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06.02.2017

Rotterdams normaler Wahnsinn

Krill o.r.c.a. bauen für Obdachlose


Für Obdachlose und Psychiatrie-Patienten bauen Architekten selten. Und wenn sie sich mit diesen Personengruppen befassen, dann konzentrieren sie sich meist  auf die Bedürfnisse des Auftraggebers, der in der Regel eine Klinik oder der Träger eine Hilforganisation ist. Das Rotterdamer Büro Krill o.r.c.a. (Office for Resilient Cities and Architecture) verschiebt den Fokus. Es hat eine zentrale These für die eigene Arbeit formuliert: „Architektur erhält ihren Wert allein durch den Nutzen, den Menschen aus ihr ziehen, und dieser ändert sich fortwährend.“ Die Architektur des Büros entsteht meist im Bestand und ist genauso direkt, pragmatisch und unkonventionell wie die Nutzer: In einem partizipativen Entwurfsprozess entstand 2013 ein Wohnprojekt, das auffällig gewordenen Jugendlichen ein Zuhause gibt und gleichzeitig als Arbeitsraum für junge Künstler und Unternehmer dient, die so eine Vorbildrolle übernehmen.

Mit ihrem neuen Projekt schufen Krill o.r.c.a. im Stadtteil Charlois in Rotterdam ein Obdachlosenheim mit offener Beratungsstelle im Erdgeschoss. Die Architekten transformierten ein klassisches holländisches Wohnhaus, das sie selbst einige Jahre zuvor bereits zu einem Wohnheim für Psychiatrie-Patienten umgebaut hatten. Diese „Transformation einer früheren Transformation“ spielt mit der Gegensätzlichkeit der Anforderungen beider Nutzergruppen. Die ehemaligen Psychatrie-Patienten benötigten eine weitgehende Abschirmung vor den Einflüssen der Außenwelt. Die Architekten verlegten daher die Zugänge zu Wohnungen und Gemeinschaftsräumen an die Hofseite des Gebäudes. Die Straßenfassade des Erdgeschosses wurde verschlossen, so dass eine sehr zurückgezogene Wohnsituation entstand. Negativformen von den Haustüren und Fenstern des Bestandes wurden als Relief an die geschlossene Front angebracht.

Um die Hemmschwelle für den Eintritt in die Beratungsstelle für Obdachlose möglichst gering zu gestalten, sollte der Bürobereich im Erdgeschoss besonders offen und transparent sein. Anstatt die vorangegangene Intervention rückgängig zu machen, wurden in die Betonfassade neue Öffnungen hineingeschlagen. Die neuen Türen sind hölzerne Abbilder der betonierten Negativformen. Sitznischen im Inneren können weiter genutzt werden, und das neue Raumprogramm bildet sich durch eingezogene Glaswände ab. Während Besucher vorne Kaffeetrinken, wird der Hof wiederum zum Rückzugsort für die im Büro tätigen Berater.

Das Ergebnis dieser einfachen Transformation ist absolut unprätentiös. Der Nutzer steht im Vordergund. Auf die unterschiedlichen Bedürfnisse unterschiedlicher Nutzer wird gleichermaßen eingegangen. Ohne erhobenen Zeigefinger inszenieren die Architekten alltagstaugliche Raumsituationen und schreiben dabei die spezifische Geschichte eines Ortes fort. (dd)


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