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Berlin-Mitte

Der 11. und letzte Botschaftsspaziergang
Von der Fischerinsel bis zum Alex


Der 11. und letzte Botschaftsspaziergang führt Sie mitten hinein ins Berliner Großstadtgewühl. Südlich der Fischerinsel und auch auf der Nordseite der Spree hat sich in den letzten Jahren ein neues diplomatisches Viertel herausgebildet. Hierher sind die Botschaften gezogen, die den direkten Kontakt zum Regierungssitz suchten und gleichzeitig in Berlins Mitte platziert sein wollten. Aber nicht an der repräsentativen und teuren Parademeile Unter den Linden, sondern im spannenden und schnelllebigen Teil des Stadtzentrums an der Spree.

Wenn Sie mit den Botschaften von Zypern und Australien beginnen, entdecken Sie gleich zwei außergewöhnliche Bauten des Berliner Industriebaus vom Anfang des letzten Jahrhunderts: Besonders bemerkenswert durch ihre Fassadenstrukturierung und -dekoration, die detaillierter nicht sein könnten.
Die Botschaft von Zypern - ursprünglich für einen Papierhändler geplant - besticht durch ihre vertikale Gliederung mit leicht hervortretenden Pilastern, die im oberen Geschoss in Doppelsäulen übergehen. Zwischen ihnen liegen die schwach konvex ausgestellten dreiteiligen Fenster, die durch ihre Aneinanderreihung der gesamten Fassade einen leicht gewellten Eindruck verleihen. (An den herzigen Familiengruppen rechts und links oberhalb des Eingangsportals können Sie sich aber auch kurz erfreuen.)

Auf der gegenüberliegenden Seite der Kreuzung befindet sich die Botschaft von Australien. Ursprünglich für die Bekleidungsindustrie geplant, verbirgt sich hier eines der ersten in Stahlskelettbauweise errichteten Gebäude von Berlin. Stadtbild prägend ist jedoch nicht die Art der Konstruktion sondern ihre Fassade, deren Majolikaverkleidung mit Bronzeplatten vor den Geschossdecken horizontal gegliedert wurde. Eine Schmuckfassade, die bei jedem Licht über andere Farbschattierungen zu verfügen scheint: So tritt die Botschaft auch bei regnerischem Berlinwetter nuanciert und eindrucksvoll in Erscheinung.

Der Wallstraße folgend, öffnet sich der Block direkt gegenüber dem Märkischen Museum zur Spree. Im Westen wird dieser kleine Park begleitet von dem Neubau der brasilianischen Botschaft. Eher etwas unspektakulär und mit den in der Bauflucht liegenden, unvermittelt auftretenden Stützen, besticht sie dennoch durch ihre schönen Lammellen und gut proportionierten Fenster. Auch im Kontrast zu den bauhistorisch bedeutenden Botschaftsgebäuden am Anfang dieses Spazierganges wirkt die Fassade frisch, freundlich und edel.

Ein kleiner Abstecher Richtung Süden führt Sie zur türkischen Vertretung, deren Haus erst kurz vor der Fertigstellung zur Botschaft umgewandelt wurde. Sie folgt einem in den 90er Jahren durchaus öfter gebauten Beispiel für leicht verspielte Bürogebäude mit zu wenig Charme.

An die Spree zurückgekehrt, empfängt Sie die Chinesische Botschaft in dem 1984-88 erbauten Plattenbau für den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund. Städtebauliches Paradebeispiel der Zeit, bildet sie einen - heute leider abgesperrten - Platz zur Spreebrücke und verfügt über den unumgänglichen, erhöhten Mittelteil und die wohlbekannten abgetreppten Volumen seitlich des Haupteinganges. Ihre krönende Ergänzung findet die Anlage in den Aluminiumfassadenplatten, nahtlos ausgeführt mit den passenden blau verspiegelten Fenstern.

Auf der anderen Spreeseite können Sie schon von hier aus die Niederländische Botschaft erahnen. Noch ein wenig von Bäumen verdeckt, ist sie aus dieser Richtung dennoch gut im Gesamtzusammenhang zu sehen. Eines der meist beachteten Gebäude von Berlin - wenn nicht sogar die Nummer Eins von 2004 - ist sie von keiner Zeitung unbeschrieben und von keinem Radiosender unbesprochen geblieben. Ob sie gefällt oder missfällt, ist sicherlich vom jeweiligen Betrachter abhängig. Bemerkenswert ist der Grundgedanke, das ganze Haus auf einem sich nach oben windenden Erschließungsschlauch ("Trajekt") aufzubauen. Diesem Gedanken alles unterzuordnen, heißt letztendlich auch, Nutzerinteressen dem architektonischen Konzept unterzuordnen. Dessen ungeachtet ist das Haus, angesichts der Fassade, der herausragenden Bereiche des "Trajektes" und der überaus einfallsreichen städtebaulichen Grundform, einfach staunend zu genießen.

Den krönenden Abschluss des 11. und letzten BauNetz-Spazierganges bildet - wie könnte es anders sein - die Landesvertretung von Berlin. Sie liegt nur einen Katzensprung von der Spree entfernt direkt am Alexanderplatz im Roten Rathaus.
Sie haben gar nicht gewusst, dass Berlin eine Vertretung in Berlin benötigt? Aber das rote Rathaus ist trotzdem immer wieder einen kleinen Umweg wert.

Damit endet die inoffizielle und ungeplante internationale Bauausstellung im BauNetz. Das eine oder andere Haus hat vielleicht Ihre Zustimmung oder auch Ihre Ablehnung auf sich gezogen, vielleicht aber auch nur ein wenig Beachtung gefunden. Wahrscheinlich jedoch ist Berlin in seiner Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit wieder ein kleines Stück vertrauter und bekannter geworden. Das war jedenfalls unser Wunsch.

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