Würdevoll Rauchen bei Eshtehard
Produktionsstätte in Iran von Davood Boroojeni Office
Hierzulande veröffentlichte Architekturprojekte aus Iran stehen meist in kulturellen Zentren wie Teheran oder Isfahan – da bildet BauNetz keine Ausnahme. Allein deswegen ist dieses vielfach publizierte Projekt 30 Kilometer östlich der Kleinstadt Eshtehard bemerkenswert: Inmitten einer von mehreren pragmatisch organisierten Gewerbesiedlungen realisierten Davood Boroojeni Office (Teheran) ein Industriegebäude von hohem gestalterischen Anspruch. Dass der Entwurf die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Arbeiterschaft in den Mittelpunkt stellt, ist die eigentliche Sensation – und lässt sich kaum anders denn als subtile Form des Protests gegen das autoritäre Regime der Islamischen Republik lesen.
Drei Jahre zuvor hatten Boroojeni und Team in Karadsch den Firmensitz für denselben Auftraggeber, einen Hersteller von Polymeren, realisiert. Die Revision dieser Fabrik zeigte eine Architektur im Gebrauch: Die Wegeführung hatte sich subtil verändert, es hatten sich informelle Treffpunkte gebildet und bisher vernachlässigte Räume im Arbeitsalltag neue Funktionen erhalten. Dieses Wissen bildete den Ausgangspunkt für die Planung der Produktionsabteilung. Neben den benötigten Lager- und Produktionsräumen wurden im Austausch mit den dort Beschäftigten Pausenbereiche, würdevoll und transparent gestaltete Raucherräume und sogar ein Hühnerstall integriert.
Der Baukörper, dessen Grundriss ein Rechteck mit einem Parallelogramm verbindet, soll die im Inneren betriebene Polymeroptimierung nach außen spiegeln. Das porös wirkende Ziegelmauerwerk bildet einen Gegenentwurf zur hermetischen Industriearchitektur und dient zugleich der Verschattung im Wüstenklima. Weitere Fassaden sind mit unbehandelten Stahlblechen und Holzelementen verkleidet. Die Materialien wurden bewusst so gewählt, dass sie sich unter dem Einfluss von Nutzung und Witterung verändern und altern. „Error Form“ lautete der bürointerne Arbeitstitel des Projekts. Gemeint ist damit kein Konstruktionsfehler, sondern die Kluft zwischen architektonischem Anspruch und gelebter Realität – die hier als Möglichkeit zum Lernen begriffen wird. (kms)
- Fertigstellung:
- 2024
- Architektur:
- Davood Boroojeni Office
- Team:
- Davood Boroojeni, Iman Enayati, Paola Quarta, Ronak Roshan Gilvae, Alireza Elmieh, Amirmohamad Amel, Hadi Koohi Habibi
- Statik:
- Bardia Khafaf
- Elektrik:
- Amir Hasan Salamat
- Gebäudetechnik:
- Hamid Reza Nikzad, Abolfazl Jafari
- Bauherrschaft:
- Shamim Polymer
- Fläche:
- 2.200 m² Bruttogrundfläche



