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19.02.2018

Buchtipp: Alltag Ost-Moderne

Raster Beton. Vom Leben in Großwohnsiedlungen zwischen Kunst und Platte. Leipzig-Grünau im internationalen Vergleich


Leipzig-Grünau ist eine der größten Plattenbausiedlungen der ehemaligen DDR – und nach schwierigen Jahren der Schrumpfung und Abwanderung längst wieder am wachsen! Heute leben mehr als 43.000 Einwohner in der Großwohnsiedlung in WBS 70-Bauweise, die von vielen immer noch als Problemviertel wahrgenommen wird, das nicht wirklich zu Leipzig gehört.

Um zu zeigen, dass die Aneignung des gerasterten Lebensraums längst stattgefunden hat und eine Nachbarschaft mit eigener Identität existiert, fand 2016 das Festival Raster Beton statt. Im September letzten Jahres erschien dazu eine Publikation. Um das Festival selbst geht es allerdings erst im letzten Abschnitt des Buches. Auf den 120 Seiten davor haben die Herausgeberinnen Juliane Richter, Tanja Scheffler und Hannah Sieben eine Art erweiterte Materialsammlung zum Thema Großwohnsiedlung in der DDR und in der ganzen Welt zusammengetragen.

Der Architekt Wolfgang Kil erklärt die Grundannahmen des Buches: „Die Normalisierung der Planwelten der Moderne ist die nächste kulturelle Herausforderung, und zwar von Le Havre bis Wladiwostok“. Großwohnsiedlungen brauchen Zeit. Bäume und Nachbarschaften müssen wachsen. Die schwere Imagekrise – Kil zieht hier Parallelen zur Entwicklung von Gründerzeitvierteln – ist Teil des Prozesses, in dem aus dem künstlichen, wirtschaftlich gedachten Masterplan ein atmosphärisches Stadtmilieu wird. „Hausbesetzer, Start-Ups, Kreative mit Mut zum praktischen Lebensexperiment“ sind laut Kil die unverzichtbaren Akteure, die die Phase der Entwertung als „heimlichen Schlüssel zur Normalisierung“ nutzen – wenn man sie lässt.

Das Buch ist ein Plädoyer für informelles Engagement. Im Gegensatz zur Kahlschlagsanierung von oben ist diese Praxis nachhaltig, weil sie Ressourcen schont und bereits gewachsene Sozialstrukturen erhält. Bisher unpubliziert Bilder aus den Achtzigerjahren des Leipziger Fotografen Harald Kirschner und Texte verschiedener Autoren zeigen, wie das nachbarschaftliche Alltagsleben in Grünau gewachsen ist. Die spezifische Geschichte dieser einen Siedlung zeigt symbolisch, dass eine positive Identifikation mit der „Platte“ möglich ist.

Warum diese nicht öfter gelingt, illustriert das Fallbeispiel der Bremer Siedlung Hohe Düne. Betroffen von der Pleite der Neuen Heimat ging die Immobilienmasse in den Achtzigerjahren in das BauBeCon-Portfolie über und wechselte seither unter bemerkenswerter Preissteigerung mehrfach den Besitzer. Infolge mangelnder Instandhaltungsmaßnahmen durch die Eigentümer verlor die Siedlung für die Bewohner an Attraktivität – da hilft auch das Engegement von Bund und Land im Förderprogramm „Soziale Stadt“ nicht viel. Wohungsbau dieser Art sei bei der öffentlichen Hand oder gemeinnützigen Unternehmen „einfach besser aufgehoben“, schließen die Autoren aus dieser beispielhaften Episode.

Obwohl die thematische Bandbreite der Texte bis nach Frankreich, Polen und China reicht, beschränkt sich das Buch im Wesentlichen auf die beobachtende Zusammenstellung der wichtigsten Themen rund um die Großwohnsiedlung. Eine Einordnung in weltpolitische und -wirtschaftliche Zusammenhänge wird man hier nicht finden. Dieser Verzicht auf eine übergeordnete Deutung macht das Buch als Gegenentwurf zum Masterplan authentisch. Ob die Wohnfunktion heute nur noch ein „Nebeneffekt“ der Kapitalanlage „Immobilie“ ist, wie Reinier de Graaf im Zusammenhang mit seinem Buch „Four walls and a Roof“ behauptet, können sich die Leser anhand der gebotenen Materialien in „Raster Beton“ selbst erschließen – und danach selbst entscheiden, wie sie sich angesichts der „kulturellen Herausforderung“ der „Normalisierung der Moderne“ positionieren wollen.

Text: Dina Dorothea Falbe

Raster Beton. Vom Leben in Großwohnsiedlungen zwischen Kunst und Platte. Leipzig-Grünau im internationalen Vergleich
Juliane Richter, Tanja Scheffler, Hannah Sieben (Hg.)
M Books, Weimar 2017
148 Seiten, 99 Abbildungen
ISBN 978-3-944425-06-1
28 Euro


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Die Gestaltung des Buches lag in den Händen von Bureau David Voss.

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