30.08.2012

In Venedig kreist die Architektur um sich selbst

Da steht Peter Eisenman vor den „Piranesi Variations“, seinem Beitrag zur Hauptausstellung, und erklärt mit energischen Handbewegungen. „Architects cannot save the world, architects cannot solve anything. They should concentrate on what they can do and that is building.“ Zurück ans Zeichenbrett? Schluss mit all den sozialen, ökologischen und politischen Debatten, an denen sich gerade die jüngere Architektengeneration so engagiert beteiligt?

Auf viele Beiträge zu David Chipperfields „Common Ground“-Ausstellung trifft dies zu. Hier befassen sich die Architekten zumeist mit der Baukunst, mit anderen Architekten – oder einfach mit sich selbst. Schon lange hat sich keine Venedig-Biennale so intensiv mit Formen und Modellen beschäftigt, sie füllen Halle nach Halle, und die meisten davon konzentrieren sich auf das Gebäude als singuläres Objekt, nur selten wird die Umgebung oder der Bewohner gezeigt, lieber wird das gute Detail und das feine Material präsentiert. „Form vor Kontext“ gilt für Hans Kollhoffs Stilstudien genauso wie für Zaha Hadids Konstruktionsexperimente, auch wenn sich die Positionen sonst diametral gegenüber stehen.

Nicht, dass das nicht auch tolle Momente hätte. Aus der Vielzahl an höchst unterschiedlichen Positionen in der Ausstellung entsteht ein abwechslungsreicher und durchaus unterhaltsamer Rundgang, der an vielen Stellen eine Vertiefung lohnt: Olgiatis großformatiger Dia-Tisch, das „Museum of Copying“ von FAT Architects, Norman Fosters wilde Videoinstallation „Gateway“ und Alvaro Sizas wunderbare Pavillonskulptur, die mit nur zwei knickenden, weinroten Wänden zeigt, welche Poesie sich aus Wand, Raum, Farbe und Licht ergeben kann.

Trotzdem stellt sich irgendwann Enttäuschung ein. Es fehlt insgesamt das Radikale, das Erfrischende, das wirklich überraschend Neue. Unter all der guten und sehr guten Architektur, die gezeigt wird, fehlt es letztlich an Themen, die mit Leidenschaft und Überzeugung präsentiert werden. Was vielleicht daran liegen mag, dass Chipperfield auch in Sachen Eurozentristik die Höchstpunktzahl erhält: Von 69 eingeladenen Architekten und Künstlern stammen 52 (!) aus Europa, davon wiederum eine große Mehrheit aus der Schweiz und aus England. Asien, Afrika und Lateinamerika finden quasi nicht statt.

Sicher mag das auch an der inakzeptabel kurzen Zeit liegen, die Chipperfield nach den politischen Turbulenzen Italiens noch blieb, um eine Ausstellung in diesen Ausmaßen vorzubereiten. Allzu leichtfertig sollte man eine ab und an sicher fehlende kuratorische Handschrift also nicht kritisieren. Da sich aber auch die überwiegende Anzahl an Länderpavillons mit ähnlich architektur-besinnlichen Themen beschäftigen, könnte man die Frage ableiten, ob die Architektur sich in einem Moment der Selbstreflexion (oder Ratlosigkeit?) befindet. Das könnte schön sein. Dann steht uns vielleicht bald etwas wirklich Neues bevor.

So ist es ein großes Glück, dass die Jury die Goldenen Löwen in diesem Jahr ganz gezielt an die Projekte vergeben hat, die sich klar mit sozialen Themen beschäftigen. Da ist der japanische Pavillon, in dem sich Toyo Ito mit dem Wiederaufbau einer Tsunami-verwüsteten Region beschäftigt. Nicht theoretisch, sondern praktisch.

Und dass mit dem „Torre David“ von Urban-Think Tank (aus Venezuela) und Justin McGuirk (ein bisschen England auch hier) die lebendigste und leidenschaftlichste Installation völlig zu recht mit dem Goldenen Löwen für den besten Beitrag ausgezeichnet wurde, ist ebenfalls ein großes Glück für „Common Ground“: „Wir wollten ein Stück Caracas nach Venedig bringen“, grinst Alfredo Brillembourg in unsere Kamera. Und bei der Verleihung der Löwen in den wunderbar nach Old Europe riechenden Giardini ruft Hubert Klumpner ins Mikro: „You must recognize: On a global level, you are the exception! Torre David is the rule! Informalization, Globalization, Poverty, Empowerment, Energy should be our topics.“ Unbeabsichtigt aber passend hallen gleichzeitig laute Schreie übers Giardini-Gelände, denn vor dem russischen Pavillon demonstrieren Maskierte für die Freilassung von Pussy Riot. Da ist das alte Europa und seine Baukunst auf dieser Biennale doch noch für einen ganz kurzen Moment ins Grübeln geraten. (Florian Heilmeyer)

Zum Interview mit Urban-Think Tank