Grand siècle-grande échelle

oder der Traum vom "palais collectif"

Sibylle Schmitt / Universität Stuttgart
In den letzten Jahren beschäftigte mich die Frage nach Kontinuität in der Architekturgeschichte und die Suche nach Beständigkeit in unserem Schaffen. Als Architekten bewegen wir uns in einer jahrtausendalten Tradition aus deren Repertoire wir lernen dürfen und vielleicht auch müssen. Giorgio Grassi´s These „Architektur sei vor allem ein analytisches Feld“ ist in diesem Zusammenhang so zu verstehen, dass das Studium der Architekturgeschichte unabdingbar ist, um aus diesem Repertoire schöpfen zu können. Um reine Kopie geht es jedoch nie. Vielmehr um Anpassung an sich stetig wandelnde Gegebenheiten und Bedürfnisse. Transformation und Interpretation sind also unabdingbare Werkzeuge beim referenziellen Arbeiten.

In diesem Zusammenhang erregten Schnittstellen zwischen Stilen und Epochen aber auch zwischen Typologie und Programm meine Aufmerksamkeit. Charles Fourier´s erdachte Alternative zu gesellschaftlichem Leben, z.B. fand Ort und Haus in den Architekturen der „Phalanstères“, welche auf herrschaftliche und repräsentative Architekturen, wie den Schlossbauten des 17.Jhd. aufbauten. Wohntypologie für Wenige, Privilegierte wird hier zur Wohntypologie für Viele, Verschiedene.

Gleichzeitig sind diese Entwürfe oder Verwandte erste Beispiele für großmaßstäblichen Wohnungsbau in Frankreich. Schon frühere Ansätze wie auch die „Idealstadt Chaux“ von Claude-Nicolas Ledoux legten den Grundstein für eine französische Tradition des Großmaßstäblichen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts suchte die Moderne nach Lösungen zum verdichteten Wohnen. Aufbauend auf das menschliche Maß entwirft Le Corbusier später Wohnmaschinen, die im städtischen Rahmen jeden Maßstab übertreffen und wiederum als Vorbild dienten für die Großform im sozialen Wohnungsbau und Planungen der „villes nouvelles“, nicht nur rund um Paris.

Heute betrachtet man viele dieser Projekte als gescheitert. Liegt der Grund dieses Scheiterns jedoch tatsächlich an der Größe? Geht es um fehlende Identifikation und damit einhergehender Anonymität der Großstruktur? Wurden die Bedürfnisse der Bewohner zu funktional eingeschätzt? Geht es nicht auch um mehr, als um reine Generierung faktischen Wohnraums? Waren die realutopischen Projekte der 1970er Jahre und auch die Entwürfe der frühen Sozialutopisten vielleicht zu didaktisch gedacht? Scheitern diese Architekturen an ihrem Anspruch Gesellschaft zu erziehen?

Es scheint heute, im Zuge der nachverdichteten Stadt, der aktuellen Wohnungskrise wieder an der Zeit im Großmaßstäblichen und Kollektiven zu denken und sich diesen Fragen zu stellen. Kann man nun also durch Studium von Architekturen aus anderen Epochen, mit anderen Intentionen und Ideologie- in diesem Fall des „grand siècle“ des Spätbarocks in Frankreich Impulse und Ideen für zeitgenössisches Bauen ziehen?

„Grand siècle-grande échelle- oder der Traum vom Palais collectif“- ein Experiment also zum referenziellen Arbeiten, ein Experiment im großen Maßstab und vor allem ein spätbarockes, französisches Experiment.

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Facts

Hochschule:
Universität Stuttgart

Lehrstuhl:
Prof. Dipl-Ing. Markus Allmann, Institut für Raumkonzeptionen und Entwerfen, Prof. Dr. phil. habil. Klaus Jan Philipp, Institut für Architekturgeschichte

Präsentation:
23.10.2018

Abschluss:
Master

Rubrik:
Wohnbauten

Software:
Vectorworks, Rhino3D, Adobe Photoshop, Adobe Indesign

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