RSS NEWSLETTER

https://www.baunetz.de/meldungen/Meldungen-Extravaganz_und_Understatement_im_europaeischen_Villenbau_der_1920er_und_30er_Jahre_8012625.html

24.08.2022

Buchtipp: Der Eingang der Moderne

Extravaganz und Understatement im europäischen Villenbau der 1920er und 30er Jahre


Bis heute zeigt Le Corbusiers Maison Dom-Ino die Möglichkeiten, die mit der Abkehr von der tragenden Außenwand einhergingen, in unerreichter Deutlichkeit auf. Indem die Geschosse durch Stützen gestemmt werden, müssen Fenster und Türen nicht auf kleine Öffnungen beschränkt bleiben. Damit stellt sich allerdings die Frage, wie der Übergang zwischen innen und außen gestaltet wird. Viviane Taubert vertritt die These, dass die Ausbildung eines gesonderten Eingangsbereichs keineswegs notwendiges Merkmal eines Wohnhauses sei, „wohl aber einer Sozialstruktur, die in diesem Haus gelebt wird“. Folglich untersucht sie in ihrem Buch Der Eingang der Moderne. Extravaganz und Understatement im europäischen Villenbau der 1920er und 30er Jahre anhand von zehn europäischen Wohnhäusern, auf welche Weise und unter welchen Prämissen diese Zone in jenen Jahren architektonisch definiert wurde.

Nicht zu übersehen ist, dass die Veröffentlichung auf eine kunsthistorische Dissertation zurückgeht. Gewissenhaft reflektiert die Autorin ihre phänomenologische Vorgehensweise und macht deutlich, dass sich jeder der von ihr beschriebenen Eingänge für die unterschiedlichen Nutzer*innen ganz verschieden ausgenommen haben müsse. Zwangsläufig mute das Entrée für die Bewohnerschaft, die mehrmals durch die Tür tritt, ganz anders an als für die privaten und geschäftlichen Gäste oder das Personal. Zudem gelte es, neben den menschlichen Akteur*innen auch das Auto zu berücksichtigen, dem in der Zwischenkriegszeit bei der Gestaltung des Eingangs eine besondere Bedeutung zugekommen sei. Dabei bezeugten das gekurvte Erdgeschoss der Villa Savoye oder die Vorfahrt des von Mies van der Rohe entworfenen Hauses Esters in Krefeld die „Verbindung von Notwendigkeiten, Repräsentation und Praktikabilität“.

Dass sich Taubert nicht nur den hinlänglich bekannten Projekten der üblichen Verdächtigen widmet, macht den besonderen Reiz ihrer Arbeit aus. Unter den exklusiven Residenzen, die die Autorin untersucht, findet sich etwa auch das dreiflügelige Haus High and Over, das 1929–31 nach Plänen von Amyas Connell im englischen Amersham errichtet wurde. Wer das Haus durch den Haupteingang betritt, gelangt jenseits des Vestibüls in eine hexagonale Eingangshalle, in deren Boden ein Springbrunnen eingelassen ist. Nicht minder spektakulär nimmt sich die zeitgleich im flämischen Rhode-St-Genèse entstandene Fabrikantenvilla Dirickz aus. Über breite Stufen gelangen Bewohner*innen wie Besucher*innen des von Marcel Leborgne geplanten Hauses in eine weitläufige Wohnhalle, die über drei Geschosse reicht und – mit vergoldeten Säulen ebenso wie mit einem Wasserbassin versehen – eher an postmoderne Bauten denn an den Internationalen Stil denken lässt.

Da Taubert auch Wohnhäuser behandelt, die in der deutschsprachigen Auseinandersetzung kaum Berücksichtigung finden, eröffnet sie nicht nur den Zugang zu einer europäischen Moderne, die bis heute im Schatten der großen Meister und ihrer Lehrbuchbeispiele steht. In der Konzentration auf die Eingangsbereiche gelingt es der Autorin auch, die Besonderheiten dieser Wohnhäuser herauszustellen und somit ein umfassenderes Bild der Architektur der Zwanziger- und Dreißigerjahre zu zeichnen.

Wenn Taubert die Reflexionen schildert, die das Bassin der Villa Dirickz in das Haus aussendet, wird deutlich, dass es eine völlig andere Wirkung entfaltet als das Waschbecken am Fuße der Rampe, die sich durch die Villa Savyoe windet. Widmet sie sich dem „Eingang als Ausgang“, erklärt sie, dass das Erreichen der Halle von High and Over, anders als in den meisten der zeitgleichen Projekte, keinen Endpunkt bedeute – durch die zentrale Lage des Eingangsbereichs „besteht bis zuletzt die Möglichkeit, doch noch zu bleiben“.

Text: Achim Reese

Der Eingang der Moderne. Extravaganz und Understatement im europäischen Villenbau der 1920er und 30er Jahre
Viviane Taubert
Gestaltung: Daniel Taubert
256 Seiten
Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2022
ISBN 978-3496016373
49 Euro


Kommentare:
Kommentar (1) lesen / Meldung kommentieren



Villa Cavrois, Robert Mallet-Stevens

Villa Cavrois, Robert Mallet-Stevens

Villa Cavrois, Robert Mallet-Stevens

Villa Cavrois, Robert Mallet-Stevens


Alle Meldungen

<

24.08.2022

Hirsche sichten in Den Haag

Powerhouse Company und DELVA planen Besucherzentrum

23.08.2022

Schulerweiterung mit Kindergarten

Ernst Niklaus Fausch Partner in Würenlingen

>
BauNetz Themenpaket
Zwölf mal freie Formen
BauNetz Wissen
Skelett in Farbe
Baunetz Architekten
ingenhoven associates
baunetz interior|design
Ein Haus bekommt Zuwachs
Campus Masters
Jetzt abstimmen!
vgwort