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28.11.2019

Buchtipp: Bayern, München

100 Jahre Freistaat. Eine Raumverfälschung


Man muss die vielen Publikationen zum 100-jährigen Geburtstag des Freistaats Bayern, der im letzten Jahr gefeiert wurde, nicht kennen und wird trotzdem mit einiger Sicherheit sagen können: Bayern, München. 100 Jahre Freistaat. Eine Raumverfälschung dürfte zu den buntesten und pointiertesten Büchern zum Thema zählen. Zur Erinnerung: Bayern ist dieses penetrant erfolgreiche Bundesland Richtung Österreich, in dem seit Jahrzehnten eine mächtige Regionalpartei regiert, die es zugleich schafft, sich als ewige Stammtisch-Opposition zu gerieren. Nicht weniger gut gelingt es dort, Modernität und Traditionen zu verbinden und sich selbst weltweit als Marke alpenländischer Authentizität zu vermarkten. Ein Land voller Widersprüche und Absurditäten, denen sich die Herausgeber Stephan Trüby, Verena Hartbaum, University of Looking Good und c/o now und ihr Autorenteam widmen – natürlich mit dezidiertem Blick auf die Architektur- und Raumproduktion.

Das Buch verortet sich explizit vor dem historischen Spannungsfeld von sozialistischer Gründungs- und kapitalistischer Erfolgsgeschichte, de facto stehen die Jahrzehnte nach 1945 im Zentrum des Interesses. Insbesondere mit dem schönen titelgebenden Schlagwort der „Raumverfälschung“ schließen die Herausgeber*innen an die revolutionäre Geburtsstunde Bayerns an. Der kommunistische Anarchist und spätere Aktivist der Münchner Räterepublik Gustav Landauer prägte den Begriff 1903 in einer Auseinandersetzung mit Fritz Mauthners Sprachkritik. Leider bleibt die Aneignung des suggestiven Begriffs und seine Übertragung in das Feld der Architektur etwas kryptisch und unterbeleuchtet.

Interessant und unterhaltsam lesen sich die Beiträge des Buches trotzdem. Wobei „Lesen“ es nicht ganz trifft, denn in Bayern, München gibt es vor allem Großartiges zu sehen: historische Fundstücke, aktuelle Fotos, wilde studentische Collagen, eine lange Graphic Novel – viel Skurriles und Unbekanntes, das ein starkes, kritisches und politisch pointiertes Bild des Freistaats zu zeichnen vermag. Das beginnt gleich am Anfang: Eine schnoddrig durchfotografierte und etwas exotisierend erzählte „Bavarian Grand Tour“ bildet Auftakt und Rückgrat des Buches. Zwischen Dingolfing, Wunsiedel und Hilpoltstein wird gnadenlos klar, dass Bayern eben nicht nur pittoreske Alpenkulisse ist, sondern auch viel unansehnliches Flächenland.

Die eigentlichen Perlen des Buches sind die ausführlichen Essays. Unter anderem erzählt Martin Murrenhoff die Modernisierung des vermeintlich beschaulichen Münchens nach 1945 mit Blick auf die verborgenen unterirdischen Infrastrukturen der „tiefen Stadt“. Das Berliner Kollektiv c/o now setzt sich mit den Integrationsbemühungen der Sudetendeutschen nach dem Krieg auseinander. Verena Hartbaum schreibt über Carl Friedrich von Weizsäcker, Jürgen Habermas und das gescheiterte Projekt eines sozialwissenschaftlichen Forschungsprojekts in Starnberg.

Ein großes Problem des Buches muss hier freilich noch benannt werden: Es ist mit seinen 69 Euro leider viel zu teuer. Dass ein im besten Sinne unterhaltsames, intellektuelles Lesebuch repräsentativ in der Schriftenreihe eines akademischen Verlags erscheint, dürfte in erster Linie Publikationsstrategien geschuldet sein. Form und Inhalt des Buches – bei dem immer wieder eine gewisse Unbekümmertheit universitärer Entstehungszusammenhänge durchschlägt – wollen damit nicht recht korrespondieren. (gh)

Bayern, München. 100 Jahre Freistaat. Eine Raumverfälschung

Stephan Trüby, Verena Hartbaum, University of Looking Good, c/o now (Hg.)
484 Seiten
Wilhelm Fink, Paderborn 2019
ISBN 978-3-7705-6374-6
69 Euro


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