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30.06.2022

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Nur drei Scheunen?

Kunsthalle, Restaurant und Hotel in Unterammergau


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Mit zwei Jahren pandemiebedingter Verspätung haben im Mai in Oberammergau die Passionsspiele 2022 begonnen. Wer sich über das große Laienspiel der Dorfbewohner*innen hinaus auch für neue Architektur interessiert, der sollte noch einen Zwischenstopp im vier Kilometer entfernten Unterammergau einplanen. Denn dort sind seit dem 3. April drei sehenswerte Neubauten am Dorfrand endlich uneingeschränkt zugänglich. Die private Kunsthalle mit Hotel und Restaurant wurde zwar bereits 2019 fertiggestellt, doch Betrieb und Eröffnung hatten sich bislang – ebenfalls pandemiebedingt – gehörig verzögert.

Die Kunsthalle ist eine Initiative des Unterammergauer Unternehmers Christian Zott. Dieser ist durch seine Beraterfirma zu einem kleinen Vermögen gekommen, das er zum Teil in eine Kunstsammlung gesteckt hat. Ein unbebautes Grundstück mit der nötigen Größe fand er am nordöstlichen Dorfrand, wo ein gemütlicher Wanderweg beginnt, der an den Berghängen entlang in etwa 45 Minuten bis zum Passionsspieltheater in Oberammergau führt. Obwohl es außerhalb des Ortszusammenhangs liegt und direkt an ein Naturschutzgebiet grenzt, konnte Zott die Gemeinde von seinen Plänen überzeugen, sodass 2009 der Bebauungsplan geändert wurde. Dabei war es von Anfang an Zotts Absicht, neben einem Ausstellungsraum auch ein Hotel mit Konferenzräumen, einem Restaurant sowie einer kleinen Siedlung von freistehenden Ferienhäusern zu errichten.

Im Jahr 2010 beauftragte er Wild Bär Heule Architekten (Zürich) mit dem Entwurf von Kunsthalle, Restaurant und Hotel. Die Schweizer Architekt*innen verteilten die drei Nutzungen auf drei separate Gebäude, sodass ein „Ensemble analog einer Streusiedlung“ entstanden ist. Dadurch bleibt der Landschaftsfluss erhalten, und die Gebäude übernehmen die Körnung im Ort, heißt es in der Presseerklärung. Das größte der drei Gebäude ist die Kunsthalle, sie steht im Westen des Grundstücks mit Ausrichtung zum Dorf. Daneben folgt das Hotel mit zwölf Gästezimmern, dann das Restaurant mit Terrasse und Blick über das Naturschutzgebiet in Richtung Oberammergau. Durch ihre Größe und die Satteldächer erinnern die Bauten an ein Gehöft oder eine Ansammlung von landwirtschaftlichen Gebäuden.

Dazu trägt auch das anthrazitfarbene Holzfachwerk bei, das die Architekt*innen umlaufend um alle drei Gebäude gelegt haben. Ivar Heule beschreibt es als eine „neutralisierende Filterschicht“, mit der die unterschiedlichen Nutzungen hinter dem Stabwerk in ein „einheitliches Kleid“ gehüllt wurden. Das betone den Zusammenhang des Ensembles, nicht die Differenzen, die nur abends und nachts in den Vordergrund rückten, wenn die großen Glasfassaden an einigen Stellen hinter dem Stabwerk zu leuchten beginnen. Das Holzfachwerk und das 2,3 Meter auskragende Vordach haben die Planer*innen von alten Bauernhäusern in der Umgebung abgeleitet. Die Innenraumgestaltung wurde von Barbara Widmann übernommen, die Grünanlagen gestaltete Zott selbst.

Tatsächlich hat sich das Ensemble am Dorfrand seit seiner Fertigstellung recht unauffällig ins Panorama eingefügt. Und anders als bei vielen Projekten von vergleichbarer Größenordnung gab es hier auch keine nennenswerten Proteste gegen die Neubauten. So will Zott nun mit dem zweiten Teil seines Projekts beginnen, den 16 freistehenden Ferienhäusern auf etwa 8.000 Quadratmetern ehemaliger Wildwiese. Der Baubeginn wurde jedoch erstmal verschoben, da die Gäste während der Passionszeit nicht vom Baulärm gestört werden sollen. Der Entwurf stammt hier nicht mehr von Wild Bär Heule, da das Schweizer Büro ausgelastet war. Es vermittelte Zott stattdessen an MGF Architekten aus Stuttgart, 2023 soll es losgehen. Bis zur nächsten Passion dauert es ja noch ein bisschen – die steht im Zehn-Jahres-Rhythmus erst wieder für 2030 auf dem Programm. (fh)

Fotos: Maximilian Gottwald, Sabine Gistl, Jacqueline Krause-Burberg, Hans-Joachim Ellerbrock 


Kommentare

10

Monaco | 10.07.2022 11:16 Uhr

Flächenverbrauch

Die Staatsregierung musste zähneknirschend einräumen, dass sie ihr Ziel für den Flächenverbrauch (5 ha/Tag) nicht einhalten kann. Aktuelle Tendenz: steigend in Richtung 12 ha/Tag. Haupttreiber sind Gewerbegebiete, auch solche des Tourismus. Wertschöpfung geht vor Schöpfungswert. Da können die Häuser noch so hübsch sein, nützt alles nix.

9

Wer lesen kann | 06.07.2022 19:11 Uhr

@ markus

Letzter Absatz.

8

markus | 06.07.2022 12:09 Uhr

feriensiedlung

Kennst du das Projekt?

7

solong | 05.07.2022 10:52 Uhr

...schöne lösung...

...für eine solche bauaufgabe... ästhetisch ... zurückhaltende ... sauber durch dekliniert ... nur schade diese standard ferienhaussiedlung ... das ollte man noch mal überdenken ...

6

Lars K | 01.07.2022 10:07 Uhr

Lieber lutzinger

Ich kenne die Situation in Unterammergau nicht. Aber wenn es der Gemeinde sinnvoll erscheint, dann ist m.E. gegen eine Änderung des B-Plans überhaupt nichts einzuwenden, wenn der Gemeinde der Nutzen größer erscheint als der Schaden. Im Gegenteil. Das ist doch ein schöner Beweis für die Autonomie der Gemeinde, in ihrem gemeinschaftlichen Sinne entscheiden zu dürfen. Finden Sie nicht?

5

lutzinger | 01.07.2022 07:31 Uhr

Unterammergau

Die Gemeinde rollt dem reichsten (?) Sohn des Dorfs den roten Teppich aus und ändert flugs den B-Plan für dessen Hotel+Restaurant. Das kommentiere ich lieber nicht.

Aber architektonisch alles prima. Die Aufteilung der Masse auf drei wie zufällig verstreute Scheunen, das vereinheitlichende Holzkleid, verschiedene Ausblicke. Alles richtig gemacht. Der Wermutstropfen: Schade, dass es dann nicht auch im Innerne echte HOLZbauten sind. Grüße aus dem Norden!

4

GuckindieLuft | 30.06.2022 21:26 Uhr

So wie es ist,

ist es schön.
Die Ferienhäuser braucht es wahrlich nicht.
Zumal nicht von auswärtigen Planern. Die schwäbische Optimierungslust wird in der schönen Landschaft zum Grauen.

3

mies antroph | 30.06.2022 18:26 Uhr

Qualität in Unterammergau

man sieht, es muss nicht immer Oberammergau sein...

2

spacearc | 30.06.2022 16:28 Uhr

HolzHolzHolz


Holz ist lineares Leben und für Struktur wie gewachsen. Bis hin zu einzelnen Stäben als Baum. Gerade der Übergang von der abstrakten Raumstruktur zum lebendigen Stab ist eine sensible hypermoderne Sprache. Wieder mal der japanische Holzbau als Quelle. Ungestörter Stamm ist effektivster Holzgebrauch.

1

Kruzifix | 30.06.2022 15:52 Uhr

Wiese?

Ja wer will denn schon eine Naturwiese, wenn er eine Ferienhaussiedlung im EFH-Style haben kann mit echtem Rollrasen drumherum!

 
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