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03.09.2021

Bronzenes Schatzhaus am Eifelwall

Historisches Archiv der Stadt Köln von Waechter + Waechter


Die Stadt erstarrte, als am 3. März 2009 das Historische Archiv der Stadt Köln in der Severinstraße einstürzte. Unter den Trümmern wurde das Gedächtnis der Stadt begraben. Zwei Menschen starben. Heute wird der Neubau von Waechter + Waechter Architekten eröffnet.

Von Uta Winterhager

Ursache für den Einsturz waren Fehler bei Tiefbauarbeiten für die Nord-Süd-Stadtbahn vor dem Gebäude. Auch heute noch klafft mitten in der Stadt das gewaltige Loch, das so lange Mahnmal seiner selbst bleibt, bis es einen würdigen Gedenkort gibt. Nach viereinhalb Jahren Bauzeit wird heute der Neubau für das Historische Archiv und das Rheinische Bildarchiv eröffnet. Er steht 1,5 Kilometer westlich des Altbaus am Rande des Grüngürtels, wo laut Speer'schem Masterplan ein Wissenschaftspark entstehen soll. Doch vorerst steht das geheimnisvoll dunkelbronzen schimmernde Schatzhaus noch etwas allein und entrückt am Saum der gründerzeitlichen Stadterweiterung.

Die Direktorin des Historischen Archivs Bettina Schmidt-Czaia propagierte schon lange vor dem Einsturz die Idee eines Bürgerarchivs – eines lebendigen Kulturortes, der nicht nur die Zeugnisse der Stadtgeschichte verwahrt, sondern auch eine Vermittlerrolle spielt. Der Bestandsbau 1971 bot mit seiner natürlichen Klimatisierung der Magazinräume ideale Bedingungen für die Archivalien und war unter dem Begriff „Kölner Modell“ Vorbild für zahlreiche Archivneubauten. Doch das Haus zeigte der Stadt mit seiner massiven Granitfassade und den schmalen Lichtschlitzen ein abweisendes Gesicht.

Kaum zwei Jahre nach dem Einsturz, als die geborgenen Archivalien noch im gefriergetrockneten Zustand in Asylarchiven in ganz Deutschland verwahrt wurden, lobte die Stadt Köln den Wettbewerb für ihr neues kulturelles Schatzhaus aus. In den Neubau sollten auch das Rheinische Bildarchiv mit seinen 5,5 Millionen Fotos sowie die Kunst- und Museumsbibliothek der Stadt Köln einziehen und damit aus ihrem Schattendasein befreit werden. Doch die Aufgabe barg einen großen Widerspruch: Gesucht wurde ein einladendes und offenes Haus, das gleichzeitig unzerstörbar ist, um Mensch und Materie größten Schutz zu bieten.

Die Wettbewerbssieger Waechter + Waechter Architekten (Darmstadt) versuchten sich nicht am Unmöglichen, sondern trennten die Funktionen und stellten zwei Baukörper nach dem Haus-im-Haus-Prinzip ineinander. So sitzt heute ein rund zwanzig Meter hoher, mit fein gewellter Baubronze komplett umschlossener Magazinkörper innerhalb der Mantelbebauung mit den Büros und Werkstätten. Dieser dreigeschossige Bauteil wirkt durch die fast durchgehenden Fensterflächen und die vertikale Lamellenstruktur der bronzenen Brise Soleil leicht und einladend. Eine große, solide Geste ist das.

Das Bürgerarchiv liegt in dem auf die belebte Luxemburger Straße ausgerichteten Gebäudekopf. Hier öffnet sich die streng getaktete Fassade und erlaubt nicht nur den Einblick in das Veranstaltungsfoyer und den Vortragssaal, sondern auch den Durchblick über den gärtnerisch gestalteten Lichthof auf die solide Bronzewand des Magazins. Eindeutig ist, was hier im Zentrum steht. Die Nutzer*innen werden über eine breite Treppe in den Lesesaal geführt. Weiß geölte Douglasie lässt Möbel und Ausbau eins werden. die Ordnung ist klar, der Raum offen und hell, Berührungsängste muss man hier nicht haben.

Rund 200 Mitarbeiter*innen arbeiten im neuen Archiv. Das sind deutlich mehr als zuvor, auch wegen der Restaurierung der geborgenen Archivalien, die noch Jahrzehnte dauern wird. Die Büros liegen in der dem zukünftigen Park zugewandten Flanke des Mantelbaus, die Werkstätten entlang des Eifelwalls. 126 Meter Länge sind enorm, doch auch hier sind die Fenster gewissermaßen Schaufenster, denn sie zeigen die praktische Arbeit des Archivs.

Das Energie- und Klimakonzept des hochkomplexen Gebäudes steht in der Tradition des „Kölner Modells“ und setzt auf passive Maßnahmen, um die Betriebskosten niedrig zu halten. Der zweischalige, hinterlüftete Fassadenaufbau des Magazins mit umlaufender Hüllflächenkühlung unter dem Bronzewellenkleid schirmt die Archivalien von den klimatischen Schwankungen der Außenwelt ab. Zu betreten sind die Magazine nur über Klimaschleusen. Auf ein Löschsystem konnte verzichtet werden, da die Räume beim Verlassen stromfrei sind. Für die technische Gesamtplanung und das Energiekonzept waren agn Niederberghaus & Partner (Ibbenbüren)zuständig.

Der Bau blieb weitgehend im Zeitplan und mit 90 Millionen Euro auch im Kostenrahmen, wofür unter anderem auch die Kölner Dependance von Heinle, Wischer und Partner sorgte, die die Leistungsphasen 6-9 betreute. Köln hat nun das modernste kommunale Archiv Europas und mit rund 65 Regalkilometern und 460 Planschränken auf 8.800 Quadratmetern Magazinfläche sicher auch eines der größten. Doch für die Stadt bedeutet das Haus weitaus mehr. Es ist eine Form der Wiedergutmachung, mit der die Stadtgeschichte nach einem sehr schmerzlichen Kapitel fortgeschrieben werden kann.

Fotos: Brigida González


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