mit der von ihnen kuratierten Ausstellung Reconstructions: Architecture and Blackness in America füllen. Begleitend dazu erschien der gleichnamige Katalog. Die Schau zeigt Auftragsarbeiten von elf Architekt*innen der afrikanischen Diaspora – die dann vielleicht ja auch in die ständige Sammlung für Architektur und Design übernommen werden könnten. Die Publikation versammelt neben Beiträgen der elf Ausstellenden noch Essays von weiteren 16 Autor*innen, darunter der Architekturtheoretiker Charles Davis II und die Architektin Roberta Washington. Alle Beteiligten decken ein Übel in der US-amerikanischen Architektur auf, das 2020, im Jahr der Pandemie und der Polizeigewalt, nochmals besonders sichtbar wurde: Die Hautfarbe ihrer Bewohner*innen strukturiert Amerikas Städte und macht sie bis heute zu Orten der gebauten Ungleichheit. Angefangen vom historisch gewachsenen Mangel an Grundbesitz der Afroamerikaner*innen bis hin zu den wenigen schwarzen Architekt*innen, die bislang an der Gestaltung der Städte überhaupt teilhaben konnten. „Racial Capitalism“ ist hierzu das immer wieder auftauchende Stichwort.

„Reconstruction“ (deutsch: Wiederaufbau) ist dabei ein schillernder Begriff des Projekts. Seine Ambivalenz zieht sich auch durch die gesamte Lektüre des Katalogs. Als „Reconstruction“ bezeichnet man in den Vereinigten Staaten die zunächst optimistische Phase vom Ende des Sezessionskriegs im Jahr 1865 bis 1877, in der die Südstaaten mit einem neuen Rechtssystem ohne Sklaverei wiederaufgebaut werden sollten. Sie mündete jedoch alsbald in die Epoche der Jim-Crow-Gesetze, die der schwarzen Bevölkerung ihre erlangten Rechte nahm und sie nach Meinung einiger Historiker*innen in eine noch schlimmere Unrechtssituation warf als vor dem Sezessionskrieg: die der Segregation und staatlich geduldeten Gewalt bis hin zu den grausamen Lynchmorden. Zwischen solcher Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, Utopie und Dystopie des Begriffs „Reconstruction“ oszillieren denn auch die Text- und Bildbeiträge im Katalog: V.Mitch McEwen beschwört ein alternatives New Orleans herauf, in dem der gescheiterte Aufstand gegen die Sklavenhalter von 1811 erfolgreich gewesen wäre. Michelle Joan Wilkinson imaginiert sich in den Entwurf des Architects’ Renewal Committee in Harlem (kurz ARCH) von 1968, der für die 125. Straße in Manhattan ein Community Design für die schwarze Bevölkerung mit begrünten, freien öffentlichen Räumen vorsah – aber nie verwirklicht wurde.

„In der Wahl zwischen Moderne und Barbarei, Prosperität und Armut, Rechtschaffenheit und Grausamkeit, Demokratie und Totalitarismus entschieden sich die USA immer für beides gleichzeitig“, wird der Soziologe Matthew Desmons in einem Essay von Justin Garrett Moore zitiert. Und diese Schizophrenie der US-amerikanischen Gesellschaft manifestiert sich gemäß Katalog auch in der Architektur: in Neubauten wie der Interstate 10 in New Orleans, der das historisch schwarze Viertel Faubourg Tremé weichen musste, oder Abrissen wie denen der öffentlichen Schwimmbäder in Texas, die nach ihrer Öffnung für Schwarze in den 1950er Jahren stark vernachlässigt wurden. Doch mit dieser Erkenntnis wollen einige Beteiligte des MoMA-Projekts Reconstructions laut New York Times nicht abschließen. Zehn von ihnen schlossen sich nun zum Black Reconstruction Collective zusammen und wollen diese fehlgebaute Umwelt aktiv umgestalten. Sie drehen die Perspektive um und fragen: Wie kann Schwarzsein Amerika aufbauen?

Text: Sophie Jung

Reconstructions: Architecture and Blackness in America


Sean Anderson und Mabel O. Wilson (Hg.)
Texte von Emanuel Admassu, J. Yolande Daniels, Charles L. Davis II, Olalekan Jeyifous, Amanda Williams u.a.
Fotos von David Hartt

176 Seiten
The Museum of Modern Art, New York 2021
ISBN 978-1-63345-114-8
45 US-Dollar


Kommentare

13

auch ein | 12.04.2021 14:37 Uhr

architekt

@10 iaxa:

"rassismus als eine gesellschaftliche tatsache mit raumstrukturierenden konsequenzen". was ist DAS denn?? aber coole floskelei auf jeden fall mal!

@11 Stefan:
was hat ihre familie mit dem buchtip zu tun?

12

Peter Pan | 09.04.2021 13:49 Uhr

@ixamotto

Ich habe die Frage nicht rassistisch verstanden. Sondern so, dass es scheißegal ist welcher Ethnie, Religion oder Geschlecht die Person angehört die den Beruf ausübt. Sondern DAS was die Person wortwörtlich in die Welt setzt. Und dass dies scheinbar bis 2016 im MoMA keine Berücksichtigung fand ist beschämend.

11

Stefan Frischauf | 08.04.2021 22:18 Uhr

ein weiterer blinder Fleck

Da ein Teil meiner Familie aus den US kommt und "people of color" sind, mag ich den Ausdruck "blackness" viel lieber: er hat viel mehr Kraft. Der Blues, New Orleans Jazz u.v.m.: US-Kultur wäre ohne Blackness nichts. Als ich zuletzt 2019 in San Francisco bei Familie war, da waren die Leute unter den Obdachlosen auf der Straße, die wirklich eine offene Community bildeten "Afro-Amerikaner". Manche von ihnen wurden gute Freunde. Was in der Meldung ja auch kurz anklingt: Stadt- und Raumplanung, geschweige denn Grundbesitz oder andere Formen der Teilhabe sind durchweg weiße Domänen. Die Gruppen, die am härtesten da immer ausgeschlossen werden in "God's own country": das sind native und Afro-Americans. Und viele schätzen eben drum auch mehr, als Indianer ihres jeweiligen Stammes oder eben als Schwarze bezeichnet zu werden. So, wie es ja auch mal eine Hip-Hop-Combo mit dem Namen "Niggaz Wit Attitudes" gab. Insofern, @auch ein: Si tacuisses.

10

ixamotto | 08.04.2021 16:20 Uhr

@STPH

Es geht hier doch gar nicht um persönliche Fragen, genausowenig wie es in der publikation und der besprechung derselben um die frage geht, was ein schwarzer architekt anders macht als ein weißer. da geht es um rassismus als eine gesellschaftliche tatsache mit raumstrukturierenden konsequenzen. das ist erst mal auch nichts neues sondern common knowledge im us-amerikanischen kontext. aber das wird hier die ganze zeit übergangen. warum?, frage ich mich.

die frage, die sie so interessant finden (wenn denn 'auch ein architekt' sie tatsächlich als offene frage gestellt hätte), wird meines erachtens erst dann relevant, wenn die entsprechenden personengruppen darüber sprechen. dann wäre es nämlich erstens besser möglich um (rassistische, kulturalistische) essenzialisierungen herumzukommen. zweitens wäre es dann besser möglich, anzuerkennen, dass wir es bei rassismus eben mit einer historischen erfahrung und einer gesellschaftlichen wirklichkeit zu tun haben, die subjektivierend ist und deswegen sehr wohl unterschiede 'macht'. 'race' ist eben immer noch eine soziale kategorie, eingebettet in herrschaftsverhältnisse und mit allzu oft einschneidenden materiellen konsequenzen – ob man das als weisser mann nun wahrhaben möchte oder nicht, ist zwar leider nicht egal, spricht aber auch bände.

ich denke in dieser hinsicht könnte 'auch ein architekt' wirklich was dazulernen, wenn er sich das buch oder zumindest die besprechung des buches durchlesen würde. und bei ihnen, STPH: existiert da vielleicht auch ein wenig aufklärungsbedarf? wenn ich ihre seltsame frage nach dem "unterschiedliche(n) temperament" sehe, dann wird mir jedenfalls angst und bange.

9

ixamotto | 08.04.2021 15:49 Uhr

@Peter Pan

Was möchtest Sie sagen?

8

auch ein | 08.04.2021 15:26 Uhr

architekt

@6:
genau so sehe ich es: ein nigeranischr student (oder studentin) lernt dort sinnvollerweise etwas anderes (vielleicht nicht wie man glashochhäuser für shenzen baut) als ein deutscher.
deswegen macht es auch nicht unbedingt sinn dass ein deutscher architekt in nigeria auf dem dorf mit WDVS ein haus verkleidet.

aber hautfarbe , rasse oder geschlecht ist hier völlig wurst.

@7: was soll denn auch passiert sein bzw nicht?

7

Peter Pan | 08.04.2021 13:57 Uhr

nix

@2&3:
Nix, macht ein schwarzer Architekt anders als ein weißer. Genau deswegen ist es so beschämend, dass da bis jetzt noch nichts passiert ist... Herr Gott, lass...

6

STPH | 08.04.2021 13:42 Uhr

@ auch ein .. Interessante Fragestellung.


Was machen etwa Frauen auch anders als Männer. Hier gibt es inzwischen schon mehr Entwicklung mehr Studentinnen. Was lernen etwa nigerianische Studenten anderes als wir? Gibt es Unterschiede wie etwa in der Musik? Wo bleibt überhaupt das unterschiedliche Temperament?

Oder strebt alles nur in den einen großen Strom?

...auch um das ganze mal wieder flott zu kriegen und hier nicht im persönlichen zu versacken. Vielleicht ist das auch die Lösung bei –blackness-, die gemeinsamen Fragestellungen, sonst bleibt s bei unfruchtbaren Vorwürfen, bloßer Negation.

5

ixamotto | 08.04.2021 12:42 Uhr

@auch ein architekt

wie armselig.

4

auch ein | 08.04.2021 09:57 Uhr

architekt

@3: nach solchen kommentaren stelle ich die frage erneut!

3

ixamotto | 07.04.2021 18:36 Uhr

@auch ein architekt

Sie haben sich nicht mal die Mühe gemacht, den Beitrag auch nur zu überfliegen. Ist das Ignoranz oder Rassismus?

2

ixamotto | 07.04.2021 18:31 Uhr

@auch ein architekt

was für ein einfältiger kommentar.
von ihnen ist man ja viel gewohnt, aber sie schaffen es immer wieder ihr eigenen niveau zu unterbieten.

1

auch ein | 07.04.2021 15:49 Uhr

architekt

erklär mir mal bitte was ein schwarzer architekt anders macht als ein weisser.

oder ein katholischer anders als ein jüdischer.

so ein käse

 
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