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27.09.2019

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Schöner Discounter in Köln

Lidl von caspar. und meyerschmitzmorkramer


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Dass die Deutschen ihre Lebensmittel gerne günstig kaufen, ist bekannt. Aber 2018 stiegen die Umsätze der Supermärkte doppelt so viel wie die der Discounter. Die erkannten daran schnell, dass niedrige Preise allein nicht mehr ausreichen, um Kunden zu locken und zu binden. Ein Aspekt, der auch den günstigen oder/und täglichen Einkauf zum Einkaufserlebnis machen könnte, ist die Gestaltung der Filiale. Lidl-Märkte gibt es in 30 Ländern der Welt mit klassischem Satteldach oder seit 2015 auch mit Flachdach und vollverglaster Front. Im Sommer 2019 eröffnete in Buchforst im Kölner Stadtbezirk Mülheim eine von dem Kölner Büro caspar. geplante Filiale. Ihr Gebäude stammt nicht aus diesen Baukästen und gibt sich mit der leicht gestalteten Hülle aus dunkelrotem Ziegel auf den ersten Blick auch nicht als das zu erkennen gibt, was sie ist. Für den Discounter ist der Verzicht auf die gebaute Corporate Identity vielleicht ein wenig schmerzhaft, doch der Weg über besseres Aussehen zu einem besseren Image ist in diesem Fall sicherlich ein kurzer.

Großzügig

Die Nachbarschaft in Buchforst ist geprägt von einfachem vier- bis sechsgeschossigem Geschosswohnungsbau in Reihen und Zeilen, gestalterisch und konzeptionell herausragend sind der Blaue Hof und die Weiße Stadt mit denen Riphan und Grod Ende der 1920er Jahre neue Maßstäbe im Siedlungsbau setzen. Auch die direkt an das Lidl-Grundstück (Ecke Karlsruher Straße / Kalk-Mülheimer Straße) angrenzende backsteinerne Reihe Wohnhäuser steht unter Denkmalschutz. Sie diente mit ihrer Materialität als Referenz für den Lidl-Bau.
2015 gewann das Büro meyerschmitzmorkramer (damals Köln und Frankfurt) einen Einladungswettbewerb zum Neubau der Lidl-Filiale in Buchforst. In der Auslobung war der Wunsch der Stadt Köln formuliert, „eine architektonische Lösung zur qualitätsvollen Gestaltung des neuen Lidl‐Standortes“ zu finden.



Was beim Planen und Bauen gesetzt sein sollte, musste in diesem Fall also ausdrücklich gewünscht werden. „Einen schönen Lidl zu bauen, kann eine größere Herausforderung sein, als ein gutes Museum“, stellte Caspar Schmitz-Morkramer fest, dessen Büro caspar. das Projekt nach dem Gewinn des Wettbewerbs ausgeführt hat. Mit diesem Vergleich spielte er auf die unterschiedlichen wirtschaftlichen wie zeitlichen Rahmenbedingungen zwischen Funktions- und Kulturbau an. In diesem Fall ging es aber nicht nur darum, schnell und günstig zu sein, sondern den Typus „Discounter“ in einer Weise neu zu denken, dass er (über die Versorgung mit günstigen Lebensmitteln hinaus) auch etwas für seine Nachbarschaft tut.



Früher nutzte ein Gebrauchtwagenhändler das Eckgrundstück, hinter dem sich ein begrünter Hügel der Kalker Alpen erhebt. Der caspar.-Lidl nimmt mit doppelter Geschosshöhe und flachem Dach die Flucht der traufständigen Wohnhäuser an der Kalk-Mülheimer Straße auf. Der schmale Kopf entwickelt sich mit einem zurückversetzten Anbau in die Tiefe. Der Parkplatz und die Anlieferung werden davon abgewandt über die Karlsruher Straße angefahren. Der Eingang in den Markt liegt an der freien Gebäudeecke, ein mit Bänken und Laternen gestalteten Vorplatz wird zum Vermittler zwischen Privatem und Öffentlichem, denn Sitzen und Bleiben darf hier jeder. Caspar Schmitz-Morkramer spricht von Stadtreparatur - vorbildlich ist es in jedem Fall, wenn ein Konzern auch Verantwortung für den öffentlichen Raum übernimmt, auch wenn es sich nur um ein kleines Stückchen Stadt an einer vielbefahrenen Kreuzung handelt.

Aufgeräumt

Ob der Wunsch nach einer qualitätvollen Gestaltung erfüllt wurde, lässt sich aber nicht nur an der Kubatur, sondern insbesondere an den Fassaden überprüfen. Caspar. entwarf eine zweischalige Hülle aus Backstein, die Kultur signalisiert, nicht Konsum. Die äußere Ebene ist übereck ganz geöffnet, gibt den Blick auf die vollverglaste Eingangsecke frei. Seitlich davon wird sie in schlanke Stützen aufgelöst, der Zwischenraum wird zur Arkade, die auch die Einkaufswagenschlagen und Fahrräder schluckt und damit zu einem aufgeräumten Gesamteindruck beiträgt. Erkennt man die Discounter gewöhnlich schon von Ferne, braucht es hier einen zweiten Blick, denn auch das markante Logo mit dem gelben Kreis im blauen Quadrat wurde nicht in der äußeren Ebene, sondern nach innen versetzt auf die Glasflächen montiert. Immer noch gut sichtbar, aber nicht marktschreierisch. Der Verkaufsraum profitiert von der Gebäudehöhe, die Decke ist unverkleidet, so dass die weit spannenden Holzleimbinder sichtbar bleiben, die Beleuchtung wird abgependelt.
Markiert die Filiale in Buchforst nun die Wende in der Discounter-Architektur? Sehen alle Märkte bald aus wie Museen? Auch wenn Baukosten nicht veröffentlicht wurden, es ist offensichtlich, dass, wer mehr (Geld, Zeit, Gedanken) investiert, auch mehr Wert bekommt. Und die Städte tun gut daran, von derart omnipräsenten Unternehmen wie Lidl, deren Mutterkonzern Schwarz-Gruppe immerhin der größte Handelskonzern Europas ist, eben dieses Mehr zu fordern.

Text: Uta Winterhager
Fotos: HG Esch, Hennef


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Kommentare

14

a_C | 07.10.2019 16:49 Uhr

Besser als sonst, mit Luft nach oben!

Ja, das ist mal ausnahmsweise annehmbare Architektur im Bereich des hiesigen Einzelhandels. Kann mich dem Kommentar von #3 nur anschließen:

Noch ein paar Wohnungen obendrauf und den PArkplatz untendrunter, schon kommen wir WIRKLICH guter Architektur einen gewaltigen Schritt näher.

Dazu hat das Baunetz mit Meldung vom 04.05.2016 selber mal ein schönes Beispiel geliefert: In Kopenhagen haben Dorte Mandrup Arkitekter einen tollen Hybridbau aus Supermarkt + Sporthalle + Wohnen hergestellt. Wann sind Lidl & CO soweit, solche Beiträge fürs Flächensparen zu liefern? Und: Wann (endlich) fordern hiesige Kommungen sie endlich ein, im Sinne ihrer Bevölkerung!?

13

Davide | 07.10.2019 13:41 Uhr

Großartig

Als ehemaliger Anwohner muss ich sagen: ich bin selten in Köln von Architektur so positiv überrascht worden.

Auch ich habe mich gewundert, dass auf Wohnungsbau verzichtet wurde, könnte mir das allerdings mit dem dahinterliegenden Hügel erklären, der eine ehemalige Deponie ist. Dadurch war Wohnungsbau evtl. nicht genehmigungsfähig.

12

H&K | 02.10.2019 12:26 Uhr

Köln und Kommentar

Diese Kommentarserie zeigt wieder einmal, dass der eigene Bewertungshorizont maximal für eine Fassadenidee ausreicht. Städtebaulich, funktional, konstruktiv bleibt hingegend gähnende Leere in den Köpfen.

11

Designer | 30.09.2019 23:53 Uhr

im Verhältnisse

Für dt. Verhältnisse sieht das Teil richtig schick aus. Und ein bravo an den Bauherren diesmal doch etwas mehr Geld auszugeben - für einen schönen Billigmarkt.

Wenn man mal ein wenig über die Grenzen des Landes hinaus schaut. Siehe da, es gibt noch viel schönere Gebäude mit Supermärkten drin.

Von einem extrem niedrigen Niveau kann man ja kaum noch absinken. Danke.

10

Marc Laugier | 30.09.2019 15:26 Uhr

Meinungsmache


Es handelt sich beim Ausbeutungsbeispiel keineswegs um eine Falschaussage oder Meinungsmache. Die von mir beschriebenen Arbeitsbedingungen wurden mir von einem Lidl-Filialleiter aus Baden-Wuerttemberg persoenlich bestaetigt.

Was die Architektur betrifft: Es handelt sich bei Architektur ja nicht nur um eine Ansammlung von Objeten sondern auch um eine Berufspraxis, der man durchaus ethische Standards abverlangen darf. Es ist eine ethische Frage fuer wen man arbeitet, und fuer wen nicht.

9

peter | 30.09.2019 14:20 Uhr

an nummer 7

einfach mal nach googlen und dann finden sie beiträge, die sich mit dem thema befassen. zb. der stern hat darüber geschrieben.

"Ein geschilderter Fall aus Tschechien ist besonders erschreckend. Mitarbeiterinnen wurde dort verboten, während der Arbeitszeit auf die Toilette zu gehen", berichtet der "stern": "Ausnahme: Weibliche Mitarbeiter, die gerade ihre Tage haben, dürfen demnach auch zwischendurch auf die Toilette gehen. Für dieses Privileg allerdings sollen sie - weithin sichtbar - ein Stirnband tragen.""

von wegen meinungsmache.

8

Max | 30.09.2019 13:30 Uhr

@STPH

Nein, die Scheiben sind dreigeteilt und so höchstens 2,5 m hoch.
Liebe Redaktion, wieso geht ein Kommentar hier durch, wenn dessen einziger Inhalt eine Falschaussage ist? Finde ich unnötig.

7

@Marc Laugier | 30.09.2019 12:54 Uhr

Abzeichen

Dass es bei Lidl einen Bespitzelungsskandal 2008 gab, ist bekannt und zu verurteilen. Für Ihre Behauptung aber fehlt der Beleg. Bitte das baunetz nicht für politische Meinungsmache benutzen, Danke.

6

STPH | 30.09.2019 10:59 Uhr

...

Lidl spendiert sich 8m hohe Scheiben und das Dessauer Bauhausmuseum nicht.

5

Marc Laugier | 29.09.2019 21:32 Uhr

post-revolutionaer


Ein gutes Beispiel fuer Post-revolutionaere Architektur. Nach der Revolution, in der natuerlich so gnadenlose Ausbeuter wie die Lidl-Betreiber entmachtet werden, kann ohne weiteres eine nette Stadtteil-Bibliothek einziehen.

Kurz zur Ausbeutung ein Beispiel: Es gab eine Zeit, in der bei Lidl beschaeftigte Frauen wahrend ihrer Periode ein Abzeichen tragen durften. Sie hatten damit die Erlaubnis waehrend der Schicht die Toilette aufzusuchen.

4

mies antroph | 29.09.2019 12:48 Uhr

Lidl lohnt sich

Ein solcher Beitrag zur Stärkung des örtlichen Kontextes kann gar nicht hoch genug bewertet werden. In Holland und Skandinavien und Österreich (M-Preis) wird schon seit Jahrzehnten mit solchen Bauaufgaben anders umgegangen - in der BRD leider immer noch die Ausnahme.

3

Oliver | 29.09.2019 12:35 Uhr

Gelungene Architektur

Gefällt mir sehr gut, einfach gelungene Architektur.

Schade nur das man nicht noch ein paar Wohnungen "oben" drauf gesattelt hat, finde es immer sehr Schade wenn ein "Grundstück" nur einen Gewerbeflachbau bekommt.

2

Lutz Borchers | 28.09.2019 16:59 Uhr

Lebensmittelübergabeweihestätte

Supermarkt aufbrezeln, schön und gut, aber warum so feierlich mit Pfeilerprozessionen?

1

Hotte | 28.09.2019 12:59 Uhr

Es gibt noch...

Es gibt noch Hoffnung für unsere Ausfallstrassen!
Lidl lohnt sich vielleicht doch noch.

 
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Das Lidl-Gebäude in Köln Buchforst gliedert sich in den räumlichen Kontext ein.

Das Lidl-Gebäude in Köln Buchforst gliedert sich in den räumlichen Kontext ein.

Ungewöhnlich: Platzgestaltung statt Parkplätzen vor dem Eingangsbereich.

Ungewöhnlich: Platzgestaltung statt Parkplätzen vor dem Eingangsbereich.

Die angrenzende denkmalgeschütze Bebauung diente als Materialreferenz.

Die angrenzende denkmalgeschütze Bebauung diente als Materialreferenz.

Blick aus der Nachbarschaft auf die Filiale.

Blick aus der Nachbarschaft auf die Filiale.

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