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20.01.2021

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Buchtipp: Unfassbarer Netzwerker

Gabriel Guevrekian. The Elusive Modernist


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Selten hat ein Buch wohl einen treffsichereren Titel gefunden als Gabriel Guevrekian. The Elusive Modernist. Bevor Sie googeln: „Elusive“ kann einerseits „flüchtig“ oder „ausweichend“ bedeuten, es lässt sich aber auch mit „unglaublich“, „unfassbar“ oder „schwer zu definieren“ übersetzen. The Elusive Modernist ist insofern ein ebenso schillernder wie gerade dadurch passender Titel für das wundersame, vielfältige Leben und Schaffen des armenisch-iranischen Architekten, Musikers, Lehrers, Conférenciers und Vermittlers Gabriel Guevrekian (1900–1970), der das Werden der frühen Moderne entscheidend mitgeprägt hat.

Guevrekian stammte aus einer wohlhabenden armenischen Familie, die aufgrund der anti-armenischen Spannungen 1900 aus Istanbul flieht. Da ist Guevrekian acht Jahre alt. Er wächst in Teheran auf, bis seine Eltern ihn 1910 zum Onkel – dem Architekten Alex Galoustian – nach Wien schicken, wo er erst Geige und dann Architektur studiert. Guevrekian lernt und arbeitet bei Oskar Strnad und Josef Hoffmann und wächst so direkt in die Wiener Moderne hinein. 1922 geht er nach Paris und findet leicht Anschluss an die Avantgarde-Zirkel um Le Corbusier, André Lurçat und Robert Mallet-Stevens.

In Paris blüht Guevrekian als vielfältige Figur auf. Er entwirft Inneneinrichtungen und Möbel, Häuser und Gärten. Er arbeitet mit Henri Sauvage, dann vier Jahre mit Mallet-Stevens, für den er unter anderem einen kubistisch inspirierten, dreieckigen Garten für die ikonische Villa Noailles an der Côte d’Azur gestaltet – Guevrekians vielleicht bekanntestes Werk. In der frühen CIAM spielt er eine entscheidende Rolle als Vermittler und Organisator. Sicher kein Zufall, denn Guevrekian war vielleicht nicht der begnadetste Entwerfer, verfügte aber über hohe soziale Kompetenz und beste Umgangsformen. Bereits im Vorfeld des ersten CIAM-Kongresses 1928 korrespondierte er mit vielen Beteiligten und war wohl hauptverantwortlich für die engen Kontakte unter anderem zwischen den Parisern und Wienern.

Dass diese Verbindungen nicht bereits früher genauer untersucht wurden, ist bemerkenswert. Nicht nur, weil Guevrekian mit seiner elegant-exotischen Erscheinung und seinem glattrasierten Kopf auf den Gruppenfotos stets eine auffallende Figur ist, sondern vielmehr weil er offenbar im Mittelpunkt des Austausches steht. Guevrekian ist der Über- und Vermittler zwischen verschiedenen Positionen und Ländern, ein Bindeglied der frühen Moderne. Eine Rolle, die er in den kommenden Jahren noch ausbaut.

1932 lädt Josef Frank ihn ein, ein Doppelhaus in der Wiener Werkbundsiedlung zu errichten. Ein Jahr später beruft der Schah von Persien Guevrekian zum Stadtarchitekten von Teheran. Nun wird er zum wichtigsten Übermittler der frühen europäischen Moderne in Iran. Dennoch verlässt er Teheran bereits vier Jahre später, geht kurz nach London, dann 1940 wieder nach Paris. Er lehnt Arbeiten für das Vichy-Regime und für die Nationalsozialisten ab, bleibt aber dennoch während des Krieges in Paris. Außerdem lehrt er an der französischen Akademie in Saarbrücken, wo er vielen als begnadeter Dozent in Erinnerung bleibt. Nach dem Krieg empfehlen ihn alte Wiener Studienkollegen in die USA, wo er zuerst in Alabama und später in Illinois unterrichtet – über 20 Jahre lang und bis zu seiner Pensionierung. 1969 kehrt er mit seiner Frau an die Côte d’Azur zurück, nach Antibes, wo er 1970 stirbt, nur sechs Wochen nach dem Tod seiner Frau.

Das Buch The Elusive Modernist des iranischen Architekten und Autoren Hamed Khosravi ist zwar nicht das erste über Guevrekian, aber das umfassendste. Es widmet sich eben nicht nur dem Werk, sondern bettet dieses in Guevrekians Leben ein und versucht, mit vielen Fundstücken – Briefe, private Fotos, Publikationen, Texte und Akten – die Netzwerke nachzuzeichnen. So ist ein überaus kluges und empfehlenswertes Buch entstanden, das zum Glück nicht alleine von Guevrekians Entwürfen und Arbeiten handelt, sondern vielmehr einer schwer zu fassenden, ganz und gar unglaublichen Künstlerpersönlichkeit auf ihrem Lebensweg durch ein verwirrendes 20. Jahrhundert zwischen Orient und Okzident folgt.

Text: Florian Heilmeyer


Gabriel Guevrekian. The Elusive Modernist

Hamed Khosravi
384 Seiten
Englisch
Hatje Cantz, Berlin 2020
ISBN 978-3-7757-4433-1
48 Euro


Zum Thema:

Mehr dazu, wie die Moderne in den Iran kam, steht in der Baunetzwoche#529 „Moderne Architektur in Iran“ .


Kommentare

1

Stefan Frischauf | 20.01.2021 17:58 Uhr

Cool

Der Begriff "Querdenker" ist ja wie so viele Begriffe heute gekapert. Der Mann scheint aber so ein verdammt unkonventionell zwischen den Stühlen stehender und selten wirklich sitzender Mensch gewesen zu sein. Stark. Danke, Florian Heilmeyer/ Baunetz.

 
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Gabriel Guevrekian, Entwurf für einen Garten („The Garden of Water and Light“) auf der Internationalen Ausstellung der dekorativen Künste in Paris, 1925

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Auffällige Erscheinung mit glatt rasiertem Kopf: Gabriel Guevrekian im Jahr 1933, fotografiert von Dora Maar

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Guevrekian war ein ernsthafter Entwerfer und gleichzeitig auch ein charmanter Gesellschafter und gern gesehener Gast, hier bei einer Kostümparty in Paris 1928: Guevrekian ganz links, Le Corbusier (mitte, hinter der Trommel), Pierre Jeanneret ganz rechts

Guevrekian war ein ernsthafter Entwerfer und gleichzeitig auch ein charmanter Gesellschafter und gern gesehener Gast, hier bei einer Kostümparty in Paris 1928: Guevrekian ganz links, Le Corbusier (mitte, hinter der Trommel), Pierre Jeanneret ganz rechts

In einem seiner vielen Leben war Guevrekian Dozent für Architektur und Kunst, hier in Saarbrücken im Jahr 1947

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