29.08.2012

MVRDV: Urbanismus braucht Überraschung!

Winy Maas, auf der Architektur-Biennale in Venedig sind Sie mit Ihrem Beitrag „The why factory“ vertreten. In einem bunten, comicartigen Film beschreiben Sie die Loslösung von geltenden Baubestimmungen und Masterplänen. Ihre Idealstadt „Freeland“ wird von ihren Bewohnern selbst gestaltet. Wie soll das funktionieren?

Der Vorschlag ist ein Traum und zugleich ein Protest. Ein positiver, konstruktiver Protest gegen das Unvermögen großer Pläne, Beteiligungen und Initiativen zuzulassen. Die meisten Bauvorschriften sind überholt, dumm oder schlichtweg frustrierend. Ich denke, dass eine gewisse Spur Überraschung in der Stadtplanung notwendig ist. Natürlich ist es nicht einfach, mitten in Paris alles von Grund auf neu zu planen. Doch in Almere haben wir dazu die Möglichkeit. Auf einem 4000 Hektar großen Polder planen wir gerade eine Stadt mit 20.000 neuen Eigenheimen. Dieser Ort basiert auf den Gedanken, die wir mir „Freeland“ zeigen wollen. In einem späteren Stadium sollen diese auch auf bestehende Städte angewendet werden.

Was hat es mit dem Titel „The why factory“ auf sich?

Indem wir einen Hyper-Individualismus einfordern, beginnen wir uns zu fragen, wann wir unseren Nachbarn brauchen. Um die Müllversorgung zu organisieren, müssen wir miteinander reden. Dasselbe gilt für Anschlüsse: Was passiert, wenn ich einen Heizkessel möchte und mein Nachbar auch? Wir untersuchen im Moment zusammen mit der niederländischen Regierung, wie viele Kessel sich im Boden verstauen lassen und wie Anschlüsse mit unterschiedlichen Längen installiert werden können. Wir haben dafür schon zahlreiche Tests durchgeführt, die auch nicht billig waren. Doch von Seiten der Industrie wird diese Entwicklung nicht getragen. Darum müssen wir selbst herausfinden, wie hohe Individualität und hohe Dichte miteinander funktionieren können. Darin liegt zugleich die Verbindung zum Biennale-Thema Common Ground: Wie kann aus einer Vielzahl von „i-lands“ schließlich ein „we-land“ entstehen?

Ihre Energie sollen sich die Bewohner von „Freeland“ über Windräder und Solaranlagen selbst produzieren und somit autark vom Stromnetz werden. Wie realistisch ist diese Vorstellung?

In einigen Teilen von Europa ist sie schon längst Wirklichkeit. In Wallonien sind bereits 50 Prozent der Häuser unabhängig vom Stromnetz. Und bei uns in den Niederlanden entwickelt sich gerade der Energieanbieter Eneco immer mehr vom Netzanbieter zum Anbieter von Produkten, um sich selbst mit Energie zu versorgen. Das ist ein riesiger Schritt. Dass die Entwicklung mancherorts noch stockt, ist eine Frage der Gesetzgebung. So gibt es noch immer einen rechtsgültigen Anspruch auf einen Stromanschluss, wodurch Raum für Leitungen blockiert wird. In Almere werden wir diese Bestimmungen daher aufheben.

Sie meinen einen rechtsfreien Raum?

Nicht ganz. Natürlich darf man seinen Nachbarn nicht erschießen. Doch „Freeland“ wird wie eine eigene, 4000 Hektar große Republik sein, in der bestimmte Baugesetze nicht mehr greifen. Mehr als ein Jahr wurde in der Politik über unseren Vorschlag diskutiert und schließlich zugestimmt. Natürlich hat geholfen, dass der neue Polder zu achtzig Prozent dem Staat gehört. Das ist eine spannende Entwicklung für viele weitere Planungen in der Zukunft. (Norman Kietzmann)