03.09.2012

Beton-Pilze und städtisches Wohnzimmer - der albanische Beitrag

Albanien, 700 Kilometer Luftlinie über die Adria von Venedig entfernt, gastiert außerhalb der Haupt-Spielorte Arsenale und Giardini im Palazzo Zorzi. Dort hat das venezianische Büro der UNESCO ihren Sitz. Das passt gut zusammen, denn zwei der neun Beiträge sind Arbeiten an Weltkulturerbe-Stätten, die Restaurierung der Villa Themistokli in Korça und die von drei traditionellen Häusern in Gjirokastra.

Alle Projekte zeigen eine enorme Bandbreite an planerischen und künstlerischen Aktivitäten des Landes, das seit 1990 als freie Nation den Anschluss an die westliche Welt betreibt. Verschiedene Generationen arbeiten an den Projekten, die einen „Common Ground“ haben: Albaniens bedeutende historische Baukultur als Basis für neue Ideen. Die reichen von der künstlerischen Aneignung des 1.500 Quadratmeter großen, lange ungenutzten Innenhofs des Nationalhistorischen Museums in Tirana bis zur Restaurierung historischer Stadtzentren. Es werde nur ein kleiner Teil dessen gezeigt, was sich in Albaniens äußerst reger „Szene“ tue, betont der Kurator Ilir Voci, übrigens zugleich Besitzer und Retter der Villa Themistokli.
Leider sind die meisten Beispiele schlecht begreifbar; im ersten Saal hängen die Tafeln mit Plänen, Fotos und Texten so hoch, dass man sie schlicht nicht lesen kann.

Zwei sehr gegensätzliche Projekte stechen hervor: „Urban Living Room“, ein Masterplan für Tiranas Zentrum entlang eines Boulevard aus den 1930er Jahren, und „Concrete Mushrooms“, unzählige geerbte Bunker aus den kommunistisch regierten Jahrzehnten. Nicht nur die Aufgaben, auch die Teams könnten unterschiedlicher kaum sein: ein weltbekanntes Büro und eine Initiative auf Non-Profit-Basis.

Grimshaw Architects ist für den Masterplan mit der Verlängerung des Boulevards um drei Kilometer zuständig und legt zudem einen neuen, 14 Quadratkilometer umfassenden Park an. Mit einer Sequenz öffentlicher Plätze reagiert das Büro auf vorhandene Muster im Stadtgrundriss, der Park verläuft entlang des Flusses Tirana; auch er richtet sich an die Bevölkerung der mediterranen Stadt, wo man sich am liebsten draußen aufhält. Dargestellt sind die Planungen in einem filigranen, wandlangen Papierrelief, das so detailliert ausgearbeitet ist, dass man mit langsamen Schritten entlang spaziert und immer wieder anhält, um sich in eine Situation zu vertiefen.

Der letzte Raum empfängt einen mit dem interessantesten Thema und eindrucksvollen Zahlen. 3.000.000 Millionen Einwohner hat Albanien und – geschätzte 750.000 Bunker. Das gesamte Land ist mit dem Punktraster der halbkugeligen Betonbunkerdächer überzogen. Hinter dieser Absurdität steht die Paranoia des kommunistischen Diktators Enver Hoxha, der von 1943 bis 1985 regierte und Albanien die völlige Abschottung verordnete. Mit dem teuren Bunkerprogramm sorgte er für Mangelernährung und die Stagnation der Entwicklung des Landes. Die Haupinitiatoren der Erforschung, Erhaltung und Umnutzung der Bunker, Elian Stefa und Gyler Mydyti, schreiben in ihrem Katalog denn auch bitter, dass Albanien wohl das einzige Land sei, das in Friedenszeiten Bunker baue. Und gehen in die Offensive gegen das Lager, das dieses Erbe am liebsten durch flächendeckenden Abriss tilgen möchte. Sie sehen in den Beton-Pilzen nach 50 Jahren längst einen Teil der albanischen Identität und setzen auf die Integration der Bunker in den Alltag durch Umnutzung. Wie das geschehen kann, zeigen eindrücklich, unverkrampft und witzig Filmsequenzen: Die Bunker werden zu Imbissbuden, Friseursalons, Weinkellern, Künstler haben sie als Projektionsfläche entdeckt, und auch als öffentliche Toiletten können sie genutzt werden. (Christina Gräwe)

Fotos: Thomas Spier