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12.08.2010

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Sehnsucht (sieben): Brigitte Schultz

Die BauNetz-Kolumne vor der Biennale


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Am 29. August 2010 öffnet die 12. Architekturbiennale in Venedig ihre Pforten. Das Thema des deutschen Beitrags lautet „Sehnsucht“, und wir nutzen die Gelegenheit, um jede Woche einen Autor über Sehnsucht und Architektur schreiben zu lassen – diese Woche berichtet Brigitte Schultz von der unerfüllbaren Natur der Sehnsucht:

Sehnsucht richtet sich immer in die entgegengesetzte Richtung. Wo immer wir sind, die Sehnsucht ist auf der anderen Seite. Architektur entsteht aus der Sehnsucht. Wir standen vor den Mietskasernen des 19. Jahrhunderts und sehnten uns nach Licht, Luft und Sonne. Wir standen vor den Siedlungen der Moderne und sehnten uns nach überschaubaren Räumen, hohen Decken und der Atmosphäre des Alten. Wir stehen vor Restauriertem, Wiederaufgebautem und Historisiertem und sehnen uns nach etwas Neuem, nach einem mutigen „Voran“. Obwohl wir wissen, wie dieses Pendel schwingt, entkommen wir ihm nicht. Unsere Sehnsüchte sind wie wir Kinder unserer Zeit. 

Des einen Sehnsucht ist des anderen Schreckbild. Die Sehnsucht der Bewohner nach Behaglichkeit lassen wir Architekten allenfalls beim Raumklima gelten. Die Sehnsucht der Architekten nach Klarheit gilt den Benutzern als Kälte. Die Sehnsucht nach Schönheit treibt zum Bauen an, doch das Ziel versteht jeder anders, es ist nicht messbar und wird schon allein deshalb selten erreicht.

„Die Sehnsucht ist dem Menschen oft lieber als die Erfüllung“, schrieb August Julius Langbehn schon 1890. Wir ändern uns nicht so sehr, wie wir gerne glauben würden. Wenn Architekten Sehnsüchte mit Wünschen verwechseln, die zu erfüllen sie antreten, zerstören sie ihre Natur. Wer baut, verliert? Die These: Architektur ist zu konkret für Sehnsüchte. Der „gebaute Traum“ kann nie mehr sein als ein Satzbaustein aus der Mottenkiste der Immobilienwerbung. Oder: Was immer wir bauen, die Sehnsucht wird bleiben.

Brigitte Schultz ist Architekturjournalistin, seit 2005 in der Redaktion der Bauwelt.


Zuvor haben in unserer „Kolumne der Sehnsucht“ bereits die Generalkommissare des deutschen Pavillons über die Sehnsucht als kreative Antriebskraft geschrieben, Bart Lootsma hat von den 1980er-Jahren und seinem Tattoo erzählt, bevor Wolfgang Bachmann über den Sinn des modernen, feuilletonistischen Cross-Sellings nachdachte, Benedikt Hotze von der retrospektiven und der prospektiven Sehnsucht schrieb und Arno Lederer von der Sehnsucht, die ihn auf Bausitzungen überkommt, berichtete. Die Kolumne läuft voraussichtlich noch bis zur Eröffnung der Architekturbiennale.


Zum Thema:

Download der BAUNETZWOCHE#178 „Sehnsucht”


Kommentare

2

alberto | 18.08.2010 17:19 Uhr

Sehnsucht und das böse Zitat

Liebe BS: es mag ja alles ganz schön und nett hergeleitet sein, aber muss der Zeuge nun wirklich und ausgerechnet Julius Langbehn sein. Er war erklärter Antisemit und Nationalist. Mit seinem Buch "Rembrandt als Erzieher" hat er eine ganze Bewegung der oben bezeichneten Art (Antisemiten, Nationalisten) bestärkt, die dann anschließend die halbe Welt an den Rand des Untergangs brachte. Er war einer der Blut- und Bodentheoretiker der Kunst. Z.B. Franz Andreas Meyers Hamburger Speicherstadt (Hannover'sche Schule) stellte er in den Kontext deutscher Weltherrschaft durch Kunst.
Ich schlage vor, den langbehn ersatzlos zu streichen, sonst kämen wir noch auf den Verdacht, dass Sehnsucht etwas Böses sei. Bitte!

Volker Roscher

1

BCH | 12.08.2010 16:25 Uhr

Kritischer Regionalismus

Sehnsucht: Ich sitze in der Redaktion und sehne mich in die Berge, ich stehe auf dem Wilden Kaiser und denke ans Büro.

 
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